Kultur

Ein spezieller Abend am Gotthard-Klassik-Festival: Wo selbst Wagner zum Volksmusikanten wird

Beim Abendkonzert in Andermatt spielen «Rämschfädra» auf. Das Quartett besteht aus Sonja Füchslin (Klavier und Violine), Patrizia Pacozzi (Violine und Viola), Severin Suter (Violoncello) und Livia Bergamin (Flöte).

Beim Abendkonzert in Andermatt spielen «Rämschfädra» auf. Das Quartett besteht aus Sonja Füchslin (Klavier und Violine), Patrizia Pacozzi (Violine und Viola), Severin Suter (Violoncello) und Livia Bergamin (Flöte).

Das Quartett Rämschfädra foutiert sich um Konventionen. Da wurde die Suche nach Wagners Rheingold am Donnerstagabend zum musikalischen Abenteuer.

Eigentlich haben alle Mitglieder des Rämschfädra-Quartetts eine klassische Ausbildung genossen. Als hochqualifizierte Mitglieder spielen sie in Kammerorchestern oder erteilen als Lehrpersonen Unterricht. Doch bei all dem sind sie rebellisch geblieben. Ihre Herzen schlagen nach wie vor stark für die Volksmusik. Für «Urmusik», wie sie sagen. Ja, was tun, wenn «zwei Seelen ach, in einer Brust wohnen»? Die Bündnerin Livia Bergamin (Flöten), die Walliserin Patrizia Pacozzi (Violine und Viola), die Luzernerin Sonja Füchslin (Klavier und Violine) und der eigenwillige Schwyzer Cellist Severin Suter sind entschlossen, musikalische Konventionen zu brechen.

Mit wildwüchsigen, oft spitzbübischen Arrangements hüpfen sie von einer Gattung zur anderen. Traditionelle Vorlagen – ob man sie nun bei Meister Richard Wagner persönlich entlehnt oder Ländlerkönig Luzi Bergamin abguckt – werden nach allen Regeln der Kunst einstudiert. Jedoch: bloss, um sie im fast selben Atemzug fantasievoll mischen und mit vielen eigenen kompositorischen Zutaten dezent würzen zu können. Im Konzert werden die Vier immer auch zu humorvollen, verschmitzten Erzählerinnen und Erzählern. Ein Konzertabend mit Rämschfädra fühlt sich an wie eine Reise in ein musikalisches Wunderland.

Von der Loreley zum Scaläratobel

Am Gotthard Klassik-Festival Andermatt lädt Rämschfädra das Publikum am Donnerstagabend in der Kirche zu einer Suche nach dem Niebelungenhort und Wagners sagenhaftem Rheingold ein. Flötistin Bergamin und Pianistin Füchslin verblüffen mit dem Einsatz verschiedener Instrumente. Hier schäkert das Xylofon mit Piccolo und Flöten aller Art, dort verstummen Füchslins Klaviertasten plötzlich zu Gunsten von Saiten einer hervorgezauberten Violine. Patrizia Pazocci vermittelt mit der Geige schillernde Klangfarben: unbekümmert und in oft horrendem Tempo. Und Severin Suter, der das harmonische und rhythmische Fundament liefert, braucht sein Cello – ganz schön frech – auch einmal als Perkussionsinstrument. Gestartet wird die abenteuerlich musikalische Rheinfahrt mit einem Tanz in Holland. Doch bald schon sitzt die Kapelle in einer Kölner Beiz bei einem würzigen «Kölsch». Und wie die Musiker leicht angesäuselt sind, bieten sie einige Überraschungen.

Stimmungsvolles Ambiente in der Kirche in Andermatt.

Stimmungsvolles Ambiente in der Kirche in Andermatt.

Patrizia Pacozzi nutzt die Gunst der Stunde, um August Kopischs ellenlanges Gedicht zu Kölner Heinzelmännchen zu rezitieren. Glücklicherweise belässt man es dann bei einer witzigen Version zu Kurt Noacks Gassenhauer «Heinzelmännchens Wachtparade». Natürlich wird Severin Suter von Heinrich Heines «Loreley» bezirzt. Die Frauen aber ahnen, «warum er so traurig ist», holen ihn flugs zurück in Richard Wagners (beinahe) Wirklichkeit. Den deutschen Meister, den sie so sehr schätzen, laden sie dazu ein, ein bisschen Volksmusikant zu werden. Dabei scheuen sie den freien Umgang mit seinen imposanten Melodien nicht. Wie schön sich doch ein traditionelles Zäuerli oder ein Ländler mit Wagners Tönen verbinden lassen! Doch nun erwacht – Wagner’schem Deutschtum zum Trotz – typisch schweizerisches Heimweh.

Bündnerische Melodien

Die Reise geht sodann von Basel nach Schaffhausen. Dort glaubt das Quartett, des Schatzes endlich habhaft zu werden. Aber dann ist da nur eine Löwenzahnwiese! Die animiert Pacozzi dem Ensemble den Namen Rämschfädra (Löwenzahn in Walliserdeutsch) zu geben. Die Flussfahrt mit stets leidenschaftlich dargebotener Musik geht weiter ins Bündnerland, wo man den Schatz in Luzi Bergamins gespensterhaftem Scaläratobel sucht, kredenzt in traditionell bündnerischen Melodien. So viel sei verraten: Rämschfädra findet den Schatz weder da noch dort. Wohl deshalb setzen sie an den Schluss ihr zweifaches Rheinquell-Intermezzo «Uf Rhyderluaga». Auf Wiedersehen Rämschfädra! Hoffentlich schon bald.

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