Ein Unglück erschüttert Escholzmatt in seinen Grundfesten: SRF-Dokudrama zum Schiffsunglück auf dem Vierwaldstättersee von 1944

Nach dem Buch arbeitet eine Fernseh-Dokufiktion das tragische Ereignis, bei dem 20 Personen einer Hochzeitsgesellschaft zu Tode kamen, filmisch auf.

Regina Grüter
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Bräutigam Gody Studer (Dominique Müller) mit Braut Pia (Judith Koch) an der Hochzeitsfeier.

Bräutigam Gody Studer (Dominique Müller) mit Braut Pia (Judith Koch) an der Hochzeitsfeier.

SRF/Sava Hlavacek

Godi Studer wollte seinen Hochzeitsgästen etwas Besonderes bieten. Ein Ausflug nach Luzern war so etwas. Viele Escholzmatter gingen das erste Mal überhaupt in die Stadt. Als Lehrer und Dirigent der Kirchenmusik war Studer nicht nur beliebt, als langjähriger Junggeselle hatte er auch die finanziellen Mittel dazu. Der schöne Gedanke, der hinter der geplanten Hochzeitsfeier stand, macht deren Ausgang umso tragischer.

Mit der Reihe «Es geschah am…» hat sich das Schweizer Fernsehen zum Ziel gesetzt, Ereignisse aus der jüngeren Schweizer Geschichte mit nachgestellten Szenen und Aussagen von Zeitzeugen zu einem vielschichtigen Dokudrama zu verdichten. Nach «Der Geisterzug von Spiez» und «Der Postraub des Jahrhunderts» geht es nun weiter zurück in der Geschichte, ins Jahr 1944. Schauplatz ist Escholzmatt im Entlebuch; ein Bauerndorf, an dem der Zweite Weltkrieg auch nicht ganz spurlos vorüberging. So ein Fest, das war schon was.

Vierzehn Kinder verlieren ihre Eltern

Am Abend wird im Hotel St. Niklausen am Vierwaldstättersee gefeiert. Auf der Rückfahrt nach Luzern kollidiert das Motorboot mit den verbleibenden 33 Hochzeitsgästen mit einem Nauen; 20 Menschen sterben, 14 Kinder werden zu Vollwaisen. Der Bräutigam muss mit ansehen, wie seine eben Angetraute, Pia Portmann, ertrinkt.

Man muss kein Fan des Mischgenres Dokufiktion sein, um «Bis dass der Tod euch scheidet» etwas abgewinnen zu können. Der Fernsehfilm lebt von seinen äusserst sympathischen Protagonisten. Natürlich und bescheiden berichten sie von ihren Erinnerungen und machen spürbar, wie das Unglück eine ganze Dorfgemeinschaft traumatisiert hat. Die Schwestern Lisbeth Lischer-Studer und Rosa Stadelmann-Studer, die Nichten von Godi Studer, oder Hermann Studer, den Godi Studer dann zu sich nahm: Sie waren damals noch Kinder und haben von einem Tag auf den anderen ihre Eltern verloren. Die Spielszenen ergänzen und unterstreichen das Gesagte und lassen auch eintauchen in eine Welt, die man aus Erzählungen der eigenen Eltern und Grosseltern kennt. Man darf sie als gelungen bezeichnen.

2019 ein Buch über die Ereignisse veröffentlicht hat Sämi Studer, der Enkel des Bräutigams aus zweiter Ehe. Auch er kommt zu Wort, als Experte quasi, aber auch als Nachfahre. Auf seinen Recherchen konnte der Film weitgehend aufbauen. Mit Meinrad Grüniger aus Beckenried findet auch die Perspektive von Eduard Murer, der den Nauen gesteuert hat, Eingang in die Geschichte. Auf ebenso sympathische, ja liebenswerte Weise verdeutlicht er, wie sehr auch sein Onkel unter dem Unglück gelitten hat. Mit einfachen Schuldzuweisungen wie in damaligen Medienberichten wird aufgeräumt. Es sei ihr in der ganzen Zeit nie in den Sinn gekommen, jemandem dafür die Schuld zu geben, sagt Rosa Stadelmann-Studer. «Das hat ja niemand gewollt.»

«Es geschah am… Bis dass der Tod euch scheidet»: Samstag, 28. November, 20.10 Uhr, SRF1; ab sofort auf der neuen Streamingplattform «play suisse».