Einmal im Leben ein Rapper sein

Was geht ihn der alltägliche Rassismus in den USA an? Wieso begeistert ihn Kendrick Lamars Album ­ «To Pimp a Butterfly» dermassen? Der Luzerner Christoph Fellmann wollte es wissen und hat rappen gelernt.

Regina Grüter
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Rapper Christoph Fellmann bei seinem Auftritt im Südpol. (Bild: Franca Pedrazzetti/PD)

Rapper Christoph Fellmann bei seinem Auftritt im Südpol. (Bild: Franca Pedrazzetti/PD)

Als US-Rapper Kendrick Lamar 1987 in Compton, Los Angeles, geboren wird, sitzt Teenager Christoph Fellmann in seinem Kinderzimmer in Horw, Luzern, und hört Indie-Rock. Morrissey ist sein Idol, der Sänger von The Smiths. Er will so sein wie Morrissey, kleidet sich wie Morrissey, will sich verlieben wie Morrissey. 31 Jahre später steht Christoph Fellmann auf der Bühne in der Grossen Halle im Luzerner Südpol und rappt «Wesley’s Theory», den ersten Track von Kendrick Lamars Album «To Pimp a Butterfly», ins Mikrofon. Wie konnte es so weit kommen?

Am Anfang stand Fellmanns «Idee eines mittelalten, mittelständischen, mitteleuropäischen Mannes, ein Rapper zu werden und eines der besten Hip-Hop-Alben des 21. Jahrhunderts zu covern». Als das Album 2015 herauskam, arbeitete Christoph Fellmann noch als Musikkritiker für den «Tages-Anzeiger». Das schmerzhafte Selbstbewusstsein eines amerikanischen Schwarzen habe in Kendrick Lamar eine neue, ebenso irritierende wie begeisternde Stimme gefunden, schrieb er damals.

«Darf ich das? – Wird das was»?

Inzwischen hat Fellmann das Kritikerdasein aufgegeben und überlässt anderen die Mühsal. Denn er hat schon recht, wenn er fragt: «Wie komme ich als Kritiker dazu, diese Musik zu ‹erklären›?»

Mit der Musikperformance «This Dick ain’t Free» ist der ­Autor und Theatermacher Fellmann seiner Begeisterung zusammen mit dem Musiker Martin Baumgartner auf den Grund gegangen. Baumgartner hat alle sechzehn Songs bearbeitet und arrangiert. Gibt es tatsächlich so etwas wie eine Schnittmenge zwischen Fellmann und Kendrick Lamar, zwischen Horw, Luzern, und Compton, Los Angeles? «Darf ich das? Wird das was? Wird das sogar schwarz?», fragte Fellmann?

Natürlich darf er das. Kendrick Lamar darf ja auch ein Oasis-T-Shirt tragen. In ironischer Anspielung auf den Auftritt Lamars am Zürich Open Air, wo dieser eben ein Shirt besagter Britpop-Band anhatte, machen Fellmann an der Gitarre und Baumgartner am Flügel aus dem Interlude «For Free?» ihre Version des Oasis-Hits «Don’t Look Back in Anger».

Ja, doch, Fellmann hat rappen gelernt. Mit Luzi Rast von der Band Geiler As Du hatte er offenbar einen guten Coach. Aber nein, schwarz – was auch immer das heisst – wurde das nicht, aber das weiss Fellmann auch. Nicht umsonst wird die Compton-Block-Party in der «Pause» zum Kindergeburtstag. Unter der Discokugel gibt es Mohrenköpfe und Gummibärchen, und aus dem Ghettoblaster strömt nicht «Fight The Power» von Public Enemy, sondern Trudi Gersters Geschichte «Vom dumme Negerli», besser bekannt als «Wumbo, Wumbo». Immerhin, es wird geraucht und Bier getrunken, aber Horw ist eben nicht Compton.

Plakativ? Im zweiten Teil setzt Martin Baumgartner zu einem schnell vorgetragenen philosophischen Exkurs zum Thema Sprachbedeutung an. Fellmann wechselt die Rollen vom benachteiligten afroamerikanischen zum privilegierten weissen Rapper. In Anlehnung an Lamars «Mortal Man» erzählt er etwa von angebranntem, fadem Risotto, «yeah, das esch min Shit, the Ghost of Mandela» und macht damit auf witzige Weise klar, wie unvereinbar die beiden Rollen einerseits sind. Doch wie Kendrick Lamar wird auch Christoph Fellmann in den Widersprüchen zerrieben. Kann James Baldwin helfen? Ist Kendrick Lamar ein Rapper für die Weissen, ein hypocrite?

«Hochnotkomischer ­Selbstversuch»

Christoph Fellmann erklärte «This Dick ain’t Free» als «hochnotkomischen Selbstversuch eines ehemaligen Rockfans, den Hip-Hop nicht nur zu lieben, sondern auch zu leben.» Im Ernst liegt die Komik, und in der Komik liegt der Ernst, oder so. Jeder Besucher wird etwas anderes nach Hause nehmen von diesem irgendwie lustigen, irgendwie verstörenden Abend. Derjenige, der den Hip-Hop schon liebte, als Christoph Fellmann im Kinderzimmer Indie-Rock hörte, wird mit Sicherheit das dringende Bedürfnis verspüren, «To Pimp a Butterfly» auf den Plattenteller zu legen. Und das ist was Gutes.

«This Dick ain’t Free». Letzte Aufführung heute, Samstag, 24. November 2018, um 20 Uhr im Südpol Luzern, Grosse Halle. Eintritt Fr. 15.–. www.sudpol.ch.