Kultur

«Erstklassik» am Sarnersee: Wandern auf den Spuren himmlischer Musik

Das Oboen-Trio mit Heinz Holliger, Marie-Lise Schüpbach und Andrea Bischoff.

Das Oboen-Trio mit Heinz Holliger, Marie-Lise Schüpbach und Andrea Bischoff.

Beim ‹Erstklassik›-Wanderkonzert in Sachseln begegnet das Publikum der Mystikerin Hildegard von Bingen ebenso wie dem Oboen-Virtuosen Heinz Holliger.

Die Treppe zur kleinen Kapelle Flüeli Ranft ist steil. Führt über zahllose Stufen. «Himmelstreppe» wurde sie deshalb auch schon genannt. Nun: in den Himmel steigen wollen die mit Windjacken und Wanderschuhen ausgerüsteten Leute an diesem Sonntagabend kaum. Was sie sich aber erhoffen, sind «himmlische Töne»: zur Eröffnung von «Erst Klassik am Sarnersee 2019». Und wenn man dann in engen Kirchenbänken sitzt, wie es ruhig wird, erklingen solche Töne aus der Sakristei. Intoniert durch Sam Lutzkers Violoncello, Alice Webers Viola und David van Dijks Violine.

Hohe und tiefe Töne mit weiträumigen Tonumfängen und grossen Intervallen sind es, die Hildegard von Bingen (1098–1179) – als wohl erste Komponistin – aus ihrer eigenen Erfahrung himmlischer Harmonie geschaffen hat. Das Trio interpretiert die gregorianischen Gesänge feinfühlig. Aber auch eigenwillig. Teilt sie auf die drei Instrumente auf und baut damit eine Brücke vom Mittelalter zur Gegenwart. Eingerahmt werden die alten Lieder durch Streicher-Solostimmen in zwei Werken Johann Sebastian Bachs. Sam Lutzker spielt mit Hingabe und Musikalität Bachs Cellosuite Nr. 2 in d-Moll. Bach lotete mit ihr die technischen Grenzen des Soloinstruments aus.

Nicht weniger anspruchsvoll ist Bachs Sonate Nr. 1 g-Moll für Violine. Diese gibt David van Dijk mit Können wieder. Nach spielerisch verzierten, figurierten Tönen Wolfgang Amadeus Mozarts (Duo für Violine und Viola G-Dur) schicken David van Dijk und Alice Weber das Publikum auf die Wanderung zum Sachsler «Museum Bruder Klaus».

Musik tatsächlich neu erleben

«Wenn man – im Ohr noch mit Mozarttönen – zum nächsten Konzert wandert, erlebt man Musik anders und neu», sagt der frühere Obwaldner Kulturdirektor Franz Enderli. Und Regisseur Geri Dillier meint: «Die Verbindung zwischen Hildegard von Bingens und Bachs sakraler Musik in der alten Kapelle zur Oboen-Kammermusik im früheren Herrschaftshaus über eine Wanderung herzustellen, finde ich wunderbar.» Intendantin Elisabeth Melcher-Arquint ist rundum zufrieden. «Diese Kombination von Musik und Wandern wollen wir beibehalten», verspricht sie. Mäzen Claus Hipp bringt es auf den Punkt: «Wandernd kommt man sich näher als jemals in grossen Konzertsälen.»

Verführerische Klänge

Die Gelegenheit, dem heuer 80-Jährigen, noch immer unglaublich vitalen und virtuosen Festivalgast Heinz Holliger einmal hautnah zu begegnen, will an diesem Abend niemand verpassen. Im Museum Bruder Klaus muss denn selbst die letzte Treppenstufe als Sitzplatz dienen. Im Trio mit Festivalinitiantin Marie-Lise Schüpbach und Andrea Bischoff (Englischhorn und Oboe) hat Ausnahmekönner Holliger ein ziemlich einzigartiges Programm zusammengestellt. Dank Musik aus verschiedensten Zeiten erhalten Oboen und Englischhorn die Chance, sich in vielen Farben und mit all ihren Möglichkeiten zu präsentieren. Dabei bespielt das Trio das ganze Haus vom obersten Stock die Treppe runter in den Publikumssaal. Fantasievoll. Variantenreich.

Aus dem Jahr 1795 stammen Ludwig van Beethovens Variationen zu Mozarts fast frivoler Don-Giovanni-Arie «La ci darem la mano». Als Gegensatz dazu aus dem Jahr 1951 Benjamin Brittens Metamorphosen nach Ovid. Ihren Gipfelpunkt erreicht die musikalische ­Wanderung nach Ruth Crawford-Seegers «Diaphonic Suite» (Marie-Lise Schüpbach) mit Anton Wranitzkys witzig lieblichem Trio für zwei Oboen und Englischhorn.

Dass das Publikum sich nach schier unendlichem Applaus, beim Aperitif riche, mit Heinz Holliger und all den andern Interpretinnen und Interpreten gar persönlich unterhalten kann, setzt dem musikalischen Wandern noch das Tüpfelchen aufs i.

Meistgesehen

Artboard 1