Festival da Jazz

Festival-Gründer sieht Corona als Chance: «Wir können Abstände besser einhalten als Stadttheater»

© Interview: Stefan Künzli

Das Festival da Jazz St. Moritz findet in angepasster Form statt. Festival-Gründer und Gemeindepräsident Christian Jott Jenny zu den Herausforderungen in Zeiten von Corona.

Eigentlich ist er ein Sänger. Doch weil Christian Jott Jenny überraschend zum Gemeindepräsidenten von St. Moritz gewählt wurde, bewegt er sich seit 2019 vor allem auf der politischen Bühne. Jenny brennt aber immer noch für sein Festival da Jazz, das er gegründet hat und das als eines der wenigen Sommerfestivals stattfinden wird.

Christian Jott Jenny, Sie haben früh gemeldet, dass Ihr Festival da Jazz trotz Corona durchgeführt wird. Wussten Sie von den Lockerungen?

Christian Jott Jenny: Die Lockerungen hatten sich ja angekündigt. Ein bisschen Spekulation, respektive Optimismus war aber dabei. Andererseits waren wir immer ein Boutique-Festival, keine Massenveranstaltung. Damit hatten wir von Anfang an bessere Chancen.

Welche Auswirkungen haben die Vorgaben auf Ihr Festival? Wird es im legendären, aber kleinen Dracula Club Konzerte geben?

Graf Dracula lassen wir in seinem wohlverdienten Sommerschlaf. Ausserdem ist mit der Coronapandemie die Fledermaus, das Wappentier des Dracula-Clubs, etwas in Verruf geraten.

Der Dracula Club ist schon seit Jahren das Zentrum des St. Moritzer Kulturfestivals.

Der Dracula Club ist schon seit Jahren das Zentrum des St. Moritzer Kulturfestivals.

Gäbe es weitere Lockerungsschritte, wäre dann die Rückkehr in den Dracula-Club doch noch denkbar?

Noch im Februar hielten wir es für unmöglich, dass eine Pandemie Europa lahmlegen könnte, im März war sie Realität. Wer weiss, was im Juli sein wird? Doch ich denke, auf den Dracula-Club freuen wir uns wieder im nächsten Jahr. Krisen dieser Art bieten immer Chancen. Etwa die Möglichkeit, neue Ecken und Winkel in St. Moritz kennen zu lernen. Und einen Ort anders zu erleben. St. Moritz ist glücklicherweise voll von teilweise noch unentdeckten Spielstätten und Spielwiesen. Haben Sie den Film «Grand Hotel Budapest» gesehen? Das gibt es bei uns noch immer!

Plötzlich Gemeindepräsident

Christian Jott Jenny – MultitalentDer 41-jährige Zürcher Christian Jott Jenny ist ein Schweizer Sänger und Entertainer. Jenny kreierte die Figur des Gesellschaftstenors Leo Wundergut. 1997 gründete er die Produktionsfirma Amt für Ideen, die Musiktheater und ähnliche Programme produziert. 2007 rief er das Festival da Jazz in St. Moritz ins Leben, das er bis zu seiner überraschenden Wahl zum Gemeindepräsidenten von St. Moritz als künstlerischer Leiter führte. Im Amt ist er seit dem 1. Januar 2019. (sk)

Christian Jott Jenny – Multitalent

Der 41-jährige Zürcher Christian Jott Jenny ist ein Schweizer Sänger und Entertainer. Jenny kreierte die Figur des Gesellschaftstenors Leo Wundergut. 1997 gründete er die Produktionsfirma Amt für Ideen, die Musiktheater und ähnliche Programme produziert. 2007 rief er das Festival da Jazz in St. Moritz ins Leben, das er bis zu seiner überraschenden Wahl zum Gemeindepräsidenten von St. Moritz als künstlerischer Leiter führte. Im Amt ist er seit dem 1. Januar 2019. (sk)

Wie halten Sie es mit der Distanz an den Konzerten? Können Sie etwas zum Schutzkonzept sagen?

Wir haben keine Spielstätten mit fixer Bestuhlung wie in einem Stadttheater. Daher können wir Abstände besser einhalten. Das Schutzkonzept müssen wir nun im Detail auf Herz und Nieren prüfen. Alles in allem Wir halten uns an die Vorgaben und wollen allen Beteiligten Sicherheit bieten. Wer sich ebenfalls daran halten will, soll das bei uns können.

Der Bundesrat rät zur Eigenverantwortung. Es gibt Spielraum. Sind Sie eher auf der vorsichtigen oder der mutigen Seite?

Unser diesjähriges Motto lautet «A Gentle Return to Live Music», eine behutsame Rückkehr zur Livemusik. Wir haben sie monatelang vermisst. Ausnahmen waren singende Baritone auf dem Balkon oder kleine Platzkonzerte vor Altersheimen. Wir möchten, dass man wieder dabei sein kann, wenn Klänge entstehen. Aber nicht um jeden Preis. Wir laden zur Musik, nicht zum Gerangel oder zur Festhütte.

In diesen Zeiten sind Originalität und Ideenreichtum gefragt. Die Offenheit für neue Formen. Was können wir diesbezüglich in St. Moritz erwarten?

St. Moritz ist bekanntlich der Ort der Pioniere. Hier brannte die erste Glühbirne. Hier hat Hotelier Johannes Badrutt vor 150 Jahren mit seiner berühmten Wette die ersten Touristen in den Schnee gelockt und damit den Wintertourismus erfunden. Ich beobachte mit Freuden, dass sich nun viele sehr kreativ und innovativ für die kommende Sommersaison rüsten. Es gibt zig Ideen vom Pedalorennen bis hin zum Tontaubenschiessen ist alles dabei. Es wird etwas laufen in diesem Sommer in St. Moritz, das ist sicher!

Im Festival-Programm hat es, mit Ausnahme von Marla Glen, die in Deutschland wohnt, keine amerikanischen Stars. Wen hatten Sie vorgesehen?

Dave Grusin, Lee Ritenour, Herbie Hancock, Arturo Sandoval und John McLaughlin und viele mehr. Jetzt haben wir halt stattdessen Dieter Meier, James Gruntz und Michael von der Heide mit Heidi Happy.

US-Sängerin Marla Glenn überzeugt mit einer Mischung aus Blues, Soul und Jazz. Sie tritt dieses Jahr in Sankt Moritz auf.

US-Sängerin Marla Glenn überzeugt mit einer Mischung aus Blues, Soul und Jazz. Sie tritt dieses Jahr in Sankt Moritz auf.

Berücksichtigen Sie aus den bekannten Gründen in diesem Jahr mehr Schweizer Musikerinnen und Musiker?

Mit Ihrer Vermutung treffen Sie ins Schwarze. Wobei man sagen muss, die grossartige, wenn auch sehr kleine Othella Dallas, zum Beispiel, mag zwar in Basel wohnen, ist aber hundert Prozent Südstaatlerin, aus Tennessee.

Im Programm ist auch die koreanische Piano-Sensation Younee. Ist ihre Einreise gesichert?

Zuallererst Younee ist eine geniale Pianistin. Sie war im März auf Tournee in Europa, als das Coronaschlamassel ihr einen Strich durch die Rechnung machte. Nun darf sie endlich wieder auftreten.

Hat Kultur seit Ihrem Amtsantritt als Gemeindepräsident von St. Moritz an Bedeutung gewonnen?

Ich denke, St. Moritz hat in meinem Leben nochmal an Bedeutung gewonnen. Obwohl ich nicht gedacht hätte, dass noch mehr geht. Was den Rest betrifft, da müssen Sie andere fragen. Ich glaube, dass Kunst und Kultur der Schnee der Zukunft ist in Bergregionen wie unserer. Nun müssen wir nur noch das mit den Viren in den Griff bekommen.

Wie gross ist der Faktor Kultur im Rahmen der Tourismusstrategie von St. Moritz?

Es läge wohl mehr drin.

Der Lockdown ist für Sie im richtigen Moment gekommen. So konnten Sie sich auf ihr Amt als Gemeindepräsident konzentrieren.

Das geht in der Regel auch ohne Pandemie ganz gut.

Wie ist Ihre Zwischenbilanz in Ihrer politischen Funktion? Haben Sie noch nicht die Nase voll?

Die Arbeit mit der Verwaltung von St. Moritz bereitet mir grosse Freude. Der Rest ist Politik, da und dort arbeite ich noch an meiner Hornhaut.

Wie vereinbaren Sie ihr Amt mit Ihrer Rolle im Festival? Erhält das Festival mehr Geld von der Kommune?

Ich bin nicht mehr Festivaldirektor, sondern nur noch Gründer. Die Gemeinde und das Festival haben überdies dieselben Ziele, nämlich Gästen tolle Ferien zu ermöglichen. Und was Küngeleien angeht, die Sie implizieren. Das hier mag zwar das Engadin sein, aber wir sind kein Fussballverband.

Nehmen Sie nach dem Ende des Lockdowns Ihre künstlerische Arbeit mit Ihrer Kunstfigur Leo Wundergut wieder auf?

Leo Wundergut liegt neben Graf Dracula in einem Kühlschrank und wartet auf seine Auferweckung. Nein. Das ist gelogen, Leo Wundergut hat seinen Job nie aufgegeben, er macht sich einfach etwas rar dieser Tage.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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