Sie sind fünf, sechs Jahre alt und somit im Alter, in dem Kinder in der Schweiz in den Kindergarten oder gar in die Schule kommen. Doch Albiana, Chloe, Léon, Louis und Kenza sind spezielle Kinder. Sie wurden mit geistigen Behinderungen, zum Teil auch körperlichen Beeinträchtigungen geboren. Sie sind weniger selbstständig als Gleichaltrige, brauchen mehr Betreuung, zum Teil auch Pflege.

Was für andere Kinder ein oft mit Freude erwarteter Schritt auf dem Weg in eine eigene Selbstständigkeit ist, bedeutet im Leben der fünf kleinen Protagonisten von «A l’école des philosophes» eine tiefe Zäsur. Was in Fernand Melgars Dokumentarfilm vor Anfang an ins Auge springt, ist die sehr enge Beziehung der Kinder zu ihren Eltern.

Diese scheinen ihre Kinder bisher fast ausnahmslos rund um die Uhr selber betreut zu haben. Sie haben ihren Alltag, ihr Leben voll auf deren Bedürfnisse abgestimmt, und ihre oberste Sorge gilt deren Wohl – auch da, wo gesunde Geschwister deswegen massiv zurücktreten müssen.

Trailer – A l’école des philosophes

Fernand Melgar nun begleitet in «A l’école des philosophes» die fünf Kinder und ihre Eltern durchs Jahr der Einschulung. Sein Film setzt ein mit den vorbereitenden Gesprächen, welche die Eltern mit Jean-Philippe, dem Leiter der Sonderschule an der Rue des Philosophes in Yverdon-les-Bains, der Klassenlehrerin Adeline sowie den verschiedenen Betreuerinnen führen.

Auch kennen lernt man dabei Stefania, welche nach ihrer Matura ein Praktikum absolviert und zwischendurch erfrischend ehrlich Feedback gibt: Dass diese Arbeit enorm anstrengend ist und sie am Anfang nicht wusste, ob sie ein Jahr lang durchhält. Doch Stefania packt es, so wie die Kinder, die alle für ihre Verhältnisse riesige Fortschritte machen, ihre Eltern, Lehrerinnen und Betreuerinnen auch.

Seinen Abschluss nimmt «A l’école des philosophes» mit den Elterngesprächen gegen Ende des Schuljahres und dem Schulbesuch eines Jungen, der im nächsten Jahr in die Klasse eintreten wird.

Sorgfältiger Beobachter

Man kennt den Westschweizer Fernand Melgar – er hat sich in den letzten Jahren vor allem mit seinen drei Filmen zur Schweizer Flüchtlings- und Asylpolitik («L’abri», «Vol spéciale», «La forteresse») hervorgetan – als sorgfältigen Beobachter. Als ebensolcher erweist er sich nun auch hier. Er stellt kaum Fragen. Aber er schaut genau hin und hört aufmerksam zu. Er weicht dabei heiklen Themen – wie etwa der Frage, was ein behindertes Kind zu haben für die Eltern und ihre soziale Stellung bedeutet – nicht aus, und fängt mit Feingefühl auch sehr intime Momente ein: Das zärtliche Zwiegespräch eines Vaters mit seiner Tochter, die kaum kommunizieren kann, die Tränen – der Freude, der Erschöpfung – in den Augen einer Mutter.

Das Schönste, geradezu Beglückende an «A l’école des philosophes» aber sind die vielen Momente, die man mit diesen Kindern erlebt. Die Fragen in ihren grossen Augen. Ihre ungehemmte Freude, wenn etwas gelingt. Ihre anfänglich zögerliche, im Laufe der Zeit zunehmend selbstverständliche, gegenseitige Kontaktaufnahme, die letztlich ein Schritt hinaus ins Leben bedeutet.