Aki Kaurismäki ist der traurigste Mann der Welt. Das ist keine Pose. Dieser Mann ist derart sensibel, dass ihm Ungerechtigkeiten auf der Welt persönlich zusetzen. Seiner Traurigkeit begegnet er mit Humor. Seiner Hoffnungslosigkeit mit todtraurigen Filmen, die aber immer öfter glücklich enden. Im Gespräch ist er ironisch, aber nie respektlos. Ein sanftmütiger Sarkast und ein Humanist, allem zum Trotz.

Aki Kaurismäki, ich kann nur ein Wort auf Finnisch, und ich habe es aus Ihren Filmen gelernt. Ravintola. Restaurant.

Aki Kaurismäki: Ich kenne alle Restaurants der Welt. Wenn man in völliger Dunkelheit lebt, gibt es nicht viel mehr als eine Ravintola. Doch auch diese schliessen eine nach der anderen: Weil man drinnen nicht mehr rauchen darf, verlieren sie Kunden.

Sie sind auch bekannt dafür, Ihre eigenen Filme als schlecht zu bezeichnen.

Ich liebe sie, aber sie sind nicht gut genug. Ich lüge und lüge zugleich nicht.

Wann wäre ein Film in Ihren Augen perfekt? Welche Art von Perfektion möchten Sie denn gern erreichen?

Irgendein professionelles Level. Schauen Sie sich einen einzigen Film von Douglas Sirk an, dann wissen Sie, was ich meine. Oder sogar einen Fassbinder-Film.

Was haben denn diese Filme, das Sie gerne in Ihren Filmen hätten?

Ich bin zu sentimental. Wenn ich einknicke, lasse ich meine Gefühle den Film tragen. Das ist jedes Mal ein Fehler.

Sie bekommen Mitleid mit Ihren Figuren?

Ich habe Mitleid mit jedem.

Ich fürchte jedes Mal um Ihre Figuren.

Sie sollten, Sie sind das Publikum!

In Ihren Filmen kann man nie wissen, ob es ein gutes Ende nimmt oder ein sehr trauriges. Wie entscheiden Sie?

Ich entscheide darüber oft im letzten Moment. In «Lichter der Vorstadt» habe ich sogar zwei verschiedene Enden geschrieben und abgefilmt. In einer Version stirbt der Protagonist, in der andern nicht. Ich konnte mich fast nicht entscheiden, ob es zu grausam wäre, ihn sterben zu lassen.

Und dann werfen Sie einen Würfel?

Das Publikum liebt ein Happy Ending. Also ziehe ich ein Happy Ending vor, weil ich das Publikum will. Und ich mache nie Scherze.

An welche Art von Publikum denken Sie? Für wen machen Sie Ihre Filme?

Die Art von Publikum, die für den Eintritt bezahlt. (lacht) Jeder weiss, dass ich ein Geschäftsmann bin! Aber wie Sie sagen: Es ist reizend, wenn es jemanden interessiert, die eigenen Filme zu sehen. Viel besser, als wenn sie niemand sehen will. Ich habe beides erlebt.

Aber was macht einen wirklich guten Film aus?

Mein ganzes Leben lang habe ich höllisch viel gelesen. Jeden Tag lese ich ein Buch. Und mein ganzes Leben lang habe ich Filme geschaut. Je mehr ich lese, desto mehr fühle ich mich wie ein Amateur. Sogar Hemingway kann besser schreiben als ich! Und das ist tief angesetzt. Ich bin ein Niemand. Aber es ist schön, ein Niemand zu sein. Denn ich bin ein Demokrat.

Und trotzdem machen Sie Filme.

Nicht in jüngster Zeit.

Welchen Film möchten Sie gern unbedingt noch machen?

Keinen. Denn alle, die ich gemacht habe, sind lausig. Bye, bye Cinema!

Sie meinen es also ernst?

Ausser ich habe einen Grund. Eine gute Geschichte würde helfen. Wenn ich eine habe, dann mach ich es. Wenn ich keine habe, dann wars das. C’est la vie. Ich bin ehrlich zum Publikum, möchte es nicht mit einem schlechten Film beleidigen.

Sie haben als junger Mann auf Baustellen gearbeitet, als Tellerwäscher ...

Ich war der schnellste Tellerwäscher, den es in Stockholm je gab, in den 70ern.

Aus diesen Erfahrungen haben Sie viele Themen und Dialoge für Ihre Filme mitgenommen. Jetzt leben Sie in Portugal. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Das Problem ist: Ich tue es nicht. Ich habe ziemlich viele Filme gemacht. 30 Jahre lang. Das sind ziemlich viele Jahre. Viele Filmregisseure machen weiter, weil sie nicht aufhören können. Ich kann.

Was werden Sie jetzt tun?

Gärtnern.

Das Filmschaffen anderer verfolgen?

Ich kümmere mich einen Dreck drum. Filmemachen ist eine falsche Profession. Aber ich liebe gutes Kino. Wenn ich einen guten Film sehe, bin ich berührt.

Viele Ihrer Filme sind auch sehr berührend. Denken Sie, dass Sie mit diesen etwas bewirken können, dass Sie etwa mit «Le Havre» mehr Verständnis für Flüchtlinge wecken können?

Das ist, was ich versuche. Das ist die ewige Frage von Filmschaffenden. Natürlich versuche ich zu sagen: Schaut! Ob das etwas bewirkt, weiss ich nicht. Aber es ist der einzige Grund, um überhaupt Filme zu machen. Zu sagen: Was ist das? Und dann: Benehmt euch besser. Oder: Benehmt euch einfach.

Sie zeigen fast ausschliesslich Menschen aus der Unterschicht, meistens Arme, Arbeitslose, Verlierer.

Wie Dostojewski sagte: Schau die Menschen an. Schau die Menschen an, dann weisst du es. Ich bin ein sehr moralischer Mensch – und ich meine nicht moralistisch. Die einzige Art, Filme zu machen, ist auf priesterlichem Weg: Tu das nicht, tu das! Ich sehe keinen Grund, einen Film zu machen, ohne moralische Botschaft. In diesem Sinn bin ich bressonistisch (wie Filmemacher Robert Bresson, Anm. der Red.), ausser dass ich viel schlechter bin. Bresson ist Gott für mich. Seine Art Geschichten zu erzählen, war so verdammt einfach. Und genial.

Das streben Sie auch an: äusserste Einfachheit, höchste Reduktion?

Ich möchte gern, aber ich schaffe es nicht. Es ist kompliziert, es einfach zu machen. Ich habe einmal versucht, Bresson zu kopieren: In «Das Mädchen aus der Streichholzfabrik». Nicht einmal da gelang es, aber ich kam nah.

Sie sind ein Humanist. Wie bringen Sie das zusammen mit Ihrem tiefen Pessimismus, was die Menschheit betrifft?

Mit Schmerzen.

Es ist also schwierig?

Es ist schwierig, ein Optimist zu sein, wenn man ein Pessimist ist. Aber man kann es versuchen. Sonst könnte ich den Sinn meines Lebens nicht rechtfertigen. Moral ist alles für mich. Aber jeden Tag sehe ich eine Welt ohne Moral. Wenn ich die Zeitung aufmache. Ich kann nicht in einer Welt leben, die keine Moral hat. Ich schaue die Jungen an und ich sehe, dass sie keine Zukunft haben. Aber wie könnte ich ihnen das sagen? Also tue ich so, als ob es eine Zukunft gäbe. Aber meine ganze intellektuelle Geistesarbeit sagt: Auf diese Art haben wir keine Zukunft.

Dachte man das nicht schon vor 2000 Jahren?

Aber jetzt ist es wahr.

Das dachte man damals auch.

Zählen Sie! Natürlich, die Menschheit ändert sich ständig. Es gab noch nie eine cleverere Maschine als den Menschen. Darum haben wir alle Tiere umgebracht und die Natur zerstört.

Trotzdem zeigen Sie in Ihren Werken viel Liebe zu den Menschen. Es gibt Menschen, an die Sie glauben.

Ich habe sie gezeigt, sie sind jetzt alle tot.

Sie sagen, Sie seien der letzte Romantiker?

Das ist, wie ich mich fühle. Nach Henry Murger, der tatsächlich der letzte Romantiker war. Sein Buch «Scènes de la vie de bohème» bringt zum Weinen und zum Lachen. Das ist es, was ich versuche, in meiner eigenen armseligen, lausigen Arbeit.

Seit Neustem mag man Ihre Filme sogar in Ihrer Heimat Finnland.

Es wurde langsam Zeit.

Vielleicht ist das Anlass zur Sorge?

Ich wurde milder auf meine alten Tage.

Also gibt es doch ein kommerzielles Potenzial in Ihren Filmen.

Das kümmert mich einen Dreck.

Was kümmert Sie?

Ein hungerndes Kind in der Sahara-Wüste. Nicht viel mehr.

Aber Ihr karger Stil ist davon beeinflusst, dass Sie aus Finnland kommen.

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich komme nicht aus Finnland.

Woher würden Sie gerne kommen?

Sicher nicht aus Finnland. Vom Mond.

Dort hat es keine Restaurants.

Es gibt dort eine Bar. Sollte es doch keine geben, eröffne ich eine.