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Ausgerechnet den besten Schweizer Spielfilm 2020 gibt es vorerst nicht zum Streamen

Gus (Luc Bruchez) muss im Dürresommer 1976 schnell erwachsen werden, als seine Familie auseinanderzubrechen droht.

Gus (Luc Bruchez) muss im Dürresommer 1976 schnell erwachsen werden, als seine Familie auseinanderzubrechen droht.

Statt Kino heisst es nun für viele Filmverleiher Streaming. Nicht so bei «Le milieu de l’horizon», der gestern den Schweizer Filmpreis erhielt. Warum nicht?

Diesen Freitag hätte sich die Schweizer Filmszene wieder zum Stelldichein getroffen: in Zürich zur Verleihung des Schweizer Filmpreises. Doch daraus wird wegen der Corona-Pandemie nichts. Und der Bund, der die Gewinner auf Empfehlung der Schweizer Filmakademie bestimmt, gab die preisgekrönten Filme gestern anstatt in einer feierlichen Runde mittels trockener Medienmitteilung bekannt.

Bester Spielfilm ist «Le milieu de l’horizon», ein Drama um eine französische Bauernfamilie im Dürresommer 1976 von Delphine Lehericey, in der Schweiz und in Belgien co-produziert. Bester Dokumentarfilm ist «Immer und ewig» von Fanny Bräuning, die darin ihre eigenen Eltern porträtiert und deren Abenteuer als von der Krankheit MS betroffenes Paar.

Beide Filme erhielten je eine weitere Auszeichnung fürs beste Drehbuch («Le milieu de l’horizon») und für die beste Filmmusik («Immer und ewig»).

Ausgerechnet der Spielfilm des Jahres fehlt online

Schweizer Fernsehen SRF zeigt am Freitag in einem Schweizer-Filmpreis-Spezial den einen der Siegerfilme, «Immer und ewig». Wer lieber den besten Spielfilm, «Le milieu de l’horizon», sehen möchte, muss sich hingegen gedulden.

Während nun ein Filmverleiher um den anderen seine aktuellen Kinofilme auf Video-on-Demand-Plattformen wie Cinefile, Filmingo und Co. anbietet , kann «Le milieu de l’horizon» nicht gestreamt werden. Warum das?

Anruf beim Filmverleiher Outside the Box: «Wir sind dabei, eine Lösung zu suchen», sagt Sprecher Christian Ströhle. «Wir möchten ja auch, dass die Menschen den Film anschauen können. Wenn nicht in den geschlossenen Kinos, dann wenigstens zu Hause mittels Streaming.» Was aber blockiert die Ausstrahlung? «Das für die Kinovorstellungen vorgesehene Zeitfenster», so Ströhle. In der Deutschschweiz startete «Le milieu de l’horizon» Mitte Januar. Laufen sollte er hier in den Kinos noch bis Mitte Mai. Eine Verwertung via Streaming kann erst danach stattfinden.

Doch die Kinos sind zu, mindestens bis zum 19. April. Bis dahin hat der Bundesrat die ausserordentliche Lage erklärt und Kinos müssen geschlossen bleiben. Ströhle sagt es so:

Corona hat die Welt verändert, zweifellos. Und da die Verträge noch in der alten Welt abgeschlossen worden sind, kann man den besten Schweizer Spielfilm des Jahres nicht sehen, ehe sich die beteiligten Parteien über eine Umsetzung der alten Regeln geeinigt haben.

Hauptrolle hat ein junger Walliser Schauspieler

Dabei wäre für «Le milieu de l’horizon» durchaus Potenzial vorhanden. Erst wenige haben ihn in der Deutschschweiz gesehen. In hiesigen Kinos verzeichnete der Film gerade einmal 1500 Eintritte. In der Romandie waren es immerhin mehr als 10'000. Doch der Verleiher ist enttäuscht, zu Recht. Denn der Film ist stark, die Themen Familie und Rollenverteilung zwischen Frau und Mann trotz der Handlung in der Vergangenheit brandaktuell. Und die Bilder aus den vertrockneten Feldern (gedreht wurde unter anderem in Nordmazedonien) transportieren die Stimmung eindrucksvoll.

Eine Entdeckung ist zudem Luc Bruchez aus dem Unterwalliser Dorf Savièse, der den 13-jährigen Gus spielt. Und dieser Gus muss schnell erwachsen werden in diesem Hitzesommer 1976, der seine Familie an den Rand der Existenz drängt. Sowohl familiär als auch wirtschaftlich.

Immerhin: Wer sich von Französisch nicht abhalten lässt, kann den Film auf Teleclub sehen, jedoch ohne deutsche Untertitel. In der Westschweiz gibt es zwar auch eine Welt vor und eine Welt nach Corona, doch das Kinozeitfenster war vor der Verbreitung des Virus hierzulande längst vorüber.

Hier geht es zum Trailer:

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