Solothurner Filmtage

Bundesrat Berset wünscht sich im Film eine aktuelle Schweiz – und sorgt für viele Lacher und Applaus

Bundesrat Berset sorgt für Lacher an den Solothurner Filmtagen

Bundesrat Berset sorgt für Lacher an den Solothurner Filmtagen

Bundesrat Alain Berset betonte in seiner Eröffnungsrede der 55. Solothurner Filmtage die Wichtigkeit des Schweizer Films in der heutigen Zeit. Er sorgte aber auch für viele Lacher und Applaus.

Staatsfeinde vermuteten die Schweizer Spitzel während des Kalten Krieges nicht nur am Schauspielhaus Zürich (Text zu «Moskau Einfach!» oben), sondern auch unter den Organisatoren der Solothurner Filmtage. «Schon im letzten Jahr fanden in Solothurn solche Filmtage statt, woran auch Radio und Fernsehen beteiligt waren», las Anita Hugi aus Akte 0983 am Mittwoch Abend anlässlich ihrer Rede zur Eröffnung der 55. Solothurner Filmtage vor. Und weiter: «Die Veranstaltung war ein voller Erfolg für junge Filmregisseure und Stars.» Neben Akte 0983 aus dem Jahr 1968 gebe es noch weitere über die Trägerorganisation des von ihr seit Sommer geleiteten Filmfestivals, so Hugi. Sie hatte um Akteneinsicht gebeten und mit der zitierten Fiche am Mittwoch den perfekten Einstieg für ihre Ansprache gefunden. Thema des Abends war der Fichenskandal vor genau 30 Jahren.

Als Gast im Publikum in der Solothurner Reithalle sass auch alt Bundesrat Moritz Leuenberger, auf den im gezeigten Eröffnungsfilm «Moskau Einfach!» prominent angespielt wird, weil er die Kommission des Parlaments präsidierte, die den Fichenskandal nach 1989 untersuchte.

Leuenberger wurde Bundesrat, die Bespitzelung breiter Bevölkerungskreise prägt die Debatte über Überwachung und Staatsschutz bis heute. «Nur ist es nicht mehr bloss die Polizei, die uns überwacht. Wir tun es gleich selbst, mit unseren Posts, unseren Likes, unseren Tweets», sagte Anita Hugi.

Die erste Eröffnungsrede der neuen Filmtage-Direktorin Anita Hugi

Die erste Eröffnungsrede der neuen Filmtage-Direktorin Anita Hugi

Auch Bundesrat Alain Berset, der oberste Filmförderer der Schweiz, warnte in seiner Ansprache am Mittwoch vor Überwachung, die dank der technischen Möglichkeiten im digitalen Zeitalter unendlich viel einfacher sei als noch zu Zeiten des Kalten Kriegs. Über den Schweizer Film generell sagte er: «Je schneller die gesellschaftlichen Veränderungen, desto wichtiger wird es, dass wir die reale, aktuelle Schweiz auch im Medium Film erleben – sonst erstarrt unser Selbstbild. Und das würde den Zusammenhalt unserer vielfältigen Gesellschaft nicht stärken, sondern schwächen.»

Bersets Rede lässt sich als leise Kritik am Schweizerischen Filmschaffen interpretieren. Bei einem Film über die Fichenaffäre vor 30 Jahren dürfe man nicht in Nostalgie verfallen, weil einem die Überwachung mit den damaligen Mitteln so «läppisch» vorkomme. «Leute verloren aufgrund ihrer Ficheneinträge den Job oder erhielten ihn nicht, trotz vorhandener Qualifikation», sagte ­Berset.

Verkehrte Rollen bei den Sprachen

Nur, inwiefern löst eine Liebeskomödie über einen Überwachungsskandal vor 30 Jahren beim Zuschauer eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Umgang mit Daten aus?

Diese Debatte wurde am Mittwoch in Solothurn nicht geführt. Dafür tat es Berset Hugi gleich und setzte ein paar gute Pointen: Warum man von «Fichenaffäre» und nicht von «Karteikarten-Skandal» spreche, fragte er. Der Antwort liege ein Deutschschweizer Muster zugrunde, ist Berset überzeugt. «Immer dann, wenn es brenzlig wird, wechseln die Deutschschweizer auf Französisch.» Deshalb sei auch das «Permit weg!», wenn einem der Führerschein abgenommen worden sei.

Die ganze Rede von Bundesrat Alain Berset zur Eröffnung der 55. Solothurner Filmtage

Die ganze Rede von Bundesrat Alain Berset zur Eröffnung der 55. Solothurner Filmtage

Er hats drauf: Bundesrat Berset spricht locker und startet witzig in seine Rede. Drei Mal gibts Szenenapplaus.

Da war es nur konsequent, dass Berset, der Romand, seine Rede auf Deutsch hielt. Die Eröffnung eines Filmfestivals ist ja an sich alles andere als unerfreulich. Anita Hugi sprach übrigens ebenfalls in einer Fremdsprache. Die Deutschschweizerin hielt ihre Ansprache auf Französisch.

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