Männer dürfen nur Frauen lieben, Frauen nur Männer, und überhaupt soll es auf dem Geschlechterspektrum nur Frau und Mann geben? Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. LGBTI-Themen (Englische Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) sind heute aktueller denn je.

Das Luststreifen Film Festival hat in Basel einen wesentlichen Teil dazu beigetragen: Seit elf Jahren setzt es sich für genderpolitische Themen und Filme ein. Ein Schwerpunkt dieses Jahr ist «Queer Migration»: LGBTI-Flüchtlinge und ihre Geschichten.

Jakob Keel von Queeramnesty Schweiz erklärt im Interview, was es mit diesem in der Schweiz noch relativ unbekannten Thema auf sich hat.

Herr Keel, wie sieht der Alltag von LGBTI-Asylsuchenden aus?

Jakob Keel: Sehr trist. Diese Menschen sind oft zermürbt, weil sie schon so lange auf ihren Asylbescheid warten.

Länger als Asylsuchende ohne LGBTI-Hintergrund?

Im Gegensatz zu jemandem, der zum Beispiel in Syrien aus der Armee desertiert ist und das vielleicht sogar noch mit Dokumenten beweisen kann, ja. Unserer Erfahrung nach kommen solche Fälle schneller zu einer Entscheidung.

Hängt das mit der Gesetzesgrundlage zusammen? In der Schweiz dürfen Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung nicht als Fluchtgründe angegeben werden.

Genau. Asyl wird gewährt, wenn jemand plausibel nachweisen kann, dass er oder sie als Individuum in seinem Heimatland gefährdet ist. Klar: Es kann sein, dass man als homosexuelle Person beweisen kann, aus einem Land zu kommen, in dem Homosexualität verboten ist. Aber das reicht in der Schweiz nicht als Grund.

«Plausibel nachweisen» klingt ausserdem sehr vage.

Das ist Teil des Problems: Diese Vorgaben lassen sich sehr unterschiedlich interpretieren. Ob etwas plausibel ist oder nicht, liegt doch auch im Auge des Betrachters, sprich den Behörden. Und die gehen in der Schweiz äusserst streng vor. Da hört mein Verständnis auf. Wieso würde man jemanden in ein Land schicken wollen, wo er unmöglich ein nach unseren Massstäben menschenwürdiges Leben führen könnte? Da werden immer wieder schwer nachvollziehbare Entscheide gefällt.

Wieso?

Weil man die Fälle nicht realistisch behandelt. Oftmals steht in solchen Entscheiden, es gäbe in dem entsprechenden Land zwar ein Gesetz, das Homosexualität kriminalisiere, aber dieses Gesetz komme ja nie zur Anwendung. Das ist einfach, zu behaupten, schliesslich wird die Anwendung solcher Gesetze nicht statistisch erhoben. Da gibt es keine Zahlen, an denen man ablesen kann, wie viele Leute verhaftet worden sind, weil sie bei homosexuellen Handlungen erwischt wurden. Ich kenne einen Iraker, der einen Monat vor seinem Masterabschluss an der Uni von Bagdad mit einem anderen Mann erwischt wurde und von der Schule flog. Das ist allerdings nirgends so verzeichnet – die Schulleitung hat ihn «geschützt», weil er sonst von seinen Brüdern oder seinem Vater umgebracht worden wäre. Seiner Familie wurde also kommuniziert, er sei einem Mädchen zu nahe gekommen.

Solche Realitäten werden von den Schweizer Behörden total ausgeblendet. Es geht nämlich oft gar nicht um direkte Konflikte mit dem Gesetz. Sondern mit der Familie und dem persönlichen Umfeld.

Wie kann ein homosexueller Asylsuchender beweisen, dass er schwul ist?

In dieser Hinsicht haben wir hierzulande grosse Fortschritte gemacht. Die Befragungen laufen viel sensibilisierter ab als noch vor sechs Jahren. Man versucht, in langen Gesprächen herauszufinden, was diesem Menschen in seinem Herkunftsland passiert ist. Jemand, der eine sexuelle Orientierung erfindet, kann da schwer erklären, wie er als Teenager seine Sexualität erfahren hat.

Haben Sie Fälle, in denen Asylsuchende bewusst über ihre sexuelle Orientierung lügen?

Ja, aber diese Zahlen sind marginal. In den letzten sechs Jahren sind uns bei Queeramnesty vielleicht drei solche Fälle begegnet. Aber auch wenn man beweisen kann, dass man homosexuell ist, hat man damit ja noch lange nicht «plausibel dargestellt», dass eine individuelle Gefährdung im Herkunftsland besteht.

Wie steht es um die Gefährdung in der Schweiz, gerade in Asylzentren?

Dort gibt es auch Diskriminierung. Da flüchtet man also aus seinem Land, in der Hoffnung, dass es einem im toleranten Europa besser geht, und dann landet man irgendwo in einem Heim mit Mitbewohnern aus genau der Kultur, vor der man geflüchtet ist. Da kann es dann beispielsweise zu unabsichtlichen Outings kommen, weil Angestellte des Asylzentrums jemanden in Schutz nehmen wollen. Die sagen: «Wir sind hier in der Schweiz, und hier ist Homosexualität anerkannt und in Ordnung» und der Betroffene klappt fast zusammen vor Scham.

Was gibt es da für Möglichkeiten, die Situation zu verbessern?

Das steht zur Debatte, auch bei uns: Einerseits sind wir nicht unbedingt für LGBTI-Asylzentren, wie es zum Beispiel eines in Berlin gibt. Wir wollen keine Gettoisierung kreieren. Andererseits ist es für die Betroffenen sicher angenehmer, erst mal im geschützten Rahmen einer auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Umgebung anzukommen und da sich beginnen zurechtzufinden, als gleich wieder Diskriminierung und Homophobie ausgesetzt zu sein. Wir gehen damit um, indem wir möglichst viele Verknüpfungspunkte schaffen: mit Zentrumsleitern, Ärzten, Beamten, Sozialarbeitern. Über sie können Betroffene mit uns in Kontakt treten. Oft finden sie uns aber auch selber im Internet und kontaktieren uns direkt.

Sie unterstützen die Asylsuchenden beim Öffnen ihrer Post, vermitteln ihnen Rechtshilfe oder gehen zusammen Kaffee trinken. Da ist man schon sehr nah dran.

Es ist ein sehr persönlicher Umgang, ja.

Belastend auch?

Immer wieder. Während wir hier telefonieren, sitzt zum Beispiel gerade ein homosexueller Mann aus Uganda im Flugzeug zurück in sein Heimatland. Nach drei Jahren Warten hat er aufgegeben. Es war zu zermürbend.