Sie ist nebst Elton Johns Nikita wohl die berühmteste Pelzmützenträgerin des letzten Jahrhunderts: Geraldine Chaplin in der Rolle der Tonja, Dr. Zhivagos Ehefrau. Es ist die erste grosse Filmrolle der 21-jährigen Tänzerin. 53 Jahre und über 70 Spielfilme später gibt es Stimmen, die immer noch bezweifeln, ob David Lean ihr die Rolle auch gegeben hätte, wenn sie nicht die Tochter des grossartigen Charlie Chaplin wäre.

Entdeckt hatte Lean sie auf der Titelseite eines Magazins. Wer weiss, mehr noch als der Name des Vaters waren es vielleicht die Augen der Mutter, die ihn dazu gebracht hatten, Geraldine anzufragen. Geraldines Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Oona ist frappierend. Das Geheimnis liegt in ihren Augen.

Figuren mit Tiefe

Zwar ist die Rolle der lieben und etwas naiven Ehefrau Tonja unter der Pelzmütze um einiges undankbarer als die der verführerischen Geliebten Lara (Julie Christie) halbnackt auf dem Bärenfell – aber eines hat Lean beim Casting erkannt: Chaplins intensiver, in die Ferne gerichteter Blick gibt dieser Figur eine Tiefe, die ihrer Freundlichkeit etwas Geheimnisvolles hinzufügt. Niemand schaut so in die Welt wie Geraldine Chaplin. Ist es kritisch, leidend, verärgert oder bloss sehr, sehr nachdenklich? Ihr Blick hat die Medien immer wieder beschäftigt. Ob sie ein einsames Kind gewesen sei, fragen deshalb die einen.

Dass sie die Strenge im Blick durch die Disziplinierung der Ballettstunden erworben habe, mutmassen die andern. Nein, sie war mit einer Hand voll Geschwistern aufgewachsen, da gings draussen fröhlich zu und her, auch wenn man im Haus drin still sein musste. Und nein, mit Ballett hatte sie erst sehr spät angefangen, mit fünfzehn nämlich.

Dieser ernste, fast strenge Blick zeichnet sie aber bereits als kleines Mädchen aus, man begegnet ihm auf frühen Familienfilmchen der Familie Chaplin beim Schifffahren, im Zoo, im Garten.

Am Genfersee aufgewachsen

Dass sie nicht früher mit dem Ballett angefangen hatte, war einer der Gründe, warum sie ihren Traum von einer Karriere als Ballerina bereits mit zwanzig an den Nagel hängte. Sie tanzte gut, aber um brillant zu sein, fehlten ihr Jahre des Trainings und auch eine Konsequenz im totalen Verzicht auf Zigaretten, Alkohol, Vergnügen. Als Tänzerin, so schien ihr, war man eine «Mischung aus Nonne und Automat», und konnte kaum davon leben. Der Lohn, den man ihr für die Filme anbot hingegen war ansehnlich, und die Arbeit als Schauspielerin gefiel ihr.

Als Kind war ihr die Welt des Kinos eher verschlossen gewesen, die Chaplin-Kinder kannten zwar Filme, aber ausschliesslich die ihres Vaters. Und auch in dem katholischen Internat am Genfersee, das sie ab zehn Jahren besuchte, war Film kein Thema. Keineswegs hätte Charlie Chaplin sich für seine Kinder eine Schauspielkarriere gewünscht, streng auf gute Noten achtend sah er sie eher in bürgerlicheren Berufen wie zum Beispiel als Ärztin. Später würde er aber ihr grösster Fan sein.

Dass sie nicht versuchte, in die im doppelten Wortsinn viel zu grossen Fussstapfen des Komikers zu treten, sondern eher in ernsten, oft melodramatischen Filmen spielte, lag mehrheitlich an den Angeboten, die sie bekam und stark auch an privaten Umständen: Während der langen Dr. Zhivago-Dreharbeiten in Madrid hatte sie sich in den Regisseur Carlos Saura verliebt. Saura war ein Freund Luis Buñuels und verortete sein Schaffen irgendwo zwischen diesem und Ingmar Bergman. Wenig erstaunlich, dass dabei keine reinen Komödien herauskamen.

In den insgesamt neun Filmen, die sie gemeinsam drehten, spielt Chaplin mal exzentrische, mal kühl distanzierte, oft geheimnisvolle Frauen. In «Peppermint Frappé» (1967) liess Saura sie zwei verschiedene Rollen spielen und in «Stress-es tres-tres» (1968) sollte sich die Dreieckskonstellation, die sie in den Schatten von Julie Christies Lara gestellt hatte, umdrehen. In diesem nachdenklichen Roadmovie stellt sie als mysteriöse Teresa die Spitze eines Dreiecks dar, an dessen anderen Ecken ihr misstrauischer Ehemann Fernando und dessen aufmerksamer Freund Antonio stehen. Diese 68-er-Jahre ziehen nicht ohne Wirkung auf die Regie vorbei.

Zu nichts weniger als einer Viereckskonstellation (wenn nicht gar einem Pentagon) kommt es in «L’amour par terre» (1984) von Jacques Rivette an der Seite von Jane Birkin. Auch diese Rolle in einem Stück über Liebe und Verrat, Kunst und Leben ist eher melodramatisch. Einer, der Geraldine Chaplins komische Seite erkannt hat, ist der Meister der Verbindung des Tragischen mit dem Urkomischen: Robert Altman. Im Country-Film «Nashville» schreibt er ihr mit der nervigen Journalistin eine Rolle auf den Leib, die sie auch zu einem grossen Teil selber gestalten kann.

Faszinierend ist, wie sich die Schauspielerin durch ihre perfekte Dreisprachigkeit gleichermassen im amerikanischen, französischen und spanischen Kino einen Namen gemacht hat. Ihr Vater war dabei keiner, mit dem sie Details besprochen hätte, aber er entwickelte sich vom strengen Erzieher in ihrer Kindheit zu ihrem grössten Fan.«Das Beste an dem Film bist du» sagte er. Nach jedem Film.

War das Erbe ihres berühmten Vaters für Geraldine Chaplin am Anfang ihrer Karriere nicht nur ein Türöffner sondern auch ein Stressfaktor, weil die Erwartungen an sie dadurch hoch waren, so entspannte sich dieser Aspekt zunehmend mit jedem Erfolg. Ihr war, wie uns allen, wichtig, «dass man sie meinte». So ganz sicher kann man zwar nie sein, aber das Erobern eines eigenen Sprachraumes durch das Spanische war daran sicher nicht hinderlich.
Als sie 2002 von Almodóvar «Hable con ella» die Rolle einer Ballettlehrerin erhielt, gingen gleich zwei ihrer Wünsche in Erfüllung. Mit Almodóvar hatte sie schon lange einen Film machen wollen. Und Ballett war ihr alter Traum.

Dass fast in jedem Gespräch früher oder später nach ihrem Vater gefragt wird, frustriert Geraldine Chaplin nicht. In dem biografischen Werk über ihn, «Chaplin», spielte sie sogar ihre eigene Grossmutter, Hannah Chaplin. Man steht ja nicht bloss in jemandes Schatten, sondern auch in seinem Licht: Geraldine Chaplin ist stolz auf ihren Vater. Dass sein Schaffen ein so singuläres und überwältigendes Geschenk an unsere Gesellschaft ist, ändert nichts an ihrem Oeuvre als Schauspielerin.

Mittlerweile zählt die 74-Jährige mehr Filme als Jahre. Manchmal wird sie für die natürliche Alterung ihrer Haut als mutig bezeichnet, da es im Business fragwürdigerweise selten ist, über 60 nicht geliftet zu sein.

Mutig ist sie bestimmt, gerade in ihrer Neugier auf immer neue, auch unkonventionelle Rollen. Als letztes etwa in diesem Jahr, im Film «Jurassic World».

Geraldine Chaplin Das Stadtkino Basel zeigt noch bis Ende Jahr 12 Filme mit der Schauspielerin. Darunter «Nashville» (grosse Komik, 16. und 23. 12.), «Limelight» (grosses Kino, 14. und 24. 12.) und «Doktor Schiwago» (grosse Gefühlsschnulze, 25. und 29. 12.). www.stadtkinobasel.ch