Chesley B. Sullenberger war 40 Jahre lang in der Luft, und alles, was am Ende zählt, sind 208 Sekunden. Sullenberger ist der Mann, der am 15. Januar 2009 einen Airbus A320 erfolgreich im Hudson River neben Manhattan notwasserte. Kurz nach Take-off, in einer Höhe von 975 Metern über Meer, waren beide Triebwerke der zweistrahligen Maschine durch Vogelschlag ausgefallen. Ein Horrorszenario mit schier surrealem Ausgang: Da trieb an diesem eiskalten New Yorker Januarmorgen ein Flugzeug im Fluss, keine zwei Kilometer vom Times Square entfernt, die Tragflächen gesäumt von Passagieren. Alle 155 Menschen an Bord überlebten das Unglück, und «Sully» war der Held vom Hudson.

Natürlich würde Hollywood den Stoff früher oder später verfilmen, derart gute Geschichten fliegen der Traumfabrik selten zu. Nun, da «Sully» von Regisseur Clint Eastwood (86) in die Kinos kommt, stellt sich heraus: Die Geschichte ist noch viel besser als bislang bekannt. Es ist die herausragende Qualität des Films, dass er die Schattendimension dieser Heldengeschichte in den Fokus rückt.

Sully – Filmtrailer

Sully – Filmtrailer

Und die sieht, kurz zusammengefasst, so aus: Die Menschen überleben, doch die Maschine, obwohl äusserlich fast intakt, erleidet Totalschaden. Während die unterkühlten Passagiere ins Spital eingeliefert werden, muss Sully zum Alkohol- und Drogentest – und kommt so schnell nicht mehr raus aus der Maschinerie. Ein Pilot, der eine solche Situation meistert, mag von der Öffentlichkeit gefeiert werden – im Verständnis der Untersuchungsbehörden, hier die amerikanische NTSB, trägt er die Verantwortung über die Maschine. Und, im versicherungstechnischen Optimalfall, die Schuld.

Held oder Antiheld?

Wieso ist er, Sullenberger, nach dem Vogelschlag nicht einfach zum Flughafen La Guardia zurückgekehrt? Dazu war keine Zeit, sagt der Pilot. — Stimmt nicht, sagt die NTSB. Und so stellt sich plötzlich die Frage: Ist Chesley Sullenberger gar kein Held? Hat er das Flugzeug unnötigerweise in den Fluss gesteuert und damit das Leben der 155 Menschen an Bord nicht in erster Linie gerettet, sondern gefährdet? Hat er – von seinem Naturell her ganz der Typ des Antihelden, der an keiner Party mit Prahlereien auffallen würde – einfach mal den Helden spielen wollen?

Bald entwickelt sich ein vielschichtiges Schauspiel über den Heldenbegriff, angenehm schlicht und kühl inszeniert, vorgetragen allen voran von Tom Hanks als Sully. Man muss kein Hanks-Fan sein, um zu anerkennen: Er kann bestimmt nicht fliegen wie Sully, aber wie er dessen Ruhe und Kampfgeist im und ausserhalb des Cockpits auf die Leinwand bringt, ist ziemlich hohe Schule.

Doch zurück zur Heldenfrage: Ist es, ungeachtet der vorigen Frage, überhaupt so heldenhaft, ein Passagierflugzeug heil in einem Fluss aufzusetzen? Urs Baltisberger, Cheffluglehrer der Swiss, sagt: «Es war auch Glück dabei, weil die Bedingungen perfekt waren: Landung mit der Flussrichtung, kein Wind und Wellengang, Tageslicht.» Doch auch dann verlange eine solche Notwasserung ein Maximum an fliegerischen Fähigkeiten. Die wahre Heldentat, sagt Baltisberger, der den mittlerweile pensionierten Sullenberger schon persönlich getroffen hat, habe vor der Landung stattgefunden: der blosse Entscheid, den Hudson anzusteuern. «Eine bemerkenswert kreative Leistung. Wäre die Crew strikt nach Checklist vorgegangen, wäre dies wohl anders ausgegangen.» Diese Fall habe die Diskussion um das Out-of-the-Box-Denken in der Aviatik seither stark angeregt.

Sully hat also alles richtig gemacht. Die Fragen, die «Sully» stellt, sind im Grunde schon bei Filmstart beantwortet. Das ist den Spannungsmomenten dieses Pseudo-Thrillers nicht zuträglich. Und doch lohnt es sich, bis zuletzt dranzubleiben: alleine wegen der wunderbaren Schlusspointe.

Sully (USA 2016). 96 Min. Regie: Clint Eastwood. Ab Donnerstag in den Schweizer Kinos.