Dok-Film

Der Ort, wo nur die Älpler das Sagen haben

Franz Ambauen, 80-jährig, betet auf der Nidwaldner Alp Arhölzli, 1600 Meter über Meer, den Alpsegen.Filmcoopi

Franz Ambauen, 80-jährig, betet auf der Nidwaldner Alp Arhölzli, 1600 Meter über Meer, den Alpsegen.Filmcoopi

Im Dokumentarfilm «Alpsegen» porträtiert Bruno Moll vier Männer und eine Frau, die sich dem Alpleben verschrieben haben und wollte beim Besuch in ihren Hütten wissen, wie viel Glaube hinter dem Alpsegen steckt.

Eine Alp, irgendwo in der katholischen Schweiz. Das Tagwerk ist beendet. Die Berglandschaft leuchtet im Abendlicht. Ein Senn tritt vor die Alphütte, legt sich einen hölzernen Milchtrichter vor die Lippen und ruft mit betendem Singsang: «In Gottes Namen loben / Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria! / Bhüet üs Got...» Der Senn ruft Gott an, Maria und verschiedene Heilige. Sie alle sollen das Vieh schützen, den Senn, die Hirten und die Heimat.

Eine Szene wie aus einem Heimatfilm, doch sie ist real. Denn der Brauch des Alpsegens wird auch heute noch gepflegt. Und die, die es tun, tun es weder um Gott zu gefallen noch aus touristischen Gründen. Sie tun es aus Tradition und weil ihnen diese Form des alpinen Betens offensichtlich ein Bedürfnis ist.

Vier Männer und eine Frau hat der Berner Dokumentarfilmer Bruno Moll (64) für seinen neuesten Film «Alpsegen» in ihren Hütten besucht, über Weiden begleitet und befragt.Über «Bättrue» zum Beispiel. Der 80-jährige Franz Ambauen sagt, er rufe Heilige einzeln an und wirke so der «Arbeitslosigkeit im Himmel» entgegen. Der 80-Jährige sagts und schmunzelt. Samuel Indergand, 25-jährig, hingegen hat den alten Text etwas abgeändert und «die Heiligenlastigkeit zugunsten der Natur etwas zurechtgestutzt».

Bruno Moll will auch wissen, wie viel Glaube hinter dem Alpsegen steckt. Die Antworten sind diffus. Älpler sind nicht anders als die Menschen anderswo. «Wenn man nicht glaubt, ist man wie nicht auf der Welt», sagt Franz Ambauen, während der Entlebucher Josef Brun (61) die Sache pragmatisch sieht: «Wozu sich den Kopf über Dinge zerbrechen, die wir nie erfahren werden?»

«Alpsegen» porträtiert fünf völlig unterschiedliche Charaktere. «Sie zu finden, war gar nicht so schwierig», sagt Bruno Moll, den wir telefonisch in London erreichen. Er fand sie über Bekannte, ein Buch, eine Volkskundlerin. Nur auf den Älpler Samuel ist Moll über einen anderen Kanal gestossen: über ein Filmchen auf Youtube.

Molls «Alpsegen» – mit dem 40-jährigen Placi Giusep Peilcan aus Surrein ist übrigens auch der rätoromanische Teil Graubündens vertreten – ist ein ruhiger und unaufgeregter Film mit weichen Schnitten.

Nur dort, wo die Älpler sich erklären müssen, wird es schwierig. Wie Worte finden für etwas, das man kaum je laut denkt. «Bei Fragen zur Religion oder Sexualität kommt man an die Grenzen der Sprache», sagt Moll. Wo die fünf hingegen erzählen dürfen, sagen ihre wenigen Worten viel. Es ist dieses Reden über ihren Alltag, verbunden mit Bildern aus ihrem Alltag, das dem Film die stärksten Momente gibt.

Beim Alpsegen hängen geblieben

«Urmusig», «Bödäla», «Arme Seelen, «Kinder vom Napf»... und jetzt «Alpsegen»: Hiesige Dok-Filmer scheinen offensichtlich Interesse an volkskundlichen Themen aus der Schweiz gefunden zu haben.

Für sich hat Bruno Moll eine biografisch gefärbte Erklärung: «Als 68er habe ich mich immer etwas schwergetan mit der Schweizer Volkskultur. Ich habe mich um alles andere gekümmert: um italienische Volkskultur, keltische, irisch oder südamerikanische, aber nie um schweizerische.»

Diese Missachtung sei den Schweizer Dok-Filmern schliesslich auch «auf politischer Ebene zum Verhängnis geworden», meint Moll. «Plötzlich wurden diese Themen von den Nationalen besetzt.»

Doch weshalb er bei seiner Wiederentdeckung von Schweizer Brauchtum gleich beim Alpsegen hängen geblieben ist? Der Frager hört von der Magie des Alpsegens, hört, es sei auch «mutig, irgendwo neben eine Alp zu stehen und durch einen Holztrichter in die Natur zu beten.»

Und dann macht Bruno Moll auf einen ausgesprochen individuellen und für die Schweiz untypischen Charakter des Alpsegens aufmerksam: «Es gibt keinen Verein! Den Alpsegen singt jeder für sich.» Und das in einem Land, wo es für alles einen Verein gibt.

Alpsegen (CH 2012), 85 Min. Dok-Film von Bruno Moll.

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