Das war überfällig: Bei der Verleihung der Golden Globes am vergangenen Sonntag wurde Gary Oldman als bester Hauptdarsteller eines Dramas ausgezeichnet. Es war erstaunlicherweise der erste grosse Filmpreis für den 59-jährigen Briten, der seit den Neunzigerjahren als einer der vielseitigsten Schauspieler der Welt gilt. Seine schillernden Auftritte in Filmhits wie «Bram Stoker’s Dracula», «The Fifth Element» und «Harry Potter»: unvergesslich!

Den Golden Globe verdiente sich Oldman nun für seine überragende Darstellung des britischen Premiers Winston Churchill im neuen Filmdrama «Darkest Hour». In jüngster Zeit war dieser Churchill gleich mehrmals im Kino und im Fernsehen zu sehen, verkörpert von John Lithgow in der viel gelobten Netflix-Serie «The Crown» (2016) und dann von Brian Cox im Spielfilm «Churchill» (2017). Die Frage sei also erlaubt: Was kann uns «Darkest Hour»-Regisseur Joe Wright noch Neues über diesen Mann erzählen?

DARKEST HOUR - Trailer

DARKEST HOUR - Trailer

Kaum wiederzuerkennen

Von den genannten Darstellungen hebt sich «Darkest Hour» vor allem dank Gary Oldmans schauspielerischer Leistung ab. Mit dicker Maske und Ganzkörperanzug ist er weder optisch wiederzuerkennen, noch akustisch immer zu verstehen, denn Oldman trifft Churchills nuschelnde Redensart aufs i-Tüpfelchen. Die wahre Leistung Oldmans besteht aber darin, dass er hinter die historische Ikone mit Hut und Zigarre blicken lässt und den Premier als vielschichtige Figur in ihren dunkelsten Stunden spürbar macht.

Das zweistündige Filmdrama setzt mit dem Rücktritt des Premiers Neville Chamberlain (gespielt von Ronald Pickup) ein. An seiner Stelle folgt Winston Churchill, der jedoch wegen seines ruppigen Stils beim Establishment höchst unbeliebt ist. Der König (Ben Mendelsohn) und Churchills eigene Partei sähen lieber Lord Halifax (Stephen Dillane) als neuen Premier.

Kurz darauf rollt Hitlers Armee über Frankreich; ein Angriff auf Grossbritannien ist nur eine Frage der Zeit. Churchill verkündet dem Parlament, er habe «nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss». Chamberlain und Halifax missfallen diese düsteren Aussichten, hinter Churchills Rücken lobbyieren sie für Friedensgespräche mit Hitler. Die Zeit drängt, denn das Gros der britischen Truppen ist im Norden Frankreichs eingekesselt und der Premier steht zunehmend isolierter da. Von allen Seiten eingeengt, wirkt Oldmans Churchill häufig wie ein gebrechlicher alter Mann voller Selbstzweifel. Das Szenenbild widerspiegelt seine prekäre Lage, so inszeniert ihn Regisseur Wright in spärlich belichteten Räumlichkeiten oder einer alles umgebenden Dunkelheit. Im Gegensatz dazu stehen Churchills Reden, die damals über Rundfunk gesendet wurden und mithalfen, die britische Bevölkerung zusammenzuschweissen.

Churchills rhetorische Brillanz

Diese Szenen bilden das Herzstück des Films und in ihnen kommt Churchills rhetorische Brillanz vollends zum Ausdruck. Fast siebzig Jahre später vermögen seine Original-Ansprachen, die Oldman im Film zum Besten gibt, immer noch mitzureissen.

Wie der König und das Parlament sich im Film plötzlich doch noch hinter den Premier stellen, wirkt zwar etwas zu hastig konstruiert. Und auch ganz ohne Pathos kommt «Darkest Hour» nicht aus. Doch letztlich überstrahlt Oldman diese Makel mit einer Leistung, die ihm sogar noch den Oscar einbringen könnte. Wer Churchill kürzlich in anderen Filmen und Serien gesehen hat, wird dieser schillernden Persönlichkeit dank Oldman trotzdem noch etwas Neues abgewinnen können.

Darkest Hour (GB 2017) 125 Min. Regie: Joe Wright. Ab heute Donnerstag im Kino. ★★★☆☆