«Babylon Berlin»

Die dritte Staffel von «Babylon Berlin» steht an – der Kater nach dem grossen Berliner Rausch

Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch)

Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch)

Kann die neue Staffel von «Babylon Berlin» der Konkurrenz von Netflix und Co. weiterhin die Stirn bieten?

Es sind surreale Szenen, die sich in der Berliner Börse abspielen: Von den Balustraden regnen Wertschriften herab, ein Mann erschiesst sich mit einer Pistole, ein anderer erhängt sich. Mittendrin ist Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch), der benommen durch die gespenstische Szenerie taumelt.

Die dritte Staffel von «Babylon Berlin» eröffnet mit jenem Ereignis, das die junge deutsche Demokratie in den Abgrund stürzte – dem Börsencrash von 1929. Wohin die Folgen dieses «Schwarzen Donnerstags» münden, kennen wir aus den Büchern: 30 Prozent Arbeitslose, soziale Unruhen und die Machtergreifung der Nazis.

Berlin, eine zutiefst gespaltene Stadt

Dieses schicksalshafte Ereignis lauerte bereits in den ersten beiden Staffeln von «Babylon Berlin». Basierend auf den Krimis von Volker Kutscher, kreist die von der ARD koproduzierte Serie um Kommissar Rath, der im Berlin der Weimarer Republik ermittelt. Die Stadt befand sich im radikalen Wandel.

Auf den Strassen wimmelte es von Menschen, Strassenbahnen und Autos, unter den Füssen ratterte die U-Bahn. Ein nie dagewesenes Freizeitangebot aus Rummelplätzen, Variétés und Tanzsälen machte sie zur Vergnügungsmetropole Europas. Parallel ging auch eine gesellschaftliche Liberalisierung einher. Die «neue Frau» stellte tradierte Geschlechterrollen auf den Kopf, Schwulen- und Lesbenlokale, das Rotlichtmilieu florierten.

Doch Berlin war auch eine zutiefst gespaltene Stadt. Die Wunden des Ersten Weltkriegs sassen noch tief. Auf den Strassen prügelten sich Kommunisten und Nationalsozialisten, in edlen Lokalen tanzte man sich in Ekstase, während in den engen Mietskasernen epidemische Krankheiten wüteten. Es war die Rede vom «Tanz auf dem Vulkan»; zwischen ekstatischem Rausch und Abgrund lag nur ein kleiner Schritt.

Öffentlich-rechtliche Serienoffensive

Um das Berlin der 1920er in Szene zu setzen, scheuten die Verantwortlichen von «Babylon Berlin» keine Mühen. Stadtteile wurden auf 15'000 Quadratmetern im Babelsberg-Studiogelände nachgebaut, Tausende Statisten kamen bei Drehorten im heutigen Berlin zum Einsatz.

Das hatte einen happigen Preis: Die ersten beiden Staffeln kosteten gegen 40 Millionen Euro, so viel wie keine deutschsprachige Serie zuvor. Solche Grössenordnungen kennt man aus Hollywood, aber was verleitete das «Erste» vor drei Jahren zu diesem riskanten Schritt?

Im Zeitalter des Internets hat die Bedeutung des linearen Fernsehens abgenommen. Streaming hingegen ist ein enormer Wirtschaftszweig. Bis 2025 soll der Markt gemäss der Finanzwebsite Marketwatch auf 124 Milliarden US-Dollar wachsen.

Als Reaktion auf das grösser werdende Serien-Angebot und den Erfolg von Anbietern wie Netflix und Amazon setzen die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten jetzt ihrerseits auf eine Serienoffensive.

Der ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler gab bekannt, dass das «Zweite» jedes Jahr drei grosse Serien produzieren will. Eine Kriegskasse von 200 Millionen Euro soll helfen. Hierzulande investiert die SRG mit zusätzlichen 15 Millionen Franken pro Jahr ebenfalls vermehrt in Serien. Die Schweizer Grossproduktion «Frieden» wird im Herbst erwartet. Die ARD wiederum ist einen Pakt mit dem Sender Sky eingegangen.

«Babylon Berlin» war die erste Koproduktion zwischen einem öffentlich-rechtlichen und einem Bezahl-Sender. Obwohl sich Sky das Recht auf Erstausstrahlung gesichert hatte, lohnte sich das Risiko für ARD. Die Serie räumte Preis um Preis ab und wurde in über hundert Länder verkauft. Die Zuschauer freuten sich ob der guten Besetzung und der hervorragenden Inszenierung. Endlich hatte man eine deutschsprachige Serie, die mit US-Serien mithalten konnte.

Die jüngst auf Sky angelaufene dritte Staffel soll an den Erfolg anknüpfen. Diesmal ermittelt Kommissar Rath im Fall einer ermordeten Schauspielerin. Ihm zur Seite steht Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die ihren frauenfeindlichen Kollegen im Dezernat immer noch ein Dorn im Auge ist.

Die Erzählung entfaltet sich schleppender als gewohnt, dafür wirkt sie weniger überbordend. Der Moloch Berlin übt immer noch dieselbe Sogwirkung aus, und der Mord in den Babelsberger Filmstudios bietet Raum für augenzwinkernde Hommagen ans Weimarer Kino.

Wie der anfangs erwähnten Börsencrash zeigt, werden die Wolken am Horizont düsterer. Das Erstarken der nationalsozialistischen Kräfte zeichnet sich immer mehr ab. Der Tanz auf dem Vulkan ist zu Ende, zumindest in der Serie.

Die ARD darf indessen weitertanzen. Vier weitere Krimibände warten darauf, verfilmt zu werden. Ob die Zuschauer dranbleiben, ist jedoch eine andere Frage. Genügend Alternativen gibt es ja.

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