Sie trägt nie Make-up, gibt keine Autogramme und nur selten mal ein Interview. Frances McDormand hält wenig vom Starrummel in Hollywood. Selbst als die US-Schauspielerin Anfang Januar mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, lenkte sie die Aufmerksamkeit gleich von sich weg: «Es gibt viele talentierte Jungschauspieler da draussen, die einen solchen Preis verdienen.» Doch dass McDormand verdient gewonnen hatte, daran zweifelte an diesem Abend niemand. Ihr Auftritt im neuen Kinofilm «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» ist schlicht herausragend. Und der Film ist viel knackiger als sein Titel, versprochen!

McDormand spielt in diesem pechschwarzen Rachethriller Mildred Hayes, eine Hausfrau, die sich wie ein Automechaniker kleidet, andauernd flucht und sich mit der lokalen Polizei anlegt. Mildreds Tochter ist auf offener Strasse getötet worden, doch die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt. Also mietet und beschriftet sie kurzerhand drei grosse Werbetafeln entlang der Hauptstrasse: «Beim Sterben vergewaltigt», steht da in grossen Lettern, «und trotzdem noch keine Festnahmen? Warum, Sheriff Willoughby?»

In dieser Rolle nimmt McDormand den Kampf auf gegen Machokultur, rassistische Cops und Gewalt gegen Frauen. Als filmischer Racheengel wirft sie dabei auch mal mit einem Molotowcocktail um sich. Er habe ihr diese Rolle auf den Leib geschrieben, verriet Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh in einem Interview.

Lange nur in Nebenrollen

McDormand geniesst den Ruf, jeder noch so skizzenhaften Rolle Leben einzuhauchen. Seit ihrem Debüt 1984 in «Blood Simple» navigierte sie hauptsächlich entlang von kleinen bis mittelgrossen Auftritten, meistens in den Filmen der Coen Brothers (McDormand ist seit 1984 mit Joel Coen verheiratet). Unvergessen etwa ihre Rolle als daueroptimistische, hochschwangere Polizistin im bitterbösen Filmkrimi «Fargo», der ihr 1996 den Oscar als beste Nebendarstellerin einbrachte. Heute gehört sie zum kleinen Kreis jener Schauspieler, die alle drei wichtigen Preise in ihrem Berufsfeld gewonnen haben: den Oscar (Film), den Tony (Theater) und den Emmy (Fernsehen). Letzteren erhielt McDormand 2016 für die HBO-Serie «Olive Kitteridge» – ihre erste grosse Hauptrolle, sie spielte eine Mathelehrerin in der Lebenskrise.

Die heute 60-jährige Darstellerin hat ein Kunststück vollbracht: Während andere Hollywoodschauspielerinnen mit zunehmendem Alter von der Kinoleinwand verschwinden, spielt sie grössere und komplexere Rollen. «Das Grossartige am Älterwerden ist, dass alleine dein Gesicht eine Geschichte erzählen kann», sagte McDormand in einem raren Interview. Jene Geschichte, die ihr Gesicht nun in «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» erzählt, dürfte ihr am 4. März einen weiteren Oscar einbringen — dieses Mal als beste Hauptdarstellerin.