Geschüttelt und gerührt, und zwar ohne Ende. Keine Kinoserie ist so lange wie James Bond. Länger noch ist die Liste der Filme, die den britischen Geheimagenten parodieren: Ob Mike Myers als «Austin Powers» (1997–2002), Rowan Atkinson als «Johnny English» (2003), oder der französische Oscar-Gewinner Jean Dujardin in «OSS 117» (2006–2009) – sie alle reicherten die weltumspannenden Abenteuer von 007 mit einer deftigen Prise Ironie an. Und bevor Daniel Craig im November in Bond Nummer 25 «Spectre» wieder Ernst macht, lädt nun die Komödie «Spy» ein, herzhaft über die Tücken des Agentenalltags zu lachen.

SPY Trailer 1 Deutsch (2015)

SPY Trailer 1 Deutsch (2015)

Für einmal rückt dabei eine Frau in den Vordergrund – und das gleich in doppelter Hinsicht. Melissa McCarthy, die ewige Nebendarstellerin, darf sich in «Spy» erstmals in einer Kinohauptrolle versuchen. Man kennt die 44-jährige US-Amerikanerin als jene Hollywoodschauspielerin, die sich nicht zu schade ist, ihre Pfunde für derbe Witze herzuhalten. Der Durchbruch gelang ihr vor vier Jahren mit dem Film «Bridesmaids – Brautalarm», ihre Nebenrolle als nymphomanisches Mannsweib wurde mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt.

Lustig, ohne dumm zu sein

Seither ist McCarthy die Muse von Paul Feig. Der «Bridesmaids»-Regisseur castete sie in seiner darauffolgenden Komödie «The Heat – Taffe Mädels» (2013) als Sidekick von Sandra Bullock. Er schätze die Zusammenarbeit mit McCarthy, sagt Feig, weil sie beide den gleichen Humor hätten. «Wir mögen Filmfiguren, die lustig sind, ohne dumm zu sein», erzählte er vor wenigen Tagen an der Premiere von «Spy». In ihrem dritten gemeinsamen Kinofilm steht McCarthys Name jetzt endlich zuoberst im Abspann.

McCarthy spielt Agent Susan Cooper, eine unbeholfene CIA-Agentin, die ihren Alltag am Schreibtisch verbringt. Während Topspion Bradley Fine (Jude Law als traditionellerer 007-Klon) feindliche Verstecke infiltriert, flüstert sie ihm Anweisungen ins Ohr. Die beiden sind ein perfekt eingespieltes Team – bis Cooper nach einer schiefgelaufenen Mission selbst auf einen Ausseneinsatz pocht. Nun liegt es an ihr, irgendwo zwischen Paris, Rom und Budapest eine koffergrosse Atombombe ausfindig zu machen, bevor diese an Terroristen verkauft wird.

Faible für starke Frauenrollen

Zugegeben: Würde sich der gleiche Plot um einen Mann drehen, der vom Bürogummi zum Held reift – «Spy» wäre ein Film, den wir schon Tausende Male gesehen haben. Doch mit Melissa McCarthy als weibliche 007 wird «Spy» zu einer Ermächtigungsfantasie über geschlechtliche Chancengleichheit beim Job. Paul Feig, der auch das Drehbuch schrieb, hat ein Faible für starke Frauenrollen. Mit McCarthy holt er gewissermassen Miss Moneypenny hinter dem Bürostuhl hervor, um sie dann James Bond die Show stehlen zu lassen.

SPY Trailer 2 Deutsch (2015)

SPY Trailer 2 Deutsch (2015)

Ein Running Gag in «Spy» versinnbildlicht das: Agentin Cooper erhält ungewollte Unterstützung von einem knallharten Macho-Spion namens Rick Ford, gespielt von Actionstar Jason Statham. Aber während der andauernd mit seinen vielen Nahtod-Erfahrungen angibt («Ich musste mir mal den Arm wieder annähen – mit dem anderen Arm»), ist es Agentin Cooper, die die Schurken mit präziser Handarbeit aus dem Gefecht zieht.

Der Film besticht mit einer hohen Dichte an Gags, die nie ins Lächerliche abdriften. Wenn Susan Cooper zwecks Tarnung einen Katzenpulli erhält – sowie HightechWaffen, die wie die Arzneimittel einer durchschnittlichen Hausfrau aussehen (Abführmittel, Hämorrhoidenpflaster) – dann lachen wir über diesen mitleiderregenden Anblick. Gleichzeitig machen uns Feig und McCarthy aber bewusst, dass ebensolche Durchschnittsmenschen nicht unterschätzt werden sollten.
Karriere geht steil aufwärts

Melissa McCarthy war auf der Leinwand schon immer eine Frohnatur voller Elan. Aber erst jetzt wird eine Kinorolle ihrem Können wirklich gerecht. Ob verbale oder physische Comedy, McCarthy – die ihre Karriere einst als Bühnenkomikerin lancierte – hat ein begnadetes Gespür für das richtige Timing. Darüber hinaus versteht sie es, ihren Figuren Herz zu verleihen.

Kein Wunder, hat Paul Feig seinen nächsten Film bereits wieder mit ihr besetzt. Diesen Sommer dreht er ein Remake von «Ghostbusters» mit einer reinen Frauenbesetzung. Kein Spuk: Mit Melissa McCarthys Karriere geht es gerade steil aufwärts.

Spy (USA 2015) 120 Min. Regie: Paul Feig. Mit Melissa McCarthy, Jude Law, Jason Statham u.a. Ab morgen im Kino. 4 von 5 Sternen