Am liebsten würden wir die Fernbedienung Richtung Fernseher werfen. Das darf doch nicht wahr sein! Wut, Ratlosigkeit, schliesslich Verzweiflung: Das sind die drei zermürbenden Gemütslagen der Abermillionen «Game of Thrones»-Zuschauer auf der ganzen Welt. Keine andere Fernsehserie malträtiert ihr Publikum dermassen. Lässt reihenweise über Jahre lieb gewonnene Sympathieträger über die Klippe springen, nur um im Gegenzug die fiesesten Schurken zu belohnen.

Wie oft haben wir «Game of Thrones» abgeschworen, um eine Woche später doch wieder einzuschalten und uns der Pein von neuem auszusetzen? «Game of Thrones» war wie Fastfood, Zigaretten, Alkohol oder all die anderen schädlichen Sachen, auf die wir nicht verzichten können. Ein masochistisches Vergnügen, das nun mit seiner achten und letzten Staffel zu Ende geht. Zum Glück. Leider.

Als «Game of Thrones» im April 2011 auf Sendung ging, lag Fantasy tief im Kurs. «Der Herr der Ringe» lag bereits eine Dekade zurück, die «Hobbit»-Trilogie war zum filmischen Desaster geraten, und die «Harry Potter»-Reihe neigte sich gerade ihrem Ende zu. Wer hatte da noch Lust auf Magier, Drachen und Ritter? Noch dazu im Kleinformat statt auf der Kinoleinwand?

Zuschauer- und Preisrekorde

Unglaublich viele, wie sich bald herausstellen sollte. Während populäre Fernsehserien wie «Lost» oder «Homeland» mangels neuer Ideen abflachten und mit jeder weiteren Staffel grosse Zuschauereinbussen einsteckten, zeigte die Zuschauerkurve bei «Game of Thrones» stetig nach oben: Schauten bei der ersten Staffel noch knapp zweieinhalb Millionen Menschen zu, lockte das Ende der siebten und bisher letzten Staffel schon weit über 30 Millionen vor den Bildschirm. Nicht eingerechnet die unzähligen Zuschauer im Internet: Keine andere Serie wird so häufig illegal heruntergeladen wie «Game of Thrones». Zu Buche stehen auch eine Rekordanzahl von 45 Emmy-Auszeichnungen.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von «Game of Thrones»? Die Serie setzte nicht nur punkto Einschaltquoten und Preise neue Massstäbe, sondern vor allem auch inhaltlich. Nehmen wir als Beispiel die zuvor angesprochenen Drachen und Magier, typische Versatzstücke des Fantasy-Genres. Doch in «Game of Thrones» kamen sie anfangs nur spärlich zum Einsatz. George R. R. Martin, der die Romanvorlagen zur Serie schrieb, erklärte das einmal so: «Wenn du eine Krabbe in heisses Wasser legst, springt sie sofort wieder raus. Legst du sie aber in kaltes Wasser und erwärmst dieses langsam ...» In dieser Analogie, so Martin, steht das heisse Wasser für alles, was mit Fantasy und Magie zu tun hat. Und die Krabbe für das Publikum – vor allem jenen Teil, der mit Fantasy und Magie sonst wenig anfangen kann.

Nachvollziehbare Gräueltaten

In der Welt von «Game of Thrones» ging es stattdessen vor allem um die Ränkespiele zwischen Königen, Fürsten und ihren Handlangern. Keine Folge ohne Intrigen, Gewalt und Verrat. Das Geniale: Solche Zutaten lockten weit über die Fantasy-Community hinaus nach und nach auch Anhänger von Politserien wie «The West Wing», Mafiadramen wie «The Sopranos» und sogar Shakespeare-Fans vor den Bildschirm.

«Game of Thrones» war die Antithese zu «Der Herr der Ringe» und räumte mit Fantasy-Klischees weitgehend auf. Eine Figur wie Gandalf, die in einer aussichtslosen Schlacht die entscheidende Wende für die Helden herbeiführt, gibt es hier nicht. Eine klassische Einteilung des Figurenensembles in Helden und Schurken ist bei «Game of Thrones» schier unmöglich. Zu komplex wird das Innenleben dieser Figuren geschildert, sodass selbst Gräueltaten für das Publikum einigermassen nachvollziehbar werden. «An einer schwarz-weissen Welt bin ich nicht interessiert, ich schreibe lieber über Figuren mit verschiedenen Grautönen», erklärte George R. R. Martin im Interview mit dieser Zeitung.

Martin habe das Fantasygenre neu definiert, schreibt Stefan Servos in seinem Buch «Gewalt, Götter und Intrigen – Die Welt von Game of Thrones»: «Wurde der literarischen Gattung der Fantasy bisher vor allem eine Befriedigung der ursprünglichen Sehnsüchte nach Mythologie und Romantik zugesprochen, so bricht George R. R. Martin mit diesem Bild. Er bringt den Realismus in die Geschichte.»

Heldenmythen dienten Martin vor allem, um sie gnadenlos auseinanderzunehmen. Ein ehrenhafter Protagonist wie Ned Stark beispielsweise, der sich für Gerechtigkeit einsetzt und als einzige Figur der Serie einen moralischen Kompass zu besitzen scheint, wurde bereits in der ersten Staffel geköpft. Einer wie er, so die Pointe, ist gedanklich zu festgefahren, um den tödlichen Machtkampf um den Eisernen Thron zu überleben. Ab dieser Folge war klar: In «Game of Thrones» ist alles möglich. Jeder kann sterben, ohne Vorwarnung. Ned Starks Schicksal teilten später viele weitere Sympathieträger.

Bangen um jede einzelne Figur

Das brach radikal mit dem wichtigsten Gesetz jedes Fernsehdramas, das besagt: Die Protagonisten geraten zwar in die schlimmsten Notlagen, finden aber immer einen Weg hinaus. Das ist schon allein marketingtechnisch unerlässlich: Wer als das Gesicht einer Serie etabliert ist, bleibt ihr in der Regel bis zum Schluss erhalten. Ned-Stark-Darsteller Sean Bean war das Gesicht von «Game of Thrones» und im Cast der ersten Staffel der einzige einigermassen bekannte Schauspieler und zierte jedes Werbeplakat.

Dass man um jede einzelne Figur bangen muss, ist revolutionär. Genau hier drin wurzelt die eingangs beschriebene Hassliebe zu «Game of Thrones». Als zum Ende der dritten Staffel beispielsweise bei der berüchtigten Roten Hochzeit gleich eine Sippe von Sympathieträgern heimtückisch niedergemetzelt wird – Wut, Ratlosigkeit, pure Verzweiflung! Und trotzdem schauten alle weiter. Oder gerade deshalb. Denn: Wann war eine Serie jemals so spannend?

Da verzeiht man «Game of Thrones» auch die vielen Unzulänglichkeiten in den letzten paar Jahren. Seit die Fernsehserie die Ereignisse in den Romanvorlagen überholt hat – George R. R. Martin arbeitet immer noch an seinen zwei letzten Bänden, hat sein geplantes Ende allerdings den Serienschöpfern verraten – ziehen in «Game of Thrones» vermehrt Fantasy-Klischees ein. Da erwachen Tote wieder zum Leben, Auftragskiller zaubern sich ein neues Gesicht und Untote reiten auf Eisdrachen in die Schlacht ... Wenn wir zu Martins Analogie mit der Krabbe zurückkehren, ist das Wasser inzwischen gehörig am Kochen.

Sechs Episoden noch, dann ist der Kampf um den Eisernen Thron, nach dem in «Game of Thrones» alle trachten, entschieden. Dieses unförmige Flickwerk aus tausend gezackten und verdrehten Schwertern ist ein prächtiges Symbol für die Serie. Ein Blick auf den Eisernen Thron macht unmissverständlich klar: Wer hier drin Platz nimmt, kann sich nicht entspannt zurücklehnen.

Wer wird ihn erobern? Jon Schnee, der Anführer im Kampf gegen die furchteinflössenden Eiszombies? Daenerys Targaryen, die verstossene Thronerbin und Drachenreiterin? Oder doch der untote Nachtkönig? Bleibt «Game of Thrones» seiner Linie treu, sollten wir kein Happy End erwarten. Die vermeintlichen Helden verlieren: Keine andere Serie könnte sich das erlauben.

Andererseits: Was würde uns bei «Game of Thrones» inzwischen mehr schockieren als ein versöhnlicher Ausgang?