Achtzig bis neunzig neue Schweizer Filmproduktionen laufen pro Jahr im Kino. Und viele von ihnen, wenn sie nicht gerade «Wolkenbruch» oder «Die göttliche Ordnung» heissen, rutschen vorbei. Vorbei an unserer Aufmerksamkeit, an unserem Interesse, an unserem Eintrittsgeld.

Zurecht? Die Vorurteile gegenüber Schweizer Spielfilmen sind so bekannt wie weitverbreitet: einfallslose Plots, mittelmässige Schauspieler, handwerkliche Mängel, biedere Dialoge.

Perfektes Gegenbeispiel

«Cronofobia» ist das perfekte Gegenbeispiel. Das Spielfilmdebüt des Tessiners Francesco Rizzi läuft diese Woche im Kino an. Gesprochen wird hier nur wenig, die Protagonisten sind wortkarge Einzelgänger. Da ist Anna (Sabine Timoteo), die kaum je ihr Haus verlässt. Und Suter (Vinicio Marchioni), der jeden Abend seinen Lieferwagen auf der gegenüberliegenden Strassenseite parkiert und Anna durchs Fenster beobachtet.

Ist er ein Spanner? Ist sie suizidgefährdet? Ist «Cronofobia» Drama oder Krimi? Statt alles auszubuchstabieren, lässt der Film seine Zuschauer lange im Dunkeln tappen – und baut so eine ungemeine Spannung auf.

Wie raffiniert die rätselhafte Geschichte ist, die Regisseur und Autor Rizzi hier ersinnt hat, wird erst ganz zum Schluss klar. Verraten sei an dieser Stelle nichts.

Rastlose Seelen, die sich zaghaft näher kommen

Nur so viel: Es ist ein ungewöhnliches Duo, das Rizzi hier porträtiert. Anna ist frisch verwitwet. Und Suter plagen wegen seines Jobs grosse moralische Bedenken. Sie sind rastlose Seelen, die sich zwischen Autobahnraststätten und ausrangierten Zugwagons zaghaft näher kommen. Ihre Gespräche sind leise, ihre Blicke und Gesten verraten mehr als ihre Worte.

«Cronofobia» ist ein poetischer, feinfühlig inszenierter Autorenfilm, dessen melancholische Szenen zum Verweilen einladen. Kein Bild, keine Einstellung (Kamera: Simon Guy Fässler) ist hier dem Zufall überlassen.

Überzeugend sind auch die schauspielerischen Leistungen, allen voran jene von Sabine Timoteo. Die 44-jährige Bernerin macht die gewaltige Trauer mit kleinen Regungen nach aussen sichtbar. Und stellt mit «Cronofobia» unter Beweis, weshalb sie als eine der besten Schweizer Schauspielerinnen gilt.

Umso erstaunlicher ist, dass sie bei der Verleihung der Schweizer Filmpreise übergangen wurde. Timoteo hat die Auszeichnung bereits dreimal gewonnen, wurde für «Cronofobia» aber nicht mal nominiert. Der Film wurde in keiner einzigen Kategorie berücksichtigt.

Anerkennung gab es einzig am auf Nachwuchsfilmer ausgerichteten Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, wo Rizzi im Januar die Auszeichnungen für den besten Film und für die beste Regie zuteil wurden.

Aufstrebende Generation

Rizzi gehört zusammen mit Lisa Brühlmann («Blue My Mind»), Simon Jaquement («Der Unschuldige»), Anja Kofmel («Chris the Swiss») und Tobias Nölle («Aloys») zu einer aufstrebenden Generation talentierter Schweizer Regisseure.

Was ihnen noch fehlt, ist ein entdeckungswilliges Publikum. Ein Publikum, das grossartige Filme wie «Cronofobia» nicht einfach durchrutschen lässt.

Cronofobia (CH 2018) 93 Min. Regie: Francesco Rizzi. Ab 4.7. im Kino. ★★★★★