Kino

Ein verletzlicher Antonio Banderas über seine neuste Rolle: «Ich fühlte mich nackt»

In «Dolor y gloria» bekommen wir einen sehr verletzlichen Antonio Banderas zu sehen. Die erneute Zusammenarbeit mit Pedro Almodóvar habe ihm geholfen, sich als Schauspieler neu zu erfinden, sagt er in Cannes.

Der Spanier Antonio Banderas spielt in «Dolor y gloria» («Leid und Herrlichkeit») von Pedro Almodóvar den Filmregisseur Salvador Mallo. Von körperlichen Leiden in seiner Kreativität gelähmt, driftet er ab in Kindheitserinnerungen. Auch sucht er anlässlich der Wiederaufführung eines Frühwerks Kontakt zum heroinsüchtigen Schauspieler Alberto. Ein sehr persönliches, autofiktionales Alterswerk über Versöhnung mit der Vergangenheit und mit sich selber. Gewohnt schön und routiniert inszeniert.

Ihre Darstellung hat etwas Bescheidenes und Verletzliches. In der Eröffnungsszene sieht man die grosse Narbe am Rücken. Ist das Ihre?

Antonio Banderas: Nein, ich habe keine Narben. Ich hatte einen Herzanfall, aber ich musste nicht operiert werden. Wäre es meine, ich hätte sie gezeigt. Die Narbe, die ich eingebracht habe, ist nicht körperlich. Pedro sagte während der Proben zu mir, ich hätte mich seit dem Herzinfarkt verändert. Und er wolle nicht, dass ich das verberge. Diese Tendenz hat man, man will stark wirken. Ich habe Zorro gespielt, wie Sie wissen. (lacht)

Wie gehen Sie mit Schmerz um?

Ich habe ein Paracetamol gegen die Rückenschmerzen genommen, die mich seltsamerweise gerade plagen. (lacht)

Und mit seelischem Schmerz?

Wenn ich Sorgen habe, werde ich zum Workaholic. Vor der Kamera fühle ich mich beschützt. Es ist merkwürdig, aber die Wahrheit. Ich tauche ein in die Dreharbeiten und die Welt der Figuren.

«dolor y gloria»-Trailer (Deutsch)

Nach 22 Jahren in Hollywood mussten Sie und Pedro Almodóvar sich für «La piel que habito» (2011) erst wieder finden. Sie sollten Ihre ganze Erfahrung ablegen. Welche Möglichkeiten sahen Sie in «Dolor y gloria»?

Die Rolle gab mir die Möglichkeit, an den Ort zurückzukehren, wo wir uns einst begegnet sind, zu den Anfängen unserer Karrieren in Madrid vor fast 40 Jahren. So habe ich alle Mittel und Tricks, mit denen ein Schauspieler arbeitet, beiseitegelegt. Alles, wovon die Leute denken, dass mich das als Schauspieler ausmacht. Und wir gingen an einen fremden Ort.

Wie sind Sie dahin gekommen?

Wir haben mit Sparsamkeit angefangen und der Figur langsam winzige Nuancen hinzugefügt. Ich habe versucht, sie von innen heraus zu verstehen. Ich denke, die Rolle des Salvador Mallo ist etwas, was niemand von mir erwartet hat, ein anderes Ich. Das macht durchaus Sinn, ich werde nächstes Jahr 60 Jahre alt. Es war eine sehr befriedigende und kreative Erfahrung, aber auch sehr schmerzhaft. Ich fühlte mich nackt vor der Kamera. Das Ergebnis hat immer noch etwas sehr Mysteriöses für mich.

Warum?

Weil ich nicht objektiv sein kann. Den Film am Freitag zu sehen, war sehr emotional. Ich dachte nur daran, wie die einzelnen Szenen entstanden sind. In ein paar Jahren vielleicht, aus einer gewissen Distanz, kann ich den Film anders schauen. Aber jetzt bin ich noch zu berauscht davon.

Im Film gibt es Rückblenden auf die Kindheit Ihrer Figur Salvador und dessen Anfänge als Regisseur. Haben Sie damit auch auf die verrückte Zeit in Madrid zurückgeschaut, als jeder Almodóvar-Film ein Skandal war?

Ja, «Dolor y gloria» veranlasste uns beide, Pedro und mich, zurückzuschauen. Er sagte mir zuvor, dass ich im Drehbuch viele Referenzen auf unser beider Leben finden würde. Es ist eine Ansammlung von Charakteren, die Pedro Almodóvar neu zusammengesetzt hat, von Dingen, die tatsächlich passiert sind. Einige der Dialogzeilen der Figur des Schauspielers Alberto stammen von mir. (lacht) Pedro wollte mit realen Personen ins Reine kommen, offene Kreise schliessen und Danke sagen. Es geht um Zurückschauen und Versöhnung. Wir alle gehen mit einem Rucksack durchs Leben, gefüllt mit Schmerz und Trauer, aber auch mit Freude und Erfüllung. Diese Wahrhaftigkeit macht den Film universell.

Der Film handelt davon, Kreise zu schliessen. Aber was persönliche Beziehungen angeht, ist das nicht so einfach.

Absolut. Meine Ex-Frau (US-Schauspielerin Melanie Griffith, Anm. d. Red.) ist meine beste Freundin, sie ist immer noch meine Familie. Wir telefonieren gerade die ganze Zeit, weil unsere Tochter in Thailand ist und ich dabei bin, wahnsinnig zu werden. (lacht) Man muss sich nicht zwischen Alles oder Nichts entscheiden. Davon handelt der Film auch.

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