Filmfortsetzungen mögen in Hollywood längst ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein, doch hierzulande haben sie nach wie vor Seltenheitswert. «Achtung, fertig, WK», das letzte grosse Schweizer Sequel, liegt bereits fünfeinhalb Jahre zurück. Doch jetzt kommt «Tscharniblues II». Der Dokumentarfilm von Aron Nick eröffnet heute Abend die 54. Solothurner Filmtage und knüpft dort an, wo «Dr Tscharniblues» vor vierzig Jahren aufgehört hatte.

Der Kultfilm von Bruno Nick (Aron Nicks Onkel) hatte 1980, an den 15. Solothurner Filmtagen, für Furore gesorgt, lief danach im Fernsehen, fegte wie ein Tornado durch die Medien. «Dr Tscharniblues» war das Selbstporträt von sechs chaotischen, verträumten Weltverbesserern: Bruno Nick, sein Bruder Bernhard Nick und ihre Freunde Stephan Ribi, Christoph Eggimann, Yves Progin und Stefan Kurt. Männer um die zwanzig, die mit einer Super-8-Kamera der Konsumgesellschaft den Krieg erklärten. «Dr Tscharniblues» war die filmische Vorwegnahme der späteren Jugendbewegung.

«Dr Tscharniblues» im Programm der 15. Solothurner Filmtage

«Dr Tscharniblues» im Programm der 15. Solothurner Filmtage

«Nicht mehr so politisch»

Die Prämisse von «Tscharniblues II» lautet nun: Was ist aus den Idealen und Träumen dieser Generation geworden? Um das herauszufinden, ist Regisseur Aron Nick mit den Protagonisten an den ursprünglichen Schauplatz zurückgekehrt: das Tscharnergut in Bern, die damals erste moderne Hochhaussiedlung der Schweiz. Von Anfang an ist ersichtlich, dass diese Männer Freunde geblieben sind. Sie witzeln miteinander, spielen Filmszenen von damals nach und stellen fest: «Ganz so politisch sind wir heute nicht mehr.»

Ausschnitte aus dem Film Tscharniblues II von Aron Nick

Ausschnitte aus dem Film Tscharniblues II von Aron Nick

Der Film verknüpft damals und heute auf äusserst effektive Weise. Aron Nick schneidet immer wieder Originalszenen der jungen und wilden Gruppe aus «Dr Tscharniblues» heutigen Szenen gegenüber: Einfamilienhaus, grosses Auto, Ferienpläne. Der Kontrast könnte kaum grösser sein. «Wir sind Teil dieser Gesellschaft geworden», bilanziert Stephen Ribi. «Es sieht so aus, als wären wir heute bürgerlicher. Aber unsere Ideologie hat nicht wirklich gewechselt.»

Aber um Ideologie dreht sich «Tscharniblues II» nicht wirklich. Denn die Männer sind nicht nur milder geworden, sie sind heute auch weit weniger mitteilungsbedürftig. Schlechte Vorzeichen für den restlichen Film, doch «Tscharniblues II» fällt ob dieser Feststellung nicht auseinander.

Das neue Leitmotiv des Films ergibt sich ganz natürlich aus den Gesprächen seiner Protagonisten: Es geht ums Scheitern und «um das Recht, erfolglos zu sein», wie Stefan Kurt in einer Filmszene sagt. Das trifft weniger auf ihn zu – Kurt ist dank Rollen in «Der Verdingbub» und «Papa Moll» heute ein schweizweit bekannter Filmschauspieler – aber viel mehr auf Christoph Eggimann, der voller Pessimismus auf sein Leben zurückblickt. Eggimanns Szenen gehören zu den emotionalsten im Film. Wenn er seiner Freundin beispielsweise erklärt, dass sein Leben ein Puzzle mit fehlenden Teilen sei. Oder wenn er sich zu den melancholischen Songzeilen hingezogen fühlt, die der 2014 verstorbene Bruno Nick einst verfasst hatte: «Verlore han ig dr Schlüssel / zur Düüre vo däm Ruum / wo d’Plän si vo mim Läbä / Ha numme no Träum.»

Ein stiller, glückseliger Moment

«Tscharniblues II» ist eine kleine Portion Nostalgie und eine grosse Portion Wehmut. Doch es gibt auch viele Lichtblicke. In der heitersten Filmszene stürzen sich die fünf Männer in die 14 Grad kalte Aare und lassen sich treiben. «La vie est une fleuve tranquille», hat Bernhard Nick als Motto für sich und seine Kollegen auf einen Zettel notiert: Das Leben ist ein ruhiger Fluss. Es ist ein stiller, glückseliger Moment, den man dieser kauzigen Truppe von Herzen gönnt.

Den Blues von damals spüren sie noch heute. Aber er hat sich verändert. Er ist rauer geworden, herb, aber gleichzeitig auch ein wenig entspannter. Was das wirklich Wichtige im Leben sei, fragt sich Christoph Eggimann gegen Ende des Films. Er zuckt seine Schultern und wirft seine Angelrute in den See. «Du bist nicht mehr jung, stark, schön und gescheit – aber du träumst immer noch.» Es sind die Worte von einem, der trotz Rückschlägen seine Träume weder begraben noch vergessen hat.

Solothurner Filmtage 24.–31. Januar.