Markus Imhoof empfängt uns in seiner Altbauwohnung in einem ruhigen Viertel in Berlin. Der 76-jährige Filmemacher aus Winterthur lebt seit 2003 in der deutschen Metropole, wo sein neuer Film «Eldorado» im Rahmen des Filmfestivals Berlinale Weltpremiere feiert.

Imhoof zeigt uns ein volles A4-Blatt, auf dem alle Interviews sind, die er nur an diesem Tag noch geben wird. Das Interesse ist riesig, kein Wunder: Imhoofs letzter Film, «More Than Honey» (über das Bienensterben), ist der erfolgreichste Schweizer Dokumentarfilm aller Zeiten.

Jetzt, sechs Jahre später, hat er sich für «Eldorado» erneut ein brisantes Thema vorgeknöpft – eines, das schon seit Jahrzehnten begleitet:

Markus Imhoof, Ihr Flüchtlingsdrama «Das Boot ist voll» kam 1980 ins Kino. Hätten Sie gedacht, dass der Film über 35 Jahre später noch so relevant sein würde?

Markus Imhoof: Nein, gar nicht. Im Unterschied zu meinem neuen Film «Eldorado» kamen damals gar keine Boote vor. Der Filmtitel «Das Boot ist voll» war eine Metapher für die Schweizerische Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Es hat schon etwas Gespenstisches, dass dieses Thema mich ein ganzes Leben lang begleitet hat. Es zeigt auch, dass der Begriff Flüchtlingskrise eine absolute Illusion ist.

Trügerisches Glück: Für seinen neuen Dokumentarfilm begab sich Markus Imhoof auf ein Schiff der italienischen Marine, das im Mittelmeer Flüchtlinge aus Afrika aufgriff. «Eldorado» läuft ab 8. März in den Schweizer Kinos.

Trügerisches Glück: Für seinen neuen Dokumentarfilm begab sich Markus Imhoof auf ein Schiff der italienischen Marine, das im Mittelmeer Flüchtlinge aus Afrika aufgriff. «Eldorado» läuft ab 8. März in den Schweizer Kinos.

Wie meinen Sie das?

Man deutet den Wählern damit an, dass man das im Griff hat und es bald einmal aufhört. Kürzlich kam bei einer DNA-Analyse eines Ur-Engländers, der vor über 10'000 Jahren gelebt hat, heraus, dass er schwarz war. Wir sind eigentlich alle auch Afrikaner, nur ist das noch nicht ins allgemeine Bewusstsein durchgesickert. Wir Afrikaner sind vor 180'000 Jahren ausgewandert, auf der Suche nach Glück. Und diese Suche hört nie auf.

Der Titel Ihres neuen Films «Eldorado» bezieht sich auf diese Suche nach Glück. Was in der ersten Szene aber goldig glänzt, ist kein Schatz, sondern es sind Isolationsdecken, unter die sich Flüchtlinge verkrochen haben.

Mir war es wichtig, dass der Filmtitel etwas Verheissungsvolles hat, aber gleichzeitig auch diese Illusion anspricht. Einige finden das Gold, andere nicht. Es geht darum, wie man mit diesem Glück umgeht.

Der Trailer zum Film Eldorado von Markus Imhoof:

Sie filmten auf einem Schiff, das Teil der «Mare Nostrum»-Rettungsoperation war. Was für Zustände haben Sie dort erlebt?

Zunächst: Mare Nostrum hat eine grässliche Vorgeschichte. Es gab einen Deal zwischen Berlusconi und Gaddafi, der besagte, dass Libyen alle Flüchtlinge behält. Gaddafi schickte sie zurück in die Wüste oder steckte sie in Gefängnisse. Zwischen Italien und Libyen floss da viel Geld. Als dann 2013 vor Lampedusa 545 Menschen ertrunken sind, wurde auf Druck von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon und dem Papst Mare Nostrum ins Leben gerufen: Fünf Kriegsschiffe sollten im Mittelmeer diese Menschen abfangen. Perverserweise braucht es ein gewisses Mass an Schmerz, bevor geholfen wird.

Ihre Filmaufnahmen entstanden auf einer der letzten «Mare Nostrum»-Fahrten, die Operation wurde im Oktober 2014 eingestellt.

Ja. Seit letzten Sommer fährt die Marine jetzt in die libyschen Gewässer. Aber die Flüchtlinge, die sie auffangen, werden zurück in die libyschen Gefängnisse geschickt, wo absolut gefährliche Zustände herrschen. Dort wird Sklaven- und Menschenhandel betrieben, mitfinanziert von der EU und Italien. Das ist nicht aushaltbar.

Sie beobachteten die Zustände aus nächster Nähe. Wie nahe geht einem das?

Wenn man diese Menschen sieht oder Geschichten wie jene von Rahel hört, die in so einem Gefängnis misshandelt wurde, dann ist das unerträglich. Weil das so weit weg ist, scheint es uns nichts anzugehen. Aber die Welt hört nicht an der Schweizer und auch nicht an der europäischen Grenze auf. Alles hat einen Zusammenhang. Das wollte ich mit meinem Film zeigen. Sogar wenn wir Tomaten essen, tragen wir Verantwortung. Und jeder hat auch ein Stück Afrika in der Hosentasche.

In unseren Handys?

Genau. In ihnen stecken seltene Erden, die in Afrika abgebaut werden. Und wir Schweizer haben ja die Schoggi erfunden, aber die Kakao-Bohnen wachsen nicht bei uns, sondern unter anderem in Afrika. Dass in der Elfenbeinküste, dem grössten Kakaoproduzenten, bis vor kurzem keine einzige Schoggiverarbeitungsfabrik stand, zeigt, dass das Land nur als Rohstofflieferant interessant ist. Für die Menschen dort interessiert sich niemand.

Sie erzählen in «Eldorado» auch Ihre persönliche Geschichte von Giovanna, einem italienischen Flüchtlingsmädchen, das Ihre Eltern während des Zweiten Weltkriegs bei Ihnen zu Hause aufgenommen haben. Wollten Sie damit die Parallelen zwischen damals und heute zeigen?

Schon das Casting des Mädchens in «Das Boot ist voll» war eine Anspielung auf Giovanna. Ihr Schicksal ging mir sehr nahe. Ich hatte bei «Eldorado» aber nicht von Anfang an die Absicht, diese persönliche Geschichte hineinzubringen. Doch je länger wir am Film arbeiteten, desto stärker wurde mir bewusst, dass Giovannas Schicksal Teil des Films ist.

Ihnen gelingt damit ein spannender Kontrast: Einerseits die Perspektive der grossen europäischen Institution auf die Flüchtlingskrise, andererseits der kindliche Blick des achtjährigen Markus Imhoof, der sich an Giovanna erinnert.

Als Kind sieht man die Welt rabiater, klarer. Man sagt ja: Kinder und Narren sagen die Wahrheit. In «Eldorado» sieht man beispielsweise eine Frau im Altersheim, die zwar geistig nicht mehr ganz da ist, aber gegenüber Flüchtlingen die gesundeste Haltung hat. Sie ist froh, dass mit Rahel jemand da ist, der sie durch den Park schiebt und ihr beim Malen hilft. Rahel ist eine Eritreerin, sie hat kein Asyl erhalten, kann aber auch nicht zurückgeschickt werden. Sie lebt jetzt mit acht Franken am Tag und einer Matratze und darf weder arbeiten noch Deutsch lernen. Sie ist wie ein Auto ohne Nummernschild.

Stattdessen bauen wir Roboter, um die Altenpflege zu übernehmen.

Ich frage mich immer, warum Politiker nicht daran denken, dass auch sie eines Tages alt sein werden und jemanden brauchen, der zu ihnen schaut. Es gibt in der Pflege zu wenig Personal. Es ist ein Stress, man verdient viel zu wenig. Aber es gäbe hier ja Menschen, Leute wie Rahel! Und wenn wir die Demografie betrachten: Natürlich hat es viele Leute in der Schweiz. Aber wir vergreisen und werden auch weniger. Wir müssen längerfristiger denken als nur eine Legislaturperiode. Wir müssen weniger auf die Füsse schauen und mehr auf den Horizont.

Im Film zeigen Sie Flüchtlinge, die in Italien angekommen sind, aber nicht arbeiten dürfen. Sie verrichten dann für die Mafia Schwarzarbeit auf Tomatenfeldern. Es sind Bilder, die an die Sklavenhaltung auf Amerikanischen Baumwollfeldern erinnern.

Sklaven musste man ja noch füttern. Diese Flüchtlinge dagegen müssen selber schauen, wie sie zu Nahrung kommen. Sie sind billiger als Sklaven.

Diese Flüchtlinge wohnen in einem Camp, das von der Mafia kontrolliert wird. Auch dort haben Sie gefilmt. War das nicht gefährlich?

Als wir aus dem Auto stiegen und die Aufpasser unsere Kamera sahen, prügelten sie sofort auf uns ein. Wir kehrten später mit versteckten Kameras zurück. Mein Kameramann Peter Indergard sagte danach, das sei gefährlicher gewesen als der Dreh von «War Photographer» mit dem Kriegsfotografen James Nachtwey.

Wie ist es Ihnen gelungen, unerkannt eine Kamera in dieses Mafia-Camp zu schmuggeln?

Wir hatten zwei versteckte Kameras und ein Mikrofon für den Ton. Wir konnten die Aufnahmen nur bedingt kontrollieren. Es gab schon ein paar brenzlige Situationen. Wir befürchteten, dass die Sitzenden das Loch entdecken würden, durch das wir filmten. Am heikelsten waren die Aufnahmen an einem Ort im Camp, wo gestohlene Elektronikgeräte verkauft wurden. Die Leute dort kannten sich ja mit Geräten wie unseren aus.

Sie filmten auch in einem Aufnahmelager in Foggia und sprachen dort mit den Organisatoren. Man erhält dabei den Eindruck, dass das, was sie erzählen, nicht ganz ehrlich ist.

Für sie war das wie eine Werbeveranstaltung. Einer der Organisatoren erzählte, dass viele Flüchtlinge draussen schlafen, weil ihnen das so besser gefalle. Nach unserem Dreh schleuste sich aber ein italienischer Journalist ein, um über die Zustände dort zu berichten. Er schrieb, dass drinnen alles überfüllt war. Die Organisatoren hatten den Zuschlag für die Betreibung dieses Lagers erhalten, weil sie statt 30 Euro pro Kopf nur 22 Euro verlangten. Um die fehlenden Einnahmen zu kompensieren, haben sie das Lager einfach überbucht.

Waren die Drehbewilligungen eine der grössten Herausforderungen bei diesem Film?

Es ist schon erstaunlich, dass man eigentlich nicht hingucken darf auf etwas, das vom Staat finanziert und in seinem Auftrag gemacht wird. Die Behörden haben Angst, dass sie es zu schlecht machen. Oder dass sie es zu gut machen.

Zu gut? Was heisst das?

Sie fürchten sich vor dem Vorwurf, dass sie zu nett sind und die Flüchtlinge verhätscheln. Ein hoher Beamter beim Schweizer Staatssekretariat für Migration sagte mir: «Wenn die Linken und die Rechten gleichermassen unzufrieden sind mit uns, dann haben wir unseren Job gut gemacht.» So ein unschöpferisches Bild von der eigenen Arbeit zu haben, finde ich erschreckend.

Die filmische Reise von «Eldorado» führt schliesslich in eine Zivilschutzanlage in Bern, die als dicht gedrängte Notunterkunft herhalten muss. Was ist das also für ein Eldorado?

Draussen sind superschöne Berge. Aber klar: Es gibt hier Betten, und Leute, die ihre Militärausbildung dort verbracht haben, sagen natürlich: Wir haben es auch ausgehalten. Aber ein WK dauert drei Wochen, diese Menschen sind teilweise bis zu eineinhalb Jahre dort. Unter der Flagge der Helfernation Schweiz wird Abschreckung produziert. Wenn diese Menschen alle nach Hause schreiben würden, wie schön es in der Schweiz ist, würden ja noch viel mehr kommen. Die Schweizer Flüchtlingspolitik ist ein Antitourismus-Programm.

Gibt es Szenen, die es nicht in den Film geschafft haben?

Wir haben auch in Libanon an der Grenze zu Syrien gedreht. Der Film war mal fünf Stunden lang. In der Endfassung von «Eldorado» erzähle ich den illegalen Weg: über das Mittelmeer und Italien bis in die Schweiz – und zurück. Ich habe aber auch die wenigen Glücklichen gefilmt, die im Libanon von der UNHCR – das ist der erste Ansprechpartner für die Ankömmlinge – ausgewählt werden. Diese «most vulnerable» – 9000 von 1,2 Millionen! – werden vorbereitet und kommen dann mit dem Flieger. Diese Szenen hätten den Rahmen von «Eldorado» gesprengt, vielleicht ergeben sie mal einen anderen Film.

Der Kern von «Eldorado» ist eine Entdeckung, die Sie als Kind gemacht haben, nämlich dass auch andere «Ich» zu sich sagen.

Das ist die Basis von Kooperation. Man kann das mit einem Orchester vergleichen: Alle Instrumente machen zusammen die Musik. Wenn die Trompete alles übertönt, ist das keine Musik. Darum sitzt die Trompete auch ein bisschen weiter hinten (lacht). Voraussetzung für gute Musik ist, dass man einander zuhört.

Und diese Erkenntnis haben Sie aus Ihrer Begegnung mit dem Flüchtlingsmädchen Giovanna gewonnen?

Genau. Die meisten Menschen, die gegen Flüchtlinge sind, haben noch nie einen gesehen. Empathie entsteht in der Familie, in der Schulklasse, vielleicht noch im Fussballverein, oder im Geburtsland. Das Tragische ist, dass diese Empathie mit dem «Wir» irgendwann mal aufhört. Im Film erinnere ich mich an meine Kindheit, als ich «Unser tägliches Brot» betete. Ich dachte, wenn ich das ganze Telefonbuch der ganzen Welt aufsagen müsste, werde ich nie fertig – und dann würden alle verhungern. Aber wenn das jeder macht, beginnt sich das zu überdecken. Wenn jeder in seinem Bereich versucht, das Bestmögliche zu leisten, dann ist am Schluss schnell die ganze Welt abgedeckt.

Sie haben viel Elend gefilmt. Wo sehen Sie Hoffnung?

Die Geschichte von Aket, einem der Protagonisten von «Eldorado», ist eine hoffnungsvolle. Er kam im Alter von 16 Jahren allein durch die Wüste und über das Meer nach Italien, wo er von einer Familie aufgenommen wurde. Er war ihre Giovanna. Er machte die Matur, erhielt ein Stipendium, und arbeitete nebenbei. Jetzt studiert er in Paris an der Sorbonne. Danach will er zurück nach Afrika, um Politiker zu werden, ein anderer Politiker. Aket ist ein gutes Beispiel, wie es auch laufen könnte.