Richterin des Obersten Gerichtshofs

Gleichstellung der Geschlechter: Zwei Filme ehren Amerikas Galionsfigur

Felicity Jones spielt in «On the Basis of Sex» Ruth Bader Ginsburg. Ascot Elite

Felicity Jones spielt in «On the Basis of Sex» Ruth Bader Ginsburg. Ascot Elite

Ruth Bader Ginsburg ist Amerikas Galionsfigur für die Gleichstellung der Geschlechter: Der Spielfilm «On the Basis of Sex» und der Dokumentarfilm «RBG» ehren die hartnäckige Richterin des Obersten Gerichtshofs.

Clarence Thomas war 43 Jahre alt, als er 1991 in den Obersten Gerichtshof der USA berufen wurde. Als 60-Jährige rechnete sich Ruth Bader Ginsburg zwei Jahre später eigentlich keine Chancen auf eine Ernennung in den Supreme Court mehr aus. Aber ihr gut vernetzter Mann Marty setzte sich ans Telefon und seine Frau damit auf eine Liste von Richtern, die der damalige Präsident Bill Clinton in Betracht zog: «Er war nicht der Einzige, der eine Kampagne führte, und es war letztlich ihr Interview, das mich überzeugte», so Clinton im Dokumentarfilm «RBG». «Ich wusste innerhalb von 15 Minuten, dass ich sie wählen würde.»

Ruth Bader Ginsburg ist eine Galionsfigur der Frauenbewegung der 70er- Jahre und mit dem Rechtsrutsch des Obersten Gerichtshofs unter Donald Trump heute die prominenteste Stimme der Minderheit in der US-Judikative. Bei der Linken geniesst sie Rockstar-Status und mit «Notorious RBG» (also «Berüchtigte Ruth Bader Ginsburg» in Anlehnung an Rapper Notorious BIG) hat sich auf Tumbler, Twitter und in der Biografie von Irin Carmon and Shana Knizhnik auch ein entsprechender Übername breitgemacht.

Geschichte von Ruth und Marty

Die Filmszene widmet der Juristin zum 25-Jahr-Jubiläum am Obersten Gerichtshof nicht nur den Oscar-nominierten Dokumentarfilm «RBG» von Julie Cohen und Betsy West, sondern auch den Spielfilm «On the Basis of Sex». Felicity Jones spielt darin die junge Bader Ginsburg – eine von damals nur neun Harvard-Jus-Studentinnen, die sich vom Professor die Frage gefallen lassen mussten, wieso sie einem Mann den Studienplatz wegnehmen. Das Drehbuch schrieb Daniel Stiepleman, der Neffe von Ruth Bader Ginsburg: «Beim Nachruf an der Beerdigung meines Onkels Marty kam mir erstmals der Gedanke, dass die Geschichte von Ruth und Marty eigentlich einen tollen Film abgeben würde – und ich schämte mich natürlich sogleich dafür, bei einer Beerdigung über so etwas nachzudenken», erinnert er sich. Aber die Idee liess ihn nicht los und Tante Ruth gab ihm schliesslich mit den Worten «wenn Du nichts Besseres mit Deiner Zeit vorhast» die Erlaubnis, in ihren Akten zu wühlen.

Der Film, inszeniert von Mimi Leder («The Peacemaker»), konzentriert sich auf die frühen gemeinsamen Jahre des Juristenpaares und den einzigen Fall, den sie je zusammen betreuten: Ruth Bader und Martin Ginsburg (Armie Hammer) lernen sich im Studium kennen. Sie ist strebsam und introvertiert, er ein Unterhalter. Beide sind sie ambitioniert. 1954 heiraten sie. Ein Jahr später kommt das erste ihrer beiden Kinder zur Welt. Als Marty an Krebs erkrankt, studiert Ruth für beide, sorgt für den kranken Mann und das Kleinkind.

Nach Abschluss hat die Harvard-Absolventin Mühe, einen Job zu finden – weil sie eine Frau ist. 1972 übernimmt sie ihren ersten Fall von Geschlechter-Diskriminierung und erreicht eine Steuerrückvergütung für einen Mann, der für seine kranke Mutter sorgt. Der «Pflege-Abzug» war bis anhin nur für Frauen vorgesehen. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gibt es in beide Richtungen und ist immer zu verwerfen, wird Bader Ginsburg immer wieder vor Gericht argumentieren und damit das Fundament für Gesetzesänderungen zur Gleichstellung von Mann und Frau legen. «Sie kommt einer Superheldin am nächsten: Sie veränderte in den 70er-Jahren alles», so Frauenrechtlerin Gloria Steinem in «RBG». «Dank ihr fühlte ich mich erstmals von der Verfassung geschützt.»

Die Charakterisierung und anhaltende Bedeutung von Ruth Bader Ginsburg kommt in «On the Basis of Sex» leider weniger zur Geltung als im Dok. Weil sich der Spielfilm auf den Anfang ihrer Karriere beschränkt, bleibt ihre Rolle als die zweite Frau im Obersten Gerichtshof unangetastet.

Vorwürfe unerwähnt

Die Vorwürfe, die ihr in den letzten Jahren entgegenwehten, werden so ebenfalls umschifft: Für ihre offene Kritik am damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, ein No-Go für eine Oberrichterin, hat sie sich inzwischen entschuldigt. Und dann ist da noch die allfällige Fehl-Kalkulation, nicht unter dem demokratischen Präsidenten Obama zurückgetreten zu sein.

In zwei Wochen wird Ruth Bader Ginsburg 86 Jahre alt. Im Dezember unterzog sie sich zum dritten Mal einer Krebsoperation. Seit kurzem ist sie wieder am Gericht, aber für Demokraten nicht auszumalen, was mit den Rechten von Frauen und Minderheiten passiert, wenn sie unter Präsident Trump abtreten muss und er einen weiteren konservativen Richter ernennen kann. «Ich habe es schon oft gesagt: Ich werde diesen Job machen, solange ich ihn volle Kraft voraus bewältigen kann. Wenn das nicht mehr möglich ist, trete ich zurück», erklärt die fragil wirkende Oma in «RBG» bestimmt. Kurze Zeit später legt sie mit ihrem Fitnesstrainer ein paar Liegestützen auf die Matte.

«On the Basis of Sex» (USA) Regie: Mimi Leder. Ab 28. 2. im Kino.

«RBG» (USA) Regie: Betsy West, Julie Cohen. Ab 28. 3. im Kino.

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