Meister der Selbsterfindung

«Ich habe mein Leben eigens fürs Kino erfunden» – Erinnerungen an Regie-Legende Federico Fellini

Federico Fellini bestimmt das Framing für Anna Magnani.

Federico Fellini bestimmt das Framing für Anna Magnani.

Am 20. Januar wäre Regie-Legende Federico Fellini einhundert Jahre alt geworden. Erinnerung an den Meister der Selbsterfindung.

Es begann mit einem Misserfolg. «Lichter des Varieté», mit dem Federico Fellini 1950 als Regisseur debütierte, erntete harsche Kritik. Man warf ihm mangelndes Gespür für seine Figuren vor. Tatsächlich aber markiert der Film, der von einer durch italienische Provinzstädte tingelnden Schauspielertruppe erzählt, den Beginn einer einzigartigen Regie-Karriere.

Der am 20. Januar 1920 in Rimini als Sohn eines Handelsreisenden geborene Federico Fellini hielt sich als Karikaturist und Zeichner von Comicstrips über Wasser, ehe er sich dem Film zuwandte. So entwickelte er früh und intuitiv ein sicheres Gespür für das Tragische im Menschen, das sich häufig hinter einem melancholischen Humor verbirgt – und das sich in seinen Augen nur so darstellen liess. In seinen als poetische Travestien inszenierten Meisterwerken, die zwischen überschäumendem Lebenshunger und dem Wissen um dessen latente Bedrohung oszillieren, verlieh Fellini ihm Ausdruck.

«Jeder Erfolg ist im Grunde ein Missverständnis», bekannte einmal der aus Pescara stammende Schriftsteller Ennio Flaiano, der zu sieben Filmen Fellinis, allen voran zu «La dolce Vita» (1960), die Drehbuchvorlagen lieferte.

Die Beschwörung des Lebens

Schon 1953 zeigte Fellini seine Fähigkeiten mit «I Vitelloni» (Die Müssiggänger) – mit der Geschichte einer Handvoll Tagediebe, die ihre Zeit mit Nichtstun zubringt, bis einer von ihnen, Fausto, seine Freundin schwängert – und den Plan fasst, mit Hilfe eines Coups seine Flucht nach Mailand zu finanzieren. Hier kam der grosse Flunkerer und Beschwörer des kleinen, oft gestohlenen Glücks sich und seinem Generalthema einen grossen Schritt näher: Dem, was der amerikanische Filmregisseur Robert Altman einmal als «Imitation of life» bezeichnete. Der Beschwörung des Lebens in seiner reinen Form mit den Mitteln des Films.

Fellini verlieh seinem Drang nach der authentischen Darstellung des Lebens in seinem Frühwerk Ausdruck, indem er – den Idealen des Neo-Realismus folgend – das Italien der frühen Vierzigerjahre zeigte. Er erzählte von sozialer Ungerechtigkeit, der Kluft zwischen Arm und Reich – und dem harten Leben des einfachen Volkes.

Das Resultat waren Arbeiten von betörender Verspieltheit, komisch und anrührend zugleich, die ähnlich wie die Werke von Antonioni, Rossellini, Vittorio de Sica oder Luigi Zampa Italiens schmutzige Wirklichkeit zeigten – als künstlerische Antwort auf den Faschismus.

Der fantasievolle Ego-Trip

In seinem Episoden-Meisterwerk «Amarcord» inszenierte er 1973 die eigenen biografischen Anfänge in einem zur menschlichen Jahrmarktbühne stilisierten Traum-Rimini. Der Film gewann 1976 den Oscar für den besten ausländischen Film – und festigte Fellinis Ruf als Meister der Selbsterfindung. «Es ist nicht die Erinnerung, die meine Filme beherrscht, sondern der Drang zur Selbsterfindung», bekannte er einmal. «Ich habe mein Leben selbst erfunden. Ich habe es eigens fürs Kino erfunden. Ich habe gelebt, um einen Regisseur zu entdecken und zu erschaffen: sonst nichts! In diesem Sinne stimmt es, dass meine Filme autobiografisch sind.»

In seinen Tagträumen schien alles möglich

Mit dem Eintritt in seine zweite Schaffensperiode, mit dem Film «Achteinhalb», vollzog Fellini ab 1963 die Abkehr vom Neo-­Realismus – hin zu einer opulenteren Bildsprache und zur poetischen Überzeichnung. In «Roma» (1972), «Fellinis Casanova» (1976), «Die Stadt der Frauen» (1980) und «Ginger und Fred» (1985) stilisiert er sich als auf die Wirklichkeit pfeifenden Zauberer, der auf Traumwelten setzt. Und damit auf die Kraft der Bilder, so monströs und überzeichnet er sie auch bisweilen malt.

Als man Fellini 1993 den Ehren-Oscar für sein Gesamtwerk verlieh und er wenig später starb, lag ein vielgestaltiges, ein so bildgewaltiges wie anrührendes Gesamtwerk vor: eine oftmals clownesk anmutende Comédie humaine, die das Bild eines Regie-Genies präsentierte, das mit den Mitteln der poetischen Überhöhung und des Aberwitzes das gebrochene Lebensgefühl des Menschseins an sich buchstabierte.

In seinen Tagträumen schien alles möglich. Sogar Schnee im italienischen Sommer. Entsprechend lautete Fellinis schöpferisches Credo bis zuletzt: Alles ist erfunden, also ist es wahr! Sein Werk, dieses grosse Bildkarussell der Emotionen, dreht sich davon angetrieben noch heute, 27 Jahre nach seinem Tod.

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