TV-Quoten

Ist der Couch-Sportler müde geworden?

Noch nie seit der Einführung der systematischen Erfassung der TV- Zuschauer im Jahr 1985 rasselten die Quoten für Sportübertragungen derart in den Keller. Nur die Skirennen am Lauberhorn und in Adelboden retten den TV-Sport vor dem totalen Absturz.

Die Lauberhorn-Abfahrt war 2011 einmal mehr das TV-Ereignis Nummer 1. Und auch Adelboden befindet sich sowohl mit dem Riesenslalom als auch mit dem Slalom in den Top 10 – das zum ersten Mal. Die Ski-Events im Berner Oberland kaschieren einen Quoten-Einbruch.

Noch nie seit der Einführung der systematischen Erfassung der TV- Zuschauer im Jahr 1985 rasselten die Quoten derart in den Keller. Wenn es sonst siebenstellige Zahlen brauchte, um ins Top-Ranking zu kommen, gehörten diesmal schon Events mit einer halben Million zu den Hitparaden-Stürmern.

2010, in einem Jahr mit Fussball-WM und Olympischen Spielen, gab es acht Quoten-Millionäre und 61 Livesendungen mit über 500000 Zuschauern. 2011 registrierte die Markt- und Publikumsforschung von SF nur zwölf 500000er-Events. Für den 1. Platz reichte eine Quote von 863000. Dabei ist das selbst für Lauberhorn-Dimensionen einer der tiefsten Werte seit Jahren. Die Adelbodner Rennen, die es diesmal auf die Plätze 7 (Riesenslalom mit 561000) und 9 (Slalom mit 541000) schafften, waren noch nie besser als im 19. Rang klassiert. Beim einstigen Rekordwert von 609000 hatte es 2008 nur zum 38. Rang (!) gereicht.

«Sind nicht beunruhigt»

Vergleichbar sind die letztjährigen Werte höchstens mit jenen von 2007, als ebenfalls die Lauberhorn-Abfahrt das Ranking anführte, aber mit 1023700 Zuschauern. Damals wies Publica Data 17 «halbe Millionäre» aus. Seit der Einführung eines neuen Messpanels im Jahr 2010 wird aber darauf hingewiesen, dass die Zahlen nicht mehr vergleichbar seien. Da beginnt man zu fragen: Was soll man von diesen Zahlen halten? Wenn sie sich nicht mehr vergleichen lassen, werden Berechnungen hypothetisch. «Wir müssen uns auf die Zahlen verlassen, die erfasst werden und wollen uns nicht mit Spekulationen aufs Glatteis begeben», meint Nök Ledergerber, Programmleiter und stellvertretender Sportchef von SF. Wegen der tiefen Quoten sei die Sportabteilung «nicht beunruhigt. Wir versuchen weiterhin, gute Inhalte zu bieten».

Ledergerber räumt aber ein, dass sich das Zuschauerverhalten verändert hat, das TV-Sendungen auch über das Internet konsumiert werden. Das lässt sich noch nicht messen. Ein grosses Fragezeichen bildet auch die Ausstrahlung über HD suisse, die ebenfalls nicht erfasst wird. Ab 29. Februar 2012 ist «High-Definition» über alle Kanäle empfang- und messbar. Vielleicht hilft das. «Wir warten gespannt darauf», sagt Ledergeber.

U21-Junioren vor Nati

Aber auch mit den jetzigen TV-Zahlen lassen sich Schlüsse ziehen und Tendenzen ableiten. Ski alpin hat mit 6 Sendungen in den Top 10 und 25 in den Top 50 weiterhin nur vom internationalen Fussball (EM oder WM) ernsthafte Konkurrenz zu erwarten. Die Lauberhorn-Abfahrt ist auch bei den 15- bis 49-Jährigen die Nummer 1, doch dahinter folgen vier Fussball-Übertragungen.

Im Fussball ist erstaunlich, dass die U21 der Nati den Rang abgelaufen hat. Der EM-Final gegen Spanien (557000/8. Rang) fand mehr Interesse als alle EM-Qualifikationsspiele. Das meistbeachtete Fussball-Spiel war aberder Knüller Basel – Manchester United mit 624000 (Nr. 4). Aber auch da löst ein Vergleich mit früher Irritationen aus: Die Spiele des FC Thun gegen Arsenal, Malmö und Sparta Prag lockten2005 noch wesentlich mehr Zuschauer an (!).

Es gab aber im TV-Jahr 2011 auch Gewinner. So konnte das Weltklasse-Meeting Zürich, das von der einstigen Poleposition ins Niemandsland abgestürzt war, den Negativ-Trend stoppen und mit 342000 Zuschauern (37. Rang) wieder über 10 Prozent zulegen. Das entspricht etwa den Quoten, die für das «Wort zum Sonntag» registriert werden.

Kunstgriff der Verantwortlichen

Vergleiche von kurzen mit langen Sendungen ergeben ein verzerrtes Bild, aber in der Bestenliste bedienen sich selbst die SF-Verantwortlichen dieses Kunstgriffes. Nur so schaffte es der 4-Minuten-Schlussgang des Unspunnenfests (438000) auf den 18. Platz, noch vor Roger Federer mit dessen Bestresultat (421000 im Paris-Final gegen Nadal).

Sonst sind für die Schlussphase des Schwingfests in Interlaken knapp 400000 gemessen worden, was immer noch bemerkenswert ist. Klar darunter liegen die meistbeachteten Formel-1-Rennen (313000 GP Kanada/47.) oder Eishockey-Spiele (286000 Playoff-Final Kloten – Davos/62.; 278000 Spengler-Cup-Final/69.). Bei über einem Drittel der Top-100-Anlässe beträgt der Marktanteil 30 Prozent und weniger. Auf diesem Niveau wurde einst «Lüthi und Blanc» abgesetzt.

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