Solothurner Filmtage 2011

Léa Pool: «Wir sind auch im Alter noch Menschen»

Léa Pool präsentiert in Solothurn ihren neusten Film «La dernière fugue».

Léa Pool präsentiert in Solothurn ihren neusten Film «La dernière fugue».

Wie alt soll man werden? Was ist schlecht daran, wenn alte Menschen selbst über ihr Schicksal entscheiden, auch wenn es der Familie nicht passt. Diesen Fragen geht die Kanada-Schweizerin Léa Pool in ihrem jüngsten Spielfilm «La dernière fugue» nach.

Frau Pool, Sie haben mit «La dernière fugue» einen Film über die Selbstbestimmung im Alter bis hin zum Tod gemacht. Wie kommen Sie zu diesem Thema?‬

Léa Pool: Auf die Idee gebracht hat mich meine Produzentin. Sie hat mir am Ende des letzten Films das Buch «Une belle morte» von Gil Courtemanche ‪zu lesen gegeben. ‬

Sie werden dieses Jahr 60. Ist es ein Thema, das Sie auch persönlich beschäftigt?

Wieso ich gerade dieses gewählt habe? Es ist sicher so, dass ich diesen Film nicht gemacht hätte als ich noch jünger war. Das Thema hat mich damals überhaupt nicht interessiert. Jetzt fühlte ich mich bereit dazu. Ich habe eine Mutter, die über 80 ist. Der Kameramann, Georges Dufau, der die Hälfte meiner Filme gemacht hat, ist an Parkinson erkrankt und während den Dreharbeiten zu diesem Film gestorben. Es war also ein Thema in meinem Umfeld. ‬

«La dernière fugue» von Léa Pool

Trailer zu «La dernière fugue»

In Kanada, wo sie leben, sei das Thema ein Tabu, sagten Sie. Hat Ihr Film für einen Skandal gesorgt?

Nein. Er ist sehr gut aufgenommen worden. In Quebec hat die Politik das Thema inzwischen aufgegriffen, es wird also immerhin darüber geredet. Es geht letztendlich um die Selbstbestimmung im Leben. Wieso soll man nur bis zu einem gewissen Alter Entscheide fällen können? Wir sind doch auch im hohen Alter noch Menschen. Der einzige Moment, in dem wir nichts bestimmen können, ist die Geburt. Der Rest unseres Leben ist eine Serie von Entscheiden. Das gilt auch fürs Alter, ja selbst für den Tod. Das ist keine einfache Frage.

Ihn ihrem Film sind der Sohn und der Enkel die beiden treibenden Kräfte. Sie wollen den Vater sterben lassen, ihn erlösen, ihn gleichzeitig aber auch glücklich machen. Die anderen wollen ihn in seinem sehr kranken Zustand «gesund» erhalten und machen ihm Vorschriften, verbieten ihm Dinge zu essen, die er gerne hat.

Das ist doch eigentlich schrecklich. ‪Was gewinnt man dabei? Drei bis sechs Monate vom Leben, die aber schrecklich sind? Diese Erkenntnis kommt manchmal sehr spät im Leben und unverhofft. Im meinen Film hört die Hauptdarstellerin das Gespräch zwischen ihrem Sohn und ihrem Enkel. Sie unterhalten sich, wie dem Vater beziehungsweise dem Grossvater in den Tod geholfen werden könnte, aber auch, wie er die letzten Monate glücklich sein könnte. Das ist der Wendepunkt in der Geschichte. Zuerst weint sie, doch dann entscheidet sie, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. ‬Er soll essen, wozu er Lust hat. In einem gewissen Sinn findet sie da auch zu dem Mann zurück, den sie liebt.

Das Thema war in Solothurn gleich in mehreren Filmen zu sehen. Zufall?

Ich weiss es nicht. Ich wusste vom Film «La petite chambre». Es ist ebenfalls ein luxemburgische Co-Produktion. Wir hatten denselben Cutter und haben uns auch mal kurz in Brüssel getroffen. Ich denke, das Thema ist so aktuell, weil wir über die Eltern oder die Grosseltern heute damit konfrontiert werden.

‪Sorgen Sie selbst vor, dass Sie uralt werden und essen nur, was gesund ist? ‬

Nein. Sicher, ich schaue ein bisschen. ‪Ich esse nichts Fettiges, weil ich davon Magenschmerzen bekomme. Und ich habe vor Jahren mit Rauchen aufgehört. ‬Das ist alles. Ich will nicht auf alles verzichten nur aus Angst, ich könnte deswegen etwas früher sterben.

‪Viel zu reden gibt ihr brillanter Hauptdarsteller Jacques Godin. Er spielt die Rolle des Parkinson-Kranken so überzeugend, dass viele glaubten, er hätte selbst Parkinson. ‬

Wir haben den Film einer Parkinson-Vereinigung gezeigt. Die glaubten das auch. Die Wahrheit ist aber eine andere. Godin ist kerngesund. Er ist 80 und hypersportlich. Er geht täglich ins Fitness. Ein grossartiger Schauspieler, nicht wahr?

‪Am Schluss des Film will die Hauptdarstellerin, dass ihr Sohn sie ins Wasser schubst. «Pousse moi», fordert sie. ‬

Stoss mich, hilf mir, begleite mich in den Tod, das ist es, was sie sagen will. Ob der Sohn es dann wirklich tut? Es gibt im Film eine Szene, wo der Sohn sagt: «Wenn Du jemandem, der sehr krank ist, in den Tod hilfst, bist Du ein Freund. Wenn Du jemanden begleitest, der vorgibt, schwer krank zu sein, bist du ein Mörder.» Darum geht es hier.
 
‪Müsste sie nicht selbst ins Wasser springen, da sie ja entschieden hat, ihr Leben wie auch das Sterben selbst in die Hand zu nehmen?‬

Ja, das müsste sie. Der Zuschauer kann das aber selbst interpretieren. Ich wollte  keinen Schluss, der so hart ist und mit einem Suizid endet. Ich habe während dem ganzen Film darüber nachgedacht, wie der Film enden soll. Mit diesem offenen Schluss, das lässt auch Hoffnung zu. Das gefällt mir. ‬

‪Haben Sie neue Filmprojekte?‬

Ja. Es ist aber noch zu früh, darüber zu reden. Ich bin daran, einen Dokumentarfilm fertig zu stellen. Sein Titel ist Pink Ribbon Ink. Es geht um die Spendentätigkeit von US-Firmen. Wer weiss, vielleicht läuft er nächstes Jahr in Solothurn.

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