Kino

Michael Steiner verteidigt seinen Film: «‹Wolkenbruch› macht sich nicht über Juden lustig»

Regisseur Michael Steiner sorgt mit «Wolkenbruch» für volle Kinosäle. Aliocha Merker

Regisseur Michael Steiner sorgt mit «Wolkenbruch» für volle Kinosäle. Aliocha Merker

Bereits 90'000 Zuschauer: Michael Steiners Komödie ist sogar noch besser gestartet als «Die göttliche Ordnung». Der Film soll Vorurteile abbauen.

Mittwochabend in einem Basler Kino: Wir weisen einen älteren Herrn freundlich darauf hin, dass er auf unserem Platz sitzt. «Jetzt mache Sie nid so es Büro uf», entgegnet er. Aber wir insistieren. Denn bleibt er sitzen, müssten wir einem anderen Kinobesucher den Platz klauen. Oft ist das kein Problem. Doch heute läuft «Wolkenbruch». Da bleibt kein Platz zum Ausweichen.

Die Filmkomödie von Michael Steiner füllt derzeit Kinosäle in der ganzen Deutschschweiz. Zwei Wochen nach seiner Premiere hat «Wolkenbruch» bereits 90'000 Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Leinwände gelockt.

Das sind sogar noch mehr als letztes Jahr beim Film «Die göttliche Ordnung» im selben Zeitraum. Petra Volpes Werk avancierte danach notabene zum erfolgreichsten Schweizer Kinofilm 2017 (insgesamt 352 000 Zuschauer) – dass Ende 2018 «Wolkenbruch» diese Liste toppen wird, scheint ausser Frage.

Trailer «Wolkenbruch»

«Wolkenbruch»-Regisseur Michael Steiner zeigt sich im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» hocherfreut über diesen Erfolg: «Dass ein Film auf jiddisch beim Publikum so gut ankommt, freut mich.»

Die Sprache sei ein grosses Risiko gewesen, man höre jiddisch nicht oft im Alltag. Aber es sei nahe am Schweizerdeutsch. «Und das im Kino zu hören, macht Spass», sagt Steiner.

Schon die Romanvorlage von Thomas Meyer war ein Bestseller mit über 110'000 verkauften Exemplaren. Diese Zahl dürfte die Verfilmung schon nächste Woche übertreffen.

Dass Steiner ein gutes komödiantisches Gespür hat, ist während unserer Vorführung deutlich zu hören: Sein cineastischer Einblick in die jüdisch-orthodoxe Parallelwelt im Zürcher Kreis 3 sorgt im Kinosaal für unablässiges, herzhaftes Gelächter.

Und nicht nur das Publikum, auch die Kritikerinnen und Kritiker zeigten sich bislang begeistert vom Film.

Ein Film voller Vorurteile?

In diesen Jubelchor haben sich nun aber erste Misstöne gemischt. In seiner jüngsten Ausgabe kritisiert die «NZZ am Sonntag» beispielsweise, dass sich «Wolkenbruch» über Juden lustig mache. Der Autor spricht von «altbekannten Vorurteilen» und schreibt: «Das Publikum darf sich für einmal ganz enthemmt über diese komischen Juden amüsieren.»

«‹Wolkenbruch› macht sich nicht über jüdische Kultur lustig», entgegnet Michael Steiner auf die Kritik. Die Juden-Klischees, mit denen der Film spielt, würden der Buchvorlage entspringen.

«Ich bin mit grösstmöglichem Respekt an die Materie herangegangen. Ich hatte gute Berater, ehemalige Aussteiger, auf die ich mich verlassen konnte.» Er ist überzeugt, dass «das Publikum spürt, ob ein Film mit Sorgfalt und Liebe gemacht» wurde.

Beitrag zu grösserer Toleranz

Dass orthodoxe Juden in Zürich mit dem Film nichts anfangen können, erstaunt Steiner indes nicht: «Sie wollen die Leute behalten, darum wünschen sie, dass keine Aussteiger existieren.»

Steiner war es ein grosses Anliegen zu zeigen, dass es auch unter den Orthodoxen Unterschiede gibt. In «Wolkenbruch» sind nicht alle so streng wie Mottis Mame.

«Der Film gibt Einblicke in eine Welt, die zwar so nahe ist, aber die man sonst nicht sieht.» Und er zeichne ein differenziertes Bild von ihr. Steiner sagt, er hoffe, «dass ‹Wolkenbruch› Vorurteile abbaut und einen Beitrag zu grösserer Toleranz leistet.»

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