Besässe die Disneymaus eine Superkraft, dann jene, unaufhaltsam Geld zu scheffeln. Kein anderes Filmstudio kann derzeit Erfolge so zuverlässig aneinanderreihen wie Disney.

Mit Comicverfilmungen wie «Iron Man», «Thor» und «Captain America» verdient es sich eine goldene Nase. Nun sind all diese Superhelden wieder zusammengekommen, um in «Avengers: Age of Ultron» gemeinsam die Welt zu retten.

Der Film ist nicht nur der spektakulärste Hollywoodblockbuster des Jahres, er ist auch der vorläufige Höhepunkt in einer aggressiven Erfolgsstrategie.

Um die Jahrtausendwende herum steckte Disney in einer Krise. Der Unterhaltungsgigant hatte sich mit mittelmässigen Animationsfilmen wie «Hercules» (1997), «Tarzan» (1999) und «Atlantis» (2001) um seinen guten Ruf gebracht.

Disney war jegliche Kreativität abhanden gegangen, lautete die vernichtende Kritik. Konzernchef Michael Eisner trat zurück, Bob Iger, seine bisherige rechte Hand, rückte nach. Ein Glücksfall. Iger verstand es, Disney nicht nur aus der Misere zu führen, sondern gar zu beispiellosem Erfolg. Mit ihm an der Spitze verdreifachten sich die Reingewinne der Firma.

Trailer zu «Avengers: Age of Ultron»

Trailer zu «Avengers: Age of Ultron»

Eine hungrige Maus

Igers Rezept: Statt Kreativität zu fördern, kaufte sie Disney einfach ein. 2006 wurde die Animationsschmiede Pixar, die dem Maushaus den Rang abgelaufen hatte, für 7,5 Milliarden Dollar akquiriert. Ein stolzer Betrag, den Disney mit Fortsetzungen zu Pixar-Hits wie «Toy Story» und «Monsters Inc.» sowie mit den dazugehörigen Lizenzprodukten längst wieder wettgemacht hat.

Disneys Appetit war angeregt. 2009 verschlang es auch das Superheldenstudio Marvel. Kostenpunkt: 4 Milliarden Dollar. Mit den bisherigen acht Leinwandabenteuern von Marvel-Figuren wie Iron Man, Thor und Captain America hat Disney an den Kinokassen bereits über sechs Milliarden Dollar eingespielt.

Superhelden im Serienformat

Auch hier setzt Disney auf eine Fortsetzungsflut. Mit Erfolg. Alle Superheldenfilme bauen aufeinander auf. Nachdem sich die Hauptfiguren zuerst durch Einzelabenteuer gekämpft haben, kommen sie in sogenannten Crossover-Filmen zusammen. Die Einnahmen explodieren. «The Avengers» (2012) war der erste Crossover-Film und avancierte mit einem Einspielergebnis von 1,5 Milliarden Dollar zum dritterfolgreichsten Kinofilm aller Zeiten. «Avengers: Age of Ultron» ist jetzt der zweite Crossover-Film und wird wohl ähnlich schwindelerregende Zahlen erreichen.

Nur ein Kinofilm könnte ihm den obersten Platz in den Jahres-Charts 2015 streitig machen: «Star Wars: The Force Awakens» (ab Dezember im Kino). Alleine der kürzlich veröffentlichte Trailer zum neuen Sternenkrieg stellte mit 88 Millionen Aufrufen in 24 Stunden einen neuen Rekord auf. Disney kann es egal sein, welcher der beiden Filme am Ende mehr einspielt: Auch «Star Wars» gehört inzwischen zum riesigen Unterhaltungsimperium von Disney. Es liess sich die Rechte 2012 weitere 4 Milliarden Dollar kosten.

Disneys Hunger ist damit aber noch längst nicht gestillt. Neu bedient sich das Studio im eigenen Archiv und tischt seine Animationsklassiker als Realfilme wieder auf. «Maleficent» und «Cinderella» wurden schon veröffentlicht, bald folgen «Das Dschungelbuch», «Die Schöne und das Biest» und «Mulan». Es ist eine gewaltige, schier unaufhaltsame Maschine, die hier im Gang ist und den Erfolg ab Fliessband garantiert. Sogar der grosse Steven Spielberg dreht zurzeit mit «The BFG» erstmals einen Disneyfilm. Kühn: Das Studio hat bereits die nächsten zehn Jahre durchgeplant und nicht weniger als 35 Filmtitel gesetzt. Nach und nach wird Disney dabei auch neue Marvel-Superhelden auf die Leinwand bringen.

Weichenstellen bei den Avengers

«Avengers: Age of Ultron» dient dabei als Stabübergabe an die nächste Generation. Zu den bekannten Superhelden gesellen sich dieses Mal auch weniger bekannte. Der Cast ist noch grösser als im ersten «Avengers»-Film. Trotz einer Spielzeit von 141 Minuten kommen einige Figuren – allen voran Donnergott Thor – zwangsläufig zu kurz. Unausgegoren wirkt auch der neue Bösewicht Ultron, um den sich die Filmhandlung dreht. Der Roboter mit künstlicher Intelligenz ist eine missratene Erfindung von Iron Man; die Superhelden müssen Ultron davon abhalten, die Menschheit auszulöschen. Diese Frankenstein-Parabel wirkt einfallslos, wurde sie doch in den letzten Monaten schon in Filmen wie «Lucy» (besser) und «Transcendence» (schlechter) durchgespielt .

«Avengers: Age of Ultron» ist dunkler, komplexer und emotionaler als seine Vorgängerfilme, bietet aber wenig Neues. Doch wer die Superhelden über all die Jahre in sein Herz geschlossen hat, wird an ihrem Zusammenspiel nach wie vor seine Freude haben. Bezeichnend ist, dass der Film Randfiguren wie Hawkeye und Black Widow ins Zentrum rückt. Offenbar stellt Disney jetzt schon die Weichen für potenzielle Ablegerfilme mit ihnen. Gut geplant ist halb verdient.

Avengers: Age of Ultron (USA 2015) 141 Min. Regie: Joss Whedon. Ab heute im Kino.