Der Angeklagte Lars Koch wird freigesprochen. Der Militärpilot hat ein Linienflugzeug abgeschossen und den Tod Unschuldiger in Kauf genommen, um Schlimmeres zu verhindern. Eine Mehrheit der Geschworenen hat dafür gestimmt, dass er dabei nicht unrecht gehandelt hat.

Die Geschworenen, das waren die Fernsehzuschauer. Am Montagabend strahlte SRF zwei, ARD und ORF 2 ein spannendes Fernsehexperiment aus. Im Film „Terror“ wurde das Publikum in die Verantwortung genommen. Nicht der Regisseur, sondern die Zuschauer bestimmten, wie der Film ausging.

Offizieller Trailer: Terror – ihr Urteil

Offizieller Trailer: Terror – Ihr Urteil

Die Faktenlage war klar: Der junge Militärpilot Lars Koch widersprach dem Befehl seines Vorgesetzten und brachte das Passagierflugzeug zum Absturz. Alle 164 Menschen an Bord starben. Dafür überlebten die 70'000 Fussballfans in der Allianz Arena, in die der islamistische Terrorist die entführte Maschine stürzen lassen wollte.

Mit der Entscheidung tut man sich schwer: Hat der Pilot richtig gehandelt? Darf er 164 Menschen töten, um Zehntausende zu retten?

Gamer sind es sich gewohnt, solche kniffligen Entscheidungen zu treffen. Eine Stärke des interaktiven Mediums ist es, den Spieler in Situationen zu führen, in denen er über den Ausgang der Handlung bestimmen muss. Für Fernsehzuschauer sind solche Momente aber sehr aussergewöhnlich. Denn normalerweise ist TV eine Einbahnstrasse. Der Weg führt von Regisseur zum Zuschauer – aber nicht zurück.

Schon vor „Terror“ gab es Versuch, das Publikum an der Handlung partizipieren zu lassen. Der erste interaktive Film war wohl „Kinoautomat“ von Peter Novak und wurde an der Weltausstellung von 1967 gezeigt. Zwanzig Jahre später lief mit „Wer erschoss Boro?“ ein interaktiver Krimi auf den deutschsprachigen Fernseh-Sendern. Und in den 90er-Jahren lebte der interaktive Film mit dem Aufkommen der CD-ROM abermals auf.

Nachhaltig war bisher nichts. Gescheitert ist der interaktive Film letztlich immer an den Schwierigkeiten der technologischen Umsetzung. Auch bei „Terror“ mutet diese noch immer etwas behelfsmässig an. Partizipiert wird hier per Telefonanruf oder Online. Um die Mehrheitsentscheidung in den Interaktionsprozess einfliessen zu lassen, muss der Film um mehrere Minuten unterbrochen werden. Zeit, die, wie könnte es anders sein, für Werbung genutzt wird. Dadurch werden die Zuschauer aus dem fiktionalen Setting herausgerissen.

In diesem Fall mag das funktionieren, da das Szenario gut gewählt ist, schliesslich brauchen auch die Geschworenen ihre Beratungszeit. Ein interaktiver Film aber, in dem Entscheidungen spontan unter Zeitdruck getroffen werden müssen – so wie das von Major Koch im Flugzeug gefordert war –, würde damit nicht funktionieren.

Anders ist das bei „Late Shift“, einem interaktiven Film, der derzeit in den Kinos läuft und auch für Tablets und Apple TV heruntergeladen werden kann. Hier wird der Zuschauer ständig mit neuen Entscheidungen konfrontiert. Nur wenige Sekunden bleiben ihm jeweils, um zu bestimmen, wie der Protagonist handeln soll.

Dabei entwickelt sich der Plot stets unterschiedlich fort. Und am Schluss gibt es nicht nur zwei Enden, sondern deren sieben. Wobei die „Weichenstellungen“ zwischen den Handlungssträngen vom Publikum nicht bemerkt werden – der Film läuft nahtlos weiter. Das ist auch in den Kinos der Fall, wo das Publikum auf dem Smartphone abstimmt, und die Mehrheit entscheidet. Um das zu realisieren haben die Schweizer Filmemacher eine eigene Software entwickelt.

Der offizielle Trailer zum Film Late Shift

Der offizielle Trailer zum Film Late Shift

Für das herkömmliche Fernsehen liesse sich diese aber nur bedingt nutzen, erklärt Baptiste Planche, der CEO des Start-ups CtrlMovie. Das Problem seien die langen Latenzzeiten. Bis das Signal vom Sender in den Wohnzimmer angelegt ist, dauert es je nach Technologie mitunter bis zu 20 Sekunden. Das wird einem etwa während der Fussball-WM bewusst, wenn der Nachbar schon jubelt bevor der Freistoss überhaupt getreten worden ist.

Ein Thriller wie „Lateshift“ würde deshalb im Fernsehen als interaktiver Film nicht funktionieren. Dennoch hat CtrlMovie, deren Film auch vom Schweizer Fernsehen finanziell unterstütz worden ist, zusammen mit Technikern des SRF darüber nachgedacht, wie sich elaborierte interaktive Filme fürs TV umsetzen liessen. „Es wäre möglich einen Film zu machen, in dem sich die Konsequenzen der Entscheidungen nicht unmittelbar zeigen, sondern erst nach dreissig Sekunden oder noch später“, sagt Planche. Dafür müsste aber die Erzählweise der Geschichte entsprechend gewählt werden. Für einen solchen Film ist derzeit aber noch keine konkrete Kooperation mit dem SRF geplant.

Ohnehin funktioniert der interaktive Film vielleicht am besten, wenn er nicht im Fernseher läuft, sondern auf einer App, sodass keine Mehrheitsentscheide gefällt werden müssen, sondern jeder Zuschauer über die volle Entscheidungshoheit verfügt. Der Protagonist handelt dann auch wirklich nach Wunsch – und der Zuschauer bekommt so die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen als Spiegel vorgelegt.

Spannend an einem kollektiven interaktiven Fernseherlebnis wie „Terror“ ist allerdings, dass der Gesellschaft der Puls gefühlt werden kann. Wie denkt sie über eine umstrittene Angelegenheit wie das Opfern von Unschuldigen, um noch mehr Tote zu vermeiden? Das kann auf diese Weise sehr gut eruiert werden, da wir es nicht mit einer abstrakten Diskussion zu tun haben, sondern mit Protagonisten, die – wie im richtigen Leben auch – von Interessen und Motiven geleitet werden.

Bei „Terror“ war der Fall eindeutig. Das Schweizer Publikum plädierte mit 84 Prozent für Freispruch – das deutsche und das österreichische sogar mit jeweils 86,9 Prozent. Dies, obwohl es sowohl juristisch als aus der in Europa dominanten Kantischen deontologischen Ethik nicht gestattet ist, Menschenleben gegeneinander aufzurechnen. Welche Schlüsse aus diesem Ergebnis gezogen werden können und was das für die Werte Europas bedeutet, wurde in der nachfolgenden Arena-Spezial-Sendung leider kaum thematisiert.