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Schwule und Lesben: Verbotene Liebe auch nach Ende des Dritten Reichs

Aimée und Jaguar (aus dem gleichnamigen Spielfilm) dürfen ihre Liebe zur Zeit der Nazis nicht aussprechen.

Aimée und Jaguar (aus dem gleichnamigen Spielfilm) dürfen ihre Liebe zur Zeit der Nazis nicht aussprechen.

Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 wurden Schwule und Lesben in Deutschland verfolgt. Das änderte sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges aber nicht. Pink Apple, das schwullesbische Filmfestival in Zürich, widmet sich dem Thema.

Offen und liberal ist sie – die heutige Gesellschaft. Doch die Anerkennung der Liebe zwischen zwei Menschen desselben Geschlechts muss immer und immer wieder erkämpft und verteidigt werden. Es braucht nur einen Blick ins Ausland oder in die Vergangenheit, um die Brüchigkeit vermeintlicher Akzeptanz zu sehen.

Pink Apple, das schwullesbische Filmfestival in Zürich, nimmt das 70-JahrJubiläum des Endes des Zweiten Weltkrieges zum Anlass, um mit Filmen und Vorträgen an die Homosexuellenverfolgung während der Nazizeit zu erinnern. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die erste deutsche Schwulen- und -Lesben-Bewegung zerschlagen. Die Goldenen Zwanziger in Berlin mit ihrer lebendigen Szene waren somit Geschichte.

Reden, wofür die Worte fehlen

Der eindrückliche Dokumentarfilm «Paragraph 175» (1999) zeigt, was es bedeutete, schwul oder lesbisch gewesen zu sein in Nazideutschland. Hauptsächlich Männer, die über 90 Jahre alt sind, versuchen über das zu reden, wofür es keine Worte gibt. Ihre Erzählungen sind ein seltenes Zeitdokument: Sie sprechen von ihrer ersten Liebe zu einem Mann, vom Coming-out Anfang der 1930er-Jahre und den Jahren der Verfolgung und Gräuel im KZ. Zu lange hatte sich niemand für ihre Geschichte interessiert. Viele starben, ohne je eine Rehabilitierung zu erfahren.

«5000 bis 15 000 Schwule wurden in Konzentrationslager gebracht und mit dem Rosa Winkel, der für Homosexuelle stand, versehen», sagt Soziologe Alexander Zinn, der zur Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich forscht. Dass nur ein Bruchteil verfolgt wurde, liege daran, dass man Homosexuellen ihre Veranlagung nicht ansehe, dass sie also besser «getarnt» seien als jüdische Menschen, die durch ihre religiöse Zugehörigkeit leichter identifizierbar waren. Zinn wird im Rahmenprogramm des Festivals aus seinem Buch «Das Glück kam immer zu mir» lesen, worin er die Lebensgeschichte von Rudolf Brazda erzählt, dem wohl letzten schwulen KZ-Überlebenden. Brazda, der mittlerweile verstorben ist, sei für ihn ein Glücksfall gewesen. «Es war eine kleine Sensation, ihn zu treffen, da wir glaubten, alle Zeitzeugen seien bereits verstorben.» Er sei sehr offenherzig gewesen. Trotz des Traumas durch die Zeit in Buchenwald optimistisch und lebenslustig geblieben.

Doch das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeute noch lange nicht, dass damit auch die Verfolgung Homosexueller aufhörte. Der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und durch die Nazis verschärft worden war, blieb bis 1969 bestehen. Viele schwule Männer wurden nach der Befreiung aus den KZs an Gefängnisse überstellt, um den Rest ihrer Freiheitsstrafe zu verbüssen. «Die Verfolgungspolitik der Nazis hat sich in das Bewusstsein der Menschen eingeschrieben», sagt Alexander Zinn. «Es gab bis in die 1970er-Jahre eine Hetzjagd gegen Homosexuelle.»

Frauen litten anders

Die Verfolgung lesbischer Frauen im Dritten Reich gestaltete sich anders als jene der Schwulen. «Nur wenige Fälle sind bekannt, in denen Frauen wegen ihres Lesbischseins in ein KZ überführt wurden», sagt Zinn. Im vom Naziregime errichteten Männerstaat habe weibliche Homosexualität nicht interessiert: «Frauen waren auf die Rolle der Mutter reduziert und lesbische Frauen können dem Führer trotzdem Kinder schenken», sei eine Sicht gewesen. Am Pink Apple wird der auf Erica Fischers Buch basierende Film «Aimée & Jaguar» (1999) gezeigt – eine Liebesgeschichte einer Jüdin und einer Nichtjüdin zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Buchautorin hatte sich von der damals 80-jährigen Lilly Wust ihre Geschichte erzählen lassen und sie zu einem wichtigen Zeugnis verarbeitet. In einem Bildvortrag wird sie die Geschichte des Liebespaars wiederauferstehen lassen. Zinn: «Es ist wichtig, die Erinnerung aufrechtzuerhalten, um für die Zukunft gewappnet zu sein.»

Pink Apple Zürich, 29. April bis 7. Mai 2015. – Programm: www.pinkapple.ch

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