Film
The Velvet Underground: Sie waren schon da, bevor sie zum Warhol-Projekt wurden

Todd Haynes’ «The Velvet Underground» ist Zeit- und Bandporträt. Und erklärt die Stellung der Gruppe in der Musikgeschichte. Der Dokumentarfilm läuft ab 15. Oktober auf Apple TV+.

Regina Grüter
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John Cale, Sterling Morrison und Lou Reed (von links).

John Cale, Sterling Morrison und Lou Reed (von links).

Könnte man sich zurückbeamen in der Zeit, wäre das New York City der 1960er-Jahre definitiv einen Besuch wert. Die Untergrundkultur zog Leute von überall her an. Undergroundfilm, Kunst, Musik, Literatur: Alles verband sich miteinander, alle interagierten.

New York war extrem spannend, konnte einen aber auch erdrücken. So war es auch für Lou Reed, der auf Long Island aufwuchs, und den Waliser John Cale. Aber eine Stadt eben auch kleinräumig genug, dass die beiden ausgerechnet aufeinandertrafen. Die kreativen Köpfe der experimentellen Band The Velvet Underground hatten Neues vor mit der Rockmusik.

Der zweistündige Dokumentarfilm, der den gleichen Namen trägt wie die Band, ist nicht nur ein Porträt der Gruppe, sondern auch des Umfelds, das sie beeinflusste. Und der Szene um Andy Warhol, der sie in ein Kunstprojekt integrierte und ihr erstes Album produzierte.

Immer eigenen Ansatz: US-Filmemacher Haynes

Todd Haynes hat eine Affinität zu (musikalischen) Stoffen jenseits des Mainstreams. Neben den wunderbaren 1950er-Jahre-Melodramen «Far from Heaven» und «Carol» hat er einen fiktionalen Film mit Parallelen zu David Bowie und Iggy Pop inszeniert («Velvet Goldmine»). In «I’m Not There» über Bob Dylan werden die an ihn angelehnten Figuren von fünf verschiedenen Darstellern und Cate Blanchett gespielt.

Der Splitscreen ist das vorherrschende Stilmittel Haynes’ in diesem Film – zwei, meistens drei Bilder teilen sich die Leinwand. Rechts im Bild ein Porträtfoto von Lou Reed (1942–2013) aus jungen Jahren; links Archivmaterial zu seiner Stimme und/oder Interviews. Dasselbe mit John Cale, dem klassischen Bratschisten, der in New York mit La Monte Youngs Minimal Music in Berührung kam. Im Zentrum stehen dann die Jahre unmittelbar vor der Gründung, 1964, bis 1968, als Cale die Band verliess. Alles Weitere ist mehr oder weniger Abspann.

Erstaunlich ist bei allen von Todd Haynes’ Filmen, dass sie Sinne und Verstand gleichermassen ansprechen. Hier taucht man ein in die Zeit und die Köpfe von Reed und Cale, hört, fühlt und versteht die Musik – immer wieder der Song «Heroin» –, sieht dahinter. Ganz anders als die Serie «McCartney 3,2,1» und doch ganz ähnlich darin, wie viel man daraus mitnimmt.

The Velvet Underground (USA 2021), 121 Min., Regie: Todd Haynes, ab 15. Oktober auf Apple TV+.

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