Ein Dutzend Menschen rennt panisch umher, im Hintergrund schrillt ein beissender Alarm. Es ist eine Szene aus dem Filmtrailer zu «Rogue One: A Star Wars Story», doch Ähnliches dürfte sich vor wenigen Tagen auch im Disney-Hauptquartier im kalifornischen Burbank zugetragen haben. Denn dort herrscht momentan Krisenstimmung. Der neue «Star Wars»-Film (Kinostart: 15. Dezember) ist abgedreht – doch den Chefs beim Unterhaltungsriesen gefällt er nicht. Nach einer internen Testvorführung haben sie ausführliche Nachdrehs angeordnet.

Nun, Nachdrehs – oder wie es in Hollywood heisst: Reshoots – sind bei jedem Blockbuster gang und gäbe. Die grossen Filmstudios spielen die Rohfassung ihres Films einem Testpublikum vor, und nehmen dann je nach Feedback Anpassungen vor. Sprich: Die Schauspieler treten für ein bis zwei Wochen wieder vor die Kamera, und dann werden Kleinigkeiten verbessert, Fehler ausgemerzt, Kanten geschliffen. Alles courant normal.

Ganz anders bei «Rogue One». Das US-Magazin «Entertainment Weekly» berichtet hier von vier- bis fünfwöchigen Reshoots, die gut informierte Fanseite MakingStarWars.net spricht gar von acht Wochen. Crewmitglieder liessen verlauten, dass nicht weniger als vierzig Prozent von «Rogue One» neu aufgenommen werden. Das heisst: Fast die Hälfte des Films wird gekübelt! Möglicherweise schafft es besagte Szene mit den Alarmglocken also gar nie auf die Kinoleinwand.

Trailer zu «Rogue One: A Star Wars Story»

Trailer zu «Rogue One: A Star Wars Story»

Disney besorgt um Attraktivität

Das Branchenblatt «Hollywood Reporter» nennt die Gründe: Für Disney CEO Bob Iger und Studiochef Alan Horn habe sich die Rohfassung von «Rogue One» nicht wie ein «klassischer Star-Wars-Film» angefühlt, sondern «wie ein Kriegsfilm». Sie wünschen sich eine Auflockerung der Stimmung, um «Rogue One» für ein möglichst grosses Publikum attraktiv zu machen. Der letzte «Star Wars»-Film hat die Messlatte hochgelegt: «The Force Awakens» spielte weltweit über zwei Milliarden Dollar ein. Keine andere Filmmarke ist derart lukrativ.

Ein PR-Desaster will sich Disney aber nicht leisten. Also üben sich die Beteiligten nach aussen in Schadensbegrenzung. «Rogue One»-Darsteller Mads Mikkelsen sagte der Zeitung «The Independent», er müsse nur einen zusätzlichen Drehtag arbeiten. «Wir fügen hier und da ein paar Szenen ein, das ist bloss der letzte Schliff.» Und Disneys offizielle Reaktion lautete: «Das Studio hatte immer zusätzliche Drehtage eingeplant. Wir tragen eine Verantwortung gegenüber der Franchise und den Fans, den bestmöglichen Film anzufertigen.»

Regisseur gefeuert?

Schön gesagt. Fakt ist aber: Für die extensiven Neuaufnahmen wurden zusätzliche Fachkräfte engagiert. Die neuen Filmszenen wurden vom oscarnominierten Regisseur und Autor Tony Gilroy («Michael Clayton», «The Bourne Ultimatum») verfasst. Der «Hollywood Reporter» mutmasst sogar, dass «Rogue One»-Regisseur Gareth Edwards inzwischen gefeuert wurde und Gilroy ihn in seiner Aufgabe vollständig beerbt. Zudem wurde der legendäre Stuntregisseur Simon Crane («Aliens», «Indiana Jones») an Bord geholt, um für «Rogue One» neue Actionsequenzen auszudenken.

Es ist nicht das erste Mal, dass Disney bei «Star Wars» eine massive Kurskorrektur vornimmt. Wenige Monate vor Drehbeginn feuerte das Studio «The Force Awakens»-Drehbuchautor Michael Arndt und liess Regisseur J.J. Abrams die Story umschreiben. Getrennt hat man sich auch von Jungregisseur Josh Trank. Der 31-jährige US-Amerikaner sollte ursprünglich einen Ablegerfilm über die populäre «Star Wars»-Nebenfigur Boba Fett drehen. Doch als Trank bei seinem aktuellen Film «Fantastic Four» für einen Eklat sorgte, wollte Disney nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Risiko oder Einheitsbrei?

Die mutmassliche Ausbootung von «Rogue One»-Regisseur Gareth Edwards ist nicht unumstritten. Der 40-jährige Brite hat mit seinem «Godzilla»-Remake (2014) und seinem Debütfilm «Monsters» (2010) bewiesen, dass er ein Talent für düstere Science-Fiction-Filme der etwas anderen Art hat. Disneys Plan ist es, jedes Jahr einen neuen «Star Wars»-Kinofilm zu veröffentlichen. Bei dieser enormen Flut täte etwas Abwechslung gut – damit bei «Star Wars» dereinst nicht eine ähnliche Müdigkeit einsetzt wie heute bei den unzähligen Superhelden-Filmen.