«Sweat»
Totale Hingabe für ihre Follower: Was den Film über diese Influencerin so besonders macht

«Sweat» ist der erste Film, der Influencer auf Social Media nicht der Lächerlichkeit preisgibt, sondern ernsthaft Interesse zeigt.

Daniel Fuchs
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Motiviert Tausende, es ihr gleichzutun, also viel Sport zu treiben, sich gesund zu ernähren: Sylwia (Magdalena Kolešnik) ist «Fitfluencerin».

Motiviert Tausende, es ihr gleichzutun, also viel Sport zu treiben, sich gesund zu ernähren: Sylwia (Magdalena Kolešnik) ist «Fitfluencerin».

Bild: First Hand Films

Sie filmt sich beim Essen, beim Treppensteigen, sogar vor dem Schlafengehen. Sylwia (gespielt von Magdalena Kolešnik) ist ein Social-Media-Star in Warschau und animiert als Fitness-Motivatorin mehrere Hunderttausend Followerinnen und Follower auf ihren Social-Media-Kanälen. Alle wollen sie so sportlich werden, so gesund leben und so gut aussehen wie sie.

«Sweat» des in Polen wohnhaften Schweden Magnus von Horn wirkt über Strecken erstaunlich dokumentarisch, ist jedoch ein Spielfilm. Er erzählt drei Tage aus dem Leben der «Fitfluencerin» Sylwia. Drei Tage zwischen Fitness-Shows in Einkaufszen­tren, den eigenen vier Wänden in der sterilen Penthouse-Wohnung und der Geburtstagsfeier von Sylwias Mutter im Plattenbau. Drei Tage, in denen Sylwia ihren Followern alles offenbart, auch Schwäche. Und so zu sich findet.

Klingt kitschig, die Welt, in der sich Sylwia bewegt, sie ist es auch. Die Geschichte allerdings, die von Horn erzählt, ist es nicht. Zum ersten Mal kommt mit «Sweat» ein Film ins Kino, der das Phänomen der Influencer als Produkt von Social Media zum Thema macht und dabei im Grundton wohltuend nüchtern bleibt, die Influencer also nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Vielmehr skizziert er liebevoll und doch ernsthaft ein Psychogramm des Social-Media-Stars Sylwia, auf das es sich einzulassen lohnt.

Hier geht's zum Trailer:

Trailer zu «Sweat».

First Hand Films CH (Youtube)

Influencer interessieren im Film

Wer will schon kein Follower sein? Einfach das eigene Leben dokumentieren, sich ständig und überall in Pose werfen, Posts absetzen und dafür noch Geld kassieren: Diesem verführerischen Gedanken folgt «Follow Me», ein Dokumentarfilm auf Netflix aus dem Jahr 2017. Darin holt sich ein Filmemacher bei Influencern weltweit Tipps, wie er selbst zum Influencer werden kann. Letztlich ist «Follow Me» eine Kritik an den Social-Media-Plattformen Facebook und Co. Auf seinem Weg zum Influencer ist sich der Filmemacher für nichts zu schade. Er erkauft und erbettelt sich Gefolgschaft. Und zieht so die Scharen an Influencern, die sich weltweit in Fitnessstudios, an Partys, in Hotels und an Stränden tummeln genauso durch den Kakao wie es Komödien wie etwa der deutsche Teeniefilm «Misfit» (2019) tun.

Dabei glotzen wir alle gerne fasziniert hin, wenn wir Influencer bei ihrer Arbeit beobachten. Was haben wir gelacht, als wir den beiden jungen Frauen dabei zusahen, wie sie mit ihren schwer bepackten Koffern an Bord eines Vierwaldstätterseedampfers in Richtung Bürgenstock unterwegs waren. Die eine warf sich vor der Kulisse immer wieder in Pose, die andere war das notwendige Begleitphänomen, die Fotografin, Social-Media-Managerin, Mädchen für alles, vor allem da zum Händchenhalten. Dieses Grundrauschen des Spotts ist sicher auch einer guten Portion Neid geschuldet: der Missgunst, die Influencern entgegenschlägt, weil sie Geld damit verdienen, ihren Alltag zu dokumentieren. Gewissermassen das Nichtstun in bare Münze umschlagen.

Selbstoffenbarung bis zum Schluss

Anders in «Sweat». Der Blick, den er ermöglicht, ist ein äusserst ernsthafter hinter die Fassade. Im Fall von Sylwia sind es der durchtrainierte Körper, die Wimperntusche, die auffällige Maniküre. Die Fassade, so viel sei verraten, sie fällt. Es fliessen echte Tränen und die Emotionalität, die Magnus von Horn mit seinem Film schafft, ist universell gültig. Sie dringt von der oberflächlichen Social-Media-Welt tiefer ins menschliche Sein.

Schrill, überdreht und laut ist die Fitness- und Körperkultwelt, in der sich Sylwia bewegt. Der Film ist es nur zu Beginn, dann gibt er einer tief sitzenden Traurigkeit der Hauptfigur viel Raum. Ihren Followern offenbart Sylwia in einem Video, wie unglücklich und einsam sie in Wahrheit sei. Ihr fehle ein Freund. Das Video geht viral und ein Stalker fühlt sich ermutigt, Sylwia enger auf die Pelle zu rücken. Er geht viel zu weit, Sylwia, die in Panik gerät, ebenso. Doch erkennt sie im Stalker einen Seelenverwandten und so kommt für Sylwia ausgerechnet nach diesem einschneidenden Ereignis die Stunde der Wahrheit. Vor versammeltem TV-Publikum in einer beliebten Morgenshow wird sie von der Moderatorin mit ihrem emotionalen Post konfrontiert und gefragt: Wie viel der Selbstoffenbarung ist zu viel? Sylwia entscheidet sich für eine überraschende Antwort. Sie und der Film bleiben sich treu.

«Sweat» (PL/S 2020, 100 Min.); R: Magnus von Horn; ab Donnerstag im Kino