Literatur
US-Kultschriftsteller T.C.Boyle wird in seinem neuen Roman zum virtuosen Schimpansen-Versteher

Mit «Sprich mit mir» legt der US-Kultautor T.C.Boyle einen bitter-romantisch-brutalen Tierversuchsroman vor um den vermenschlichten Schimpansen Sam, der in Gebärdensprache kommuniziert. Ein toller, filmreifer Roman, der Haustierbesitzer ins Grübeln bringen sollte.

Hansruedi Kugler
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Einer der vielen vermenschlichten Schimpansen: Fifi aus dem Londoner Zoo, welcher mit der sechsjährigen Susan Duncombe an einer Tea-Party im Jahr 1955 Schach spielt.

Einer der vielen vermenschlichten Schimpansen: Fifi aus dem Londoner Zoo, welcher mit der sechsjährigen Susan Duncombe an einer Tea-Party im Jahr 1955 Schach spielt.

Getty Images

An den Stoff getrauen sich nur grosse Könner oder freche Dilettanten, die wohl bloss rührseligen Tierbefreiungskitsch à la «Free Willy» abliefern würden. Weil T.C.Boyle einer der brillantesten und zugleich vergnüglichsten Schriftsteller der Gegenwart ist – gesegnet zudem mit einer feinen Spürnase für grosse Zeitthemen –, lässt man sich von ihm gern an der Hand nehmen.

Der 72-jährige T.C.­Boyle ist bekannt für seine Natur- und Tierliebe.

Der 72-jährige T.C.­Boyle ist bekannt für seine Natur- und Tierliebe.

Roland Schmid / AZ

Denn wenn ein Autor sich in die Gedanken, Gefühle und Sprache eines Schimpansen hineinversetzt, dann misst er sich an gewaltigen Vorbildern: Etwa an Franz Kafkas «Bericht für eine Akademie» aus dem Jahr 1917, in welchem ein aus dem heimatlichen Dschungel in die Zivilisation gezwungener Affe vom qualvollen, aber furiosen Aufstieg zum Redner und Varietékünstler in Europa berichtet.

Er wird sich an Michael Jacksons Bubbles erinnert haben

Kafka traf damit nicht nur eines der zentralen Themen der Gegenwartsliteratur ins Herz: die Entfremdung, die tragische, schmerzhafte Ambivalenz von Natur und Zivilisation. Sondern er spiegelte auch damalige Versuche von Tierpsychologen, welche daran glaubten, die Evolution mit menschlicher Nachhilfe beschleunigen und Hunden und Affen das Sprechen beibringen zu können. Dass solche Versuche in den 1970er- und 80er-Jahren in den USA wieder in Mode kamen, verarbeitet T.C.Boyle im virtuos gebauten Roman «Sprich mit mir». Die herzzerreissende Biografie des kleinen Schimpansen Nim Chimpsky, der ohne Kontakt zu Angehörigen seiner eigenen Spezies von Menschen aufgezogen worden ist, sei für ihn eine wichtige Inspiration gewesen, schreibt Boyle.

MIchael Jackson mit seinem Affen Bubbles.

MIchael Jackson mit seinem Affen Bubbles.

KEYSTONE/Everett Collection

Und nicht nur er wird sich an die Fotos von Michael Jackson mit seinem Schimpansen Bubbles als Kuriosum erinnern. Bubbles war 1983 in einem Tierversuchslabor geboren worden, trank mit Jackson, der in Zeichensprache mit ihm kommunizierte, aus derselben Tasse und begleitete den Sänger auf Tourneen. Er lernte den legendären Moonwalk, imitierte die Mimik von Mick Jagger und hielt sich beim Wort Heavy Metal die Ohren zu, was als TV-Talkshow-Gag zu garantierten Lachern reichte – und uns heute schäbig vorkommt. Bubbles musste aber später wegen wachsender Aggressivität in ein Tierheim gebracht werden, wo er nun Bilder malt.

Viele dieser Elemente, auch der Blick auf die zynische Unterhaltungsindustrie, finden sich in «Sprich mit mir» wieder. Mit dem Roman kehrt T.C.Boyle zudem zu seinen literarischen Anfängen zurück. Bereits in seinem ersten Erzählband handelte eine Story («Descent of man») von einem Forschungsprojekt mit einem intelligenten Schimpansen, der Darwins Evolutionstheorie in seine eigene Sprache übersetzen soll. Ein naiver Forscher, seine Assistentin und der Schimpanse geraten in der Story rasch in eine Art Liebesdreieck, wobei die Assistentin letztlich den Affen vorzieht. Eine aberwitzige, mit schwarzem Humor garnierte Liebesgeschichte und Zeitsatire. Das waren bereits typische Elemente auch seiner weiteren Romane. Mit derselben Figurenkonstellation baut ­Boyle seinen neuen Roman auf.

Vom familiären Zuhause in die Hölle der Tierversuche

Szene mit dem geflüchteten Schimpansen César aus «Planet der Affen - Prevolution» aus dem Jahr 2011.

Szene mit dem geflüchteten Schimpansen César aus «Planet der Affen - Prevolution» aus dem Jahr 2011.

CH Media

Wenn man «Sprich mit mir» liest, nimmt man sofort an, dass Boyle sich von den erfolgreichen und phänomenal realistischen Neuverfilmungen von «Planet der Affen» beeinflussen liess. Insbesondere mit dem ersten Teil «Prevolution» aus dem Jahr 2011 teilt «Sprich mit mir» szenische und dramaturgische Parallelen: Schimpanse Sam ist zuerst im frühkindlichen Paradies eines familiären Zuhauses seines jungen Forschers Guy und dessen Geliebter Aimée, dann in der Hölle eines kahlen Gefängnisses für Tierversuche mit obligatem Bösewicht und Elektroschock-Stock, schliesslich in einer Art Roadmovie auf der Flucht – im Unterschied zu «Prevolution» allerdings nicht mit anderen Affen, sondern mit seiner geliebten Betreuerin Aimée.

«Er kannte SCHLÜSSEL, kannte SCHLOSS, kannte RAUS»

Diese Dreischritt-Dramaturgie bricht Boyle mit Zeitsprüngen und Perspektivwechsel auf: Dieselben Szenen werden aus der Sicht von Aimée, Guy, dem düsteren Tierversuchsprofessor Moncrief – und immer wieder vom Schimpansen Sam selbst erzählt. Das klingt dann so: «ICH BIN SAM, wiederholte er. WER BIST DU?» Nein, sprechen tut Sam nicht. Aber der Schimpanse hat sich für einen Menschen gehalten, mit denen er sich in deren Gebärdensprache unterhält, mit ihnen am Tisch PIZZA isst, TV schaut und WEIN trinkt. Mit der Grossschreibung markiert T.C.Boyle Sams Gebärdensprache. «Er kannte SCHLÜSSEL, er kannte SCHLOSS, er kannte RAUS.»

Auf seine Frage «WER BIST DU?» aber erhält Sam keine Antwort. Es ist der Schock existenzieller Entfremdung, denn die angesprochene Schimpansendame im stinkenden Käfig versteht ihn nicht, sie streicht ihm nur sanft über den Kopf. Er kann kein Schimpansisch, sie keine Gebärdensprache. Herzzerreissend. Der Reiz dieses Stoffes ist aber nicht nur aus handwerklichen Gründen für die Literatur gewaltig (denn wie denkt ein Schimpanse?), sondern weil darin etwas Grundsätzliches über das Menschsein steckt: «Wenn man in ihre Augen sah, sah man sich selbst.» Der Satz steht für das Erschrecken, die Faszination und die existenzielle Irritation darüber, dass wir in den Menschenaffen unsere stummen nächsten Verwandten erkennen und in den jungen Schimpansen viel, vielleicht zu viel von unseren eigenen Kleinkindern entdecken.

Ein Roman mit geradezu filmischer Suggestion

Die Qualitäten des Romans sind zahlreich: Virtuos entfaltet Boyle nach und nach die widersprüchlichen Psychen aller Figuren, steigert allmählich die Dramatik in eine Desperado-Story, führt mit fabelhafter szenischer Beschreibung die Leserinnen und Leser mit geradezu filmischer Suggestion ins Geschehen, knallt uns düstere historische und aktuelle Fakten zu Tierversuchen aufs Papier, spinnt eine absolute und groteske superromantische Tierliebe, wirft mit leichter Hand einen bissigen Blick auf den Wissenschaftsbetrieb und das Fernsehen – und hält jederzeit die Fäden seiner Geschichte in den Händen. Man könnte das Ganze wie einen Unterhaltungsroman geniessen – und bekommt wie so oft bei Boyle zusätzlich einen beunruhigenden zeitdiagnostischen Roman geschenkt. Die dunkle Romantik bleibt: «Verliebe dich nie in dein Forschungsobjekt.»

T.C.Boyle: Sprich mit mir. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von von Dirk van Gunsteren. Hanser-Verlag, 350 Seiten.

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