Slapstick
Vor 40 Jahren starb Charlie Chaplin – doch was fällt einem heute noch zum Künstler ein?

Am 25. Dezember 1977 starb der Komiker, Schauspieler und Regisseur Charlie Chaplin in Vevey. Was fällt einem heute noch zu Charlie Chaplin ein? Redaktor Christoph Bopp eine ganze Menge.

Christoph Bopp
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Filme von Charlie Chaplin
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«Modern Times» 1936 Wie die Maschinenwelt den Menschen einverleibt – keiner zeigte das eindrucksvoller als Chaplin in «Modern Times». Später im Film hebt der Tramp netterweise eine rote Fahne auf, die von einem Lastwagen gefallen war, und gerät in einen Protestzug. Man argwöhnte «Kommunismus», aber so war es nicht gemeint. Die Schlussszene zeigt den Tramp und das Waisenmädchen Hand in Hand in die Zukunft gehen – Aussteiger und nicht Revolutionäre. Chaplin war nicht naiv, sondern durchschaute den Kapitalismus. Aber ein Film sollte keine «Botschaft« transportieren.
«The Great Dictator» 1940 Wenn er gewusst hätte, wie menschenverachtend das Hitler-Regime wirklich war, hätte er den Film nicht gemacht, sagte Chaplin später. Er tritt in beiden Rollen auf: als Diktator Adenoid Hynkel und als kleiner jüdischer Friseur im Getto. Im Film werden die beiden auch verwechselt. Hynkels Tanz mit der Weltkugel ist Chaplins berühmteste Szene. Bemerkenswert auch: In seinem ersten Nicht-Stummfilm lässt Chaplin den Diktator ein unverständliches Kauderwelsch sprechen («Schtonk!»).
«Limelight» 1952 Ein zwiespältiger, eher leiser Film, von der Kritik nicht besonders geschätzt, weil er so völlig anders war als frühere Produktionen. Die bittere, teilweise aggressive Komik ist Melancholie und Wehmut gewichen. Der alternde Clown Calvero, hinter dem nicht nur Chaplin, sondern auch sein Vater steckt, der an Alkoholismus in relativ jungen Jahren starb, sucht wieder den Beifall der der Menge, obwohl er ihn auch fürchtet. Es ist aber auch eine Hommage an die Vaudevilles und Theater des alten London, wo Chaplin die ersten Schritte seiner Karriere machte.

Filme von Charlie Chaplin

KEYSTONE/Photopress-Archiv/Str

Was fällt einem heute noch zu Charlie Chaplin ein? Mir jedenfalls jede Menge. Was fällt mir zuerst ein? (Erstaunlicherweise der Umstand, dass Chaplins Grab geschändet und sein Leichnam entführt worden war. – Aber das kann nur in Klammern erwähnt werden.) Natürlich sein Duo-Auftritt mit Buster Keaton in «Limelight».

Die beiden Stummfilmikonen zerstören da zwar zwei Instrumente, das muss jedem Zuschauer auch körperlich wehtun, aber es ist jetzt nicht mehr zu ändern. Buster Keaton, auch nicht mehr der Jüngste, kämpft am Piano mit seinem Notenpapier, Charlie Chaplin gehorchen die Beine nicht mehr. In der weiten Hose zieht es zuerst sein rechtes, dann auch noch sein linkes Bein dauernd in die Höhe. Er muss wieder Boden gewinnen für sein Bein. Der Gag ist vermutlich uralt, aber die Szene ist – und bleibt – grandios.

Der Film selbst dürfte heute recht antiquiert wirken – und war es wahrscheinlich damals schon, als Chaplin ihn machte. Aber es ist die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft, mit seiner Familie, mit sich selbst – für ihn zweifellos neben all der Professionalität eine Herzensangelegenheit. Und deshalb für den Zuschauer «freudianisch» überladen. Sei’s drum.

Als Jude beschimpft

Wer war Charlie Chaplin? Als die Bilder laufen lernten, war er der Star. Slapstick nennt man das Genre, die Helden, denen meist übel mitgespielt wird, sind allesamt etwas tollpatschig. Die Idee seiner Filme, sagte Chaplin einmal, beruhe darauf, dass er in Schwierigkeiten gerate und verzweifelt versuche, wieder herauszukommen.

Deshalb muss der Hut gelüpft, die Krawatte gerückt und der zu kleine Kittel zurechtgezupft werden: Es geht um die Würde, die es zu bewahren gilt. Die Figur des «Tramp» ist angelegt als «Möchtegernbürger», «le petit bourgeois», der aus der Gesellschaft geflogen oder geflohen ist, aber das nicht wahrhaben will.

Chaplin, geboren in London, blieb des Films wegen in den USA und wollte nicht US-Bürger werden. Das nahm man ihm in der McCarthy-Ära übel. Und so kam er am Schluss in die Schweiz. In Vevey starb er am 25. Dezember 1977, vor 40 Jahren.

Doch hatte er Europa immer im Blick. Und im Gegensatz zu Karl Kraus, dem zu Hitler bekanntlich nichts einfallen wollte, machte er in den USA Front. Den Film «The Great Dictator» sah man nicht überall gern in den USA. Mit Hitler hatte Chaplin nicht nur den Jahrgang (Chaplin geb. 15. oder 16. April 1889, Hitler 20. April 1889) und den Schnurrbart gemeinsam.

Beide waren aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen und schafften es, die Massen zu beeinflussen. Chaplins Filme waren in Nazi-Deutschland verboten. Man beschimpfte ihn als Juden, Chaplin tat bezeichnenderweise nichts dagegen, obwohl es nicht zutraf.

Chaplin lebte in einer Zeit, die schneller ablief als ein menschliches Leben. Aus dem Klamauk-Stummfilm wurde der anspruchsvolle Film, allerdings bewältigte er diesen Epochenwechsel besser als andere, aber auch nicht ohne Schaden. Er liess nicht locker. Dies belegt «A Countess from Hong Kong» mit Sophia Loren und Marlon Brando – ein eindrucksvolles Dokument mit erwartungsgemäss gemischten Kritiken.