Die Statistik bestätigt, was die Schweizer Filmbranche schon seit jeher spürt. Der Marktanteil des Spielfilms im Binnenmarkt ist tief. Kaum ein anderes Land in Europa hat mit vergleichsweisen Problemen punkto inländischer Filme zu kämpfen. Gemessen an den Kinoeintritten waren 2017 lediglich 6,6 Prozent Schweizer Spielfilme auf den hiesigen Leinwänden zu sehen. Den Mammutanteil machten Filme aus Übersee aus. Zwei Drittel stammten aus den USA, weiter 21,5 Prozent aus dem EU-Raum.

Seine Glanzzeiten erlebte der Schweizer Spielfilm vor über 40 Jahren: 1978 lockte der Film «Schweizermacher» über 940 000 Zuschauer in die Kinos – einsamer Spitzenplatz bis heute. Gemeinsam haben Filme wie «Herbstzeitlosen», «Grounding», «Handyman» und «Vitus» das Jahr 2006 mit einem Marktanteil von knapp zehn Prozent zu einem Spitzenjahr werden lassen – ein einsames: Und: Auch im Ausland werden Schweizer Filme kaum angeschaut.

Der Schweizer Film in der Welt

Genau dieser Problematik, nämlich der Beachtung des Schweizer Films im Ausland, widmete sich am Mittwoch ein Podium, zu dem der Schweizerische Verband der Filmjournalisten SVFJ eingeladen hatte. Und dies mit dem Titel: «Der Schweizer Spielfilm – Sorgenkind oder Hoffnungsträger?» Unter der Moderation des Filmjournalisten Beat Glur diskutierten Teresa Vena, Direktorin des Festivals «Film:Schweiz» in Berlin, Denise Bucher, Journalistin bei NZZ am Sonntag und «Frame», Florian Keller von der WOZ und der britische «The Economist»-Journalist James Woodall über die Gründe und Aussichten dieses stiefmütterlichen Daseins des Schweizer Films.

«Sundance oder Berlinale – an vielen internationalen Festivals gibts kaum oder keine Schweizer Filme», legte Moderator Glur gleich zu Beginn den Finger auf die Wunde. «Und die langjährige Tradition der Abwesenheit macht sich nicht nur bei den Festivals, sondern auch in ausländischen Kinos bemerkbar.» Dabei liege es keineswegs an der Quantität: «Im Verhältnis zu ihrer Bevölkerung ist die Schweiz die grösste Filmproduzentin Europas.» Dennoch bleibt die Beachtung aus, wie auch Woodall aus britischer Sicht beschreibt: «Ich kann mich an keinen Schweizer Film erinnern, den ich bei uns in den vergangenen 30 Jahren im öffentlichen Rahmen gesehen hätte.» Auf der anderen Seite habe er dann aber bei seinen regelmässigen Besuchen in Locarno entdeckt, wie lebendig das Schweizer Filmschaffen sei.

Untertitel als Hindernis

Noch eher Dokumentar- als Spielfilme aus Schweizer Hand seien indes in Deutschland sichtbar, erläutert Teresa Vena. Aufgefallen seien Produktionen wie «More than Honey» und in jüngerer Zeit «Eldorado» von Markus Imhoof. Bei den Spielfilmen, zumindest jenen in Mundart, seien es gerade die Untertitel, die eine Hürde darstellten. «Die Bereitschaft, Untertitel zu lesen, ist in Berlin nicht sehr gross.» Unter den Spielfilmen haben sich in deutschen Kinos zumindest Titel wie «Sandmann» oder «Die göttliche Ordnung» verkauft.

Mehr Mut – für wen?

Am Beispiel des aktuellen «Zwingli»-Films wurde schliesslich die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Publikums und jener der Filmkritiker diskutiert. «Schlimm» fand den Film Denise Bucher, weil ein Wikipedia-Eintrag mehr über die Figur Zwinglis zutage fördere. Gleichzeitig kam sie nicht umhin festzustellen, dass er nun eben Erfolge feierte: «Die ganze Schweiz kennt Zwingli. Und wenn sich so das Kinoticket zum Voraus verkauft, muss der Film nachher gar nicht mehr gut sein.»

Eine «wahnsinnig grosse mediale Präsenz» – ob gut oder schlecht – konstantierte dem Film Florian Kelller: «Da spielt das Urteil der Kritik kaum eine Rolle mehr.» Er, der vor wenigen Jahren dem Schweizer Filmschaffen Mutlosigkeit attestierte, hat zwischenzeitlich einen Wandel zum Besseren festgestellt: «So macht doch um Gottes Willen etwas Tapferes», zitierte er den Film-Zwingli: «Es gibt viel Mutiges im Filmschaffen. Doch vielleicht richtet sich der Ausruf eher ans Publikum.»

Denise Bucher wies ausserdem auf Distributionsprobleme hin, an denen der Erfolg hängen könnte. «Wären Filme wie ‹Chrieg› oder ‹Dora› als Streaming abrufbar, hätten sie vielleicht eine andere Karriere gemacht.»

Ökonomie der Aufmerksamkeit

Das Problem bestehe in einer «Ökonomie der Aufmerksamkeit», wurde ans Podium anknüpfend aus dem Publikum eingeworfen. Angesichts des Überangebots, das durch Kanäle wie Serienstreaming oder Internet genährt werde, blieben auch fabelhafte Filme unsichtbar und damit ökonomisch hoffnungslos, so der Gedanke. Aber ein Festival wie die Solothurner Filmtage sei dafür da diese «Ökonomie der Aufmerksamkeit» ein wenig auszuhebeln.