Wir sitzen in einem schicken Hotelzimmer mitten in Paris. Mal strahlt Evangeline Lilly übers ganze Gesicht, mal ist sie den Tränen nahe, mal redet sie sich in Rage. Die kanadische Schauspielerin befindet sich auf Promotour für ihren neuen Kinofilm «Ant-Man and the Wasp», doch was sie während des emotionalen Interviews erzählt, ist weit entfernt von den üblichen PR-Floskeln. Lilly spricht darüber, wie sie sich zwecks Anerkennung lange wie ein Mann aufführte, wie sie mit den «Ant-Man»-Produzenten über die Weiblichkeit ihrer Filmfigur stritt – und warum ihre erste Rolle ein einziger Albtraum war.

Evangeline Lilly, Sie wurden 2004 mit der Fernsehserie «Lost» berühmt, waren danach aber kaum mehr zu sehen. Weshalb nicht?

Evangeline Lilly: Ich ging in Rente. Als ich im Sommer 2010 mit «Lost» fertig war, sagte ich mir: Das wars, ich will nie wieder schauspielern. Ich zog mich zurück, gründete eine Familie und begann, Kinderbücher zu schreiben.

Was war denn so schlimm an ihrem Leben als Schauspielerin?

Ich bin grundsätzlich eine Frohnatur. Aber während der sechs Jahre «Lost» spielte ich eine Figur, die zwölf Stunden am Tag Angst hatte, heulte, schrie, von einem Rauchmonster wegrannte und am Schluss ihren Vater in die Luft sprengte. Ich fühlte mich jeden Tag schrecklich. Wie oft haben Sie meine Figur Kate in der Serie lächeln gesehen? Ich war nie in einer Schauspielschule, ich habe keinen Werkzeugkoffer, in den ich nach Drehschluss meine Emotionen weglegen kann. Wenn meine Figur leidet, dann leide auch ich. Das machte mich fertig.

Ein paar Jahre später kehrten Sie trotzdem vor die Kamera zurück.

Ja. Als mein Baby etwa einen Monat alt war, erhielt mein Partner ein SMS, in dem stand: «Peter Jackson versucht seit zwei Monaten, deine Ehefrau zu erreichen. Niemand in Hollywood weiss, wo sie steckt!» Jackson wollte mir eine Rolle in seinen «Hobbit»-Filmen anbieten. Ich war hin- und hergerissen. Als Teenager war «The Hobbit» mein Lieblingsbuch gewesen. Schlussendlich konnte ich einfach nicht Nein sagen. Zwei Monate später stand ich in Neuseeland vor der Kamera. Ich war überzeugt: Das bleibt eine Ausnahme. Doch kurz darauf kam der Anruf von Marvel – und prompt kribbelte es in meinem Bauch.

Marvel produziert seit zehn Jahren Superhelden-Filme, Sie spielen jetzt Marvels erste grosse Superheldin. Ein historischer Moment?

Ein anderer Journalist fragte mich: «Glauben Sie nicht, dass Sie hier aus einer Mücke einen Elefanten machen?» Schliesslich hatten Schauspielerinnen wie Scarlett Johansson und Elizabeth Olsen schon vor mir Auftritte in Marvel-Filmen. Aber die Wahrheit ist: «Ant-Man and the Wasp» ist Marvels zwanzigster Film. Und in keinem der 19 zuvor hatte es jemals der Name einer Frau in den Filmtitel geschafft.

Das ist jetzt anders: Der Film heisst «Ant-Man and the Wasp» und Sie spielen die Titelfigur Wasp.

Marvel ist ein riesiges kulturelles Machtzentrum. Die Firma beeinflusst die ganze Welt, alle schauen ihre Filme. Du kannst Frauen lieben, aber wenn du sie ständig auf den Rücksitz platzierst, dann sendest du damit eine Botschaft. Und diese Botschaft kommt bei Männern, Frauen, kleinen Jungs und kleinen Mädchen an. Deshalb finde ich: Ja, das ist ein historischer Moment. Oder wie Wasp sagt: «It’s about damn time!»

Böse Zungen könnten behaupten, Marvel möchte nun bloss Profit aus der MeToo-Bewegung schlagen.

Fakt ist: Die Produzenten bei Marvel haben das alles Jahre vor der MeToo-Bewegung aufgegleist. Schon als 2015 der erste «Ant-Man»-Film in die Kinos kam, war klar, dass meine Filmfigur, Hope van Dyne, in Teil zwei zur Superheldin Wasp wird. Als die Enthüllungen über Harvey Weinstein ans Tageslicht kamen, steckten wir schon mitten in den Dreharbeiten.

Was haben die Meldungen über Weinstein bei Ihnen auf dem Filmset ausgelöst?

Ich fühlte mich auf einen Schlag extrem geschwächt. Ich sollte in «Ant-Man and the Wasp» eine starke, ermächtigte Superheldin spielen, fühlte mich aber auf einen Schlag verletzlich, gebrochen und beschädigt.

Weshalb?

Das fragte ich mich auch. Warum heule ich mir hier auf dem Set die Augen wund? Harvey Weinstein hat mich nie missbraucht, mir wurde nie eine Rolle im Gegenzug für Sex angeboten. Trotzdem zerriss mich das innerlich. Ich denke, diese Enthüllungen haben uns Frauen dazu gezwungen, unbequeme Dinge anzuschauen.

Was für Dinge meinen Sie?

Zum Beispiel, wenn uns Frauen das Gefühl vermittelt wird, dass uns niemand ernst nimmt. Ich war lange überzeugt, dass das nur geht, wenn ich mich wie ein Mann verhalte. Schon als Kind zwang ich mich dazu, Mädchensachen blöd zu finden. Ich versuchte, möglichst cool zu sein, schön, athletisch, und für jeden Spass zu haben. Ich spielte Fussball und studierte Physik und Mathematik. Ich wollte um jeden Preis respektiert werden und auf der gleichen Stufe wie die Jungs in meiner Klasse sein. Auch als Schauspielerin wollte ich in dem Zimmer sein, wo die Entscheidungen gefällt werden. Aber dort stehen ausschliesslich Männer. Mit der Weinstein-Affäre wurde mir klar: Egal, was ich tue, es zählt nur, dass ich keinen Penis habe.

Wie stark litt Ihre Arbeit während des «Ant-Man»-Drehs unter diesen Eindrücken?

Ich erinnere mich an einen ganz bestimmten Drehtag. Für eine Kampfszene musste ich richtig taff sein, aber ich konnte nicht aufhören zu heulen. Meine Maskenbildnerin gab mir eine Umarmung, richtete mich wieder her und fragte mich: «Schaffst du das?» Ich antwortete: «Ich muss.» Das ist unser Los, deshalb sind wir Frauen so widerstandsfähig. Verstehen Sie mich nicht falsch, auch Männer verspüren natürlich Schmerz. Aber wir alle unterdrücken unsere Gefühle, und das liegt daran, dass wir weibliche Eigenschaften zu wenig schätzen. Wir erachten Verletzlichkeit, Mitgefühl und Fürsorglichkeit als Schwächen.

Sie sollen eine sehr klare Vorstellung davon gehabt haben, was Ihre Filmfigur Wasp ausstrahlen sollte.

Ich wollte, dass sie realistisch ist. Wenn ich nach einer Actionszene aussehe, als käme ich gerade vom Friseur, ist das unglaubwürdig. Als ich zum ersten Drehtag erschien, zeigte mir unsere Stuntcrew ein Vorschauvideo meiner Kampfszenen, die sie auf dem Computer erstellt hatten. Als ich es sah, war ich total entsetzt.

Was war so entsetzlich am Video?

Wasp kämpfte darin wie ein Kerl! Was zum Teufel ist der Sinn einer Superheldin, wenn sie genau wie ein Mann ist? Sie darf feminin sein, elegant und anmutig – das macht sie doch nicht schwach! Ich sagte den Produzenten: Ihr fürchtet euch so sehr davor, aus Wasp ein sexualisiertes Stereotyp zu machen, dass ihr jetzt das Gegenteil macht und dabei ihre Weiblichkeit negiert. Wasp muss doch nicht eine Kopie von Ant-Man sein, um stark zu wirken. Wenn sie weiblich und anmutig ist und trotzdem mehr draufhat als er, dann vermittelst du die richtige Botschaft: Wir sind stark wegen – nicht trotz – unseres Geschlechts!

Marvels nächster Film ist «Captain Marvel» mit Darstellerin Brie Larson. Gibt Ihnen das Hoffnung, dass Frauen in der Filmbranche eine bessere Zukunft blüht?

Absolut. Wir sind an einem Wendepunkt, das spüre ich. In Hollywood erhalten Frauen heute mehr Chancen als je zuvor. Als ich kürzlich in Los Angeles war, traf ich mich mit vier verschiedenen Regisseurinnen. Während meiner gesamten 13-jährigen Karriere hatte ich zuvor noch nie eine Regisseurin getroffen. (lacht) Das ist doch verrückt! Solche Erlebnisse haben mir dabei geholfen, meinen Frieden mit dem Schauspielberuf zu schliessen.