Die Geschichte spielt in die Boxszene (siehe Kritik hier). Regie bei «Ausgezählt» führte die gebürtige Zürcherin Katalin Gödrös, die auch schon für «Der Bestatter» hinter der Kamera stand.

Pikant: In der Pressemappe zu «Ausgezählt» betont das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), dass mit Gödrös «seit Langem wieder eine Frau beim Schweizer ‹Tatort› Regie geführt hat». Wir trafen die Wahl-Berlinerin in Luzern zum Gespräch.

Sie sind die erste Regisseurin seit Sabine Boss vor drei Jahren, die einen Schweizer «Tatort» inszeniert. SRF schwärmt von Ihrem «weiblichen Blick». Ist das nicht sexistisch?

Katalin Gödrös: Natürlich ist mein Blick weiblich. Ich bin ja Frau und als solche geprägt durch die immer noch sehr sexistische Gesellschaft. Ob ich besonders weiblich inszeniere, weiss ich nicht. Ich weiss nur, wie ich inszeniere – jeder hat da seinen eigenen Stil. Werde ich für eine sogenannt sensible Regie angefragt, antworte ich schon mal boshaft: «Ich bin gar nicht sensibel.» Dann frage ich mich auch: Ist mein Blick spezifisch feminin oder spezifisch Katalin? Natürlich bin ich eine Frau, aber ich habe auch einen Migrationshintergrund, bin fast 1,80 Meter gross und kurzsichtig. Ich bin viele.

Ist der Mensch nicht das, was er macht? Prägt ihn das nicht mehr als das Geschlecht es tut?

Ich habe eine sehr politische Tochter: Sie redet nur von Menschen. Manchmal lächelt man darüber, aber eigentlich finde ich es toll. Wichtig finde ich, generell in der Arbeitswelt umzudenken. Das Prinzip Geld gleich Erfolg hinter sich zu lassen – ich befürworte ein Grundeinkommen. Jeder soll von dem leben können, was er gerne macht. Weniger Lohn mit weniger Wert gleichzusetzen, geht für mich nicht in Ordnung.

Ihre «Tatort»-Folge «Ausgezählt» dreht sich um eine Profi-Boxerin. Stimmt es, dass Sie selber boxen?

Ich mache ein bisschen Boxtraining. Boxen finde ich sehr spannend, es ist viel psychologischer, als man denkt: Man muss den anderen durchschauen und seine Stärken und Schwächen so gut kennen wie die eigenen.

Stefan Gubser, Katalin Gödrös und Delia Mayer

Stefan Gubser, Katalin Gödrös und Delia Mayer

Sie inszenieren Delia Mayer und Stefan Gubser in ihrem vorletzten Fall. Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden Schauspielern?

Bei «Ausgezählt» ist die Beziehung von Liz und Flücki wichtiger Bestandteil der Geschichte. Daher haben wir uns viel Zeit für die Vorbereitung genommen. Wir haben in der Vergangenheit der Figuren geforscht und ausgiebig geprobt. Obwohl die beiden als Schauspieler sehr unterschiedlich sind, gehen sie sehr achtsam miteinander um.

Der Dreh in Luzern soll sehr intensiv gewesen sein.

So ein Dreh ist immer intensiv. Man versucht, in konzentrierter Zeit das Beste aus den Schauspielern in möglichst atmosphärischen Bildern rauszuholen. Speziell war sicher der Boxkampf: Die eine Darstellerin ist Laienschauspielerin, aber Profiboxerin, und die andere Profischauspielerin, aber Laienboxerin. Dann natürlich der Dreh in einem funktionierenden Gefängnis. Das war inspirierend…

Worauf legten Sie beim Dreh besonderen Wert?

Wir haben versucht, eine sehr komplexe Geschichte möglichst visuell und atmosphärisch darzustellen, sodass es spannend bleibt und nicht zu viel an den Dialogen hängt. Speziell ist der Kniff, die Geisel auf einem grossen Screen Teil des Kommissariats werden zu lassen. So ist sie immer präsent, und die Kommissare können mit ihr in einen zumindest visuellen Dialog treten, wenn auch nur einseitig.

Das neue Schweizer «Tatort»-Kommissaren-Duo wird ab Ende Jahr von Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler gespielt. Könnten Sie sich einen gemeinsamen Dreh mit den beiden vorstellen?

Mit Carol Schuler hatte ich schon zweimal das Vergnügen zu drehen, ich bin ein grosser Fan und freue mich sehr auf sie! Anna Pieri Zuercher ist auch eine sehr spannende Besetzung, und ich bin mir sicher, die beiden geben ein grossartiges Team ab. Da juckt es mich natürlich in den Fingern!

Schauen Sie eigentlich selber «Tatort»? Haben Sie ein Lieblingsteam?

Ja, bei uns ist es ein bisschen Familientradition: Sonntagabend, chillen und Fernseh gucken. Natürlich gibt es Präferenzen, aber eigentlich freue ich mich immer, wenn ein «Tatort» gut gemacht ist. Die Figuren müssen mich packen, und das sind nicht immer nur die Kommissare.

Sie haben Ihre Karriere als Regisseurin von Kinofilmen lanciert. Seit ein paar Jahren arbeiten Sie zunehmend fürs Fernsehen. Mögen und schauen Sie Serien?

Klar. Fernsehserien bieten eine grossartige Möglichkeit, Figuren über einen längeren Zeitraum zu erzählen, vielschichtiger und mit einem komplexeren Beziehungsgebilde. Sie lassen mehr Spielraum für Ambivalenzen.

Die aktuellen «Tatort»-Kommissare: