Filmfestival
Amy Winehouse bis Iggy Pop: Musik im Film ist grosses Kino

In Brugg finden erstmals die Dokumentarfilmtage statt. Sie setzen ein Statement für die wichtigste Nebenrolle: die Filmmusik.

Anna Raymann
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Mit Amy Winehouse im Proberaum sitzen? Der Dokumentarfilm «Amy» macht diese intimen Momente möglich.

Mit Amy Winehouse im Proberaum sitzen? Der Dokumentarfilm «Amy» macht diese intimen Momente möglich.

Die grosse Leinwand und ein kräftiger Soundtrack – das macht das Kinoerlebnis aus. Den richtigen Ton für einen Film zu finden, ist hohe Kunst. Wenn es denn gelingt, stehen die Chancen aber gut, dass die Filmmusik zum Klassiker wird: Die bedrohliche Mundharmonika aus «Spiel mir das Lied vom Tod» etwa oder das verzückte Klavierspiel aus «Die fabelhafte Welt der Amélie» haben jenseits der Filme eine eigene Dynamik entwickelt. Während im Spielfilm Filmmusiker wie Hans Zimmer zu Rockstars erhoben werden, fristet der Soundtrack im Dokumentarfilm eine eher unauffällige Nebenrolle.

Gerade diesen macht nun aber die erste Ausgabe der Brugger Dokumentarfilmtage zum Schwerpunkt. Das Filmfestival startet selbstbewusst: Zahlreiche Premieren holt es in die Aargauer Kleinstadt. Die Veranstalter hoffen, Brugg in der Schweiz neben dem «Visions du Réel» in Nyon «über die Landesgrenzen hinaus» als Plattform für Dokumentarfilm bekannt zu machen. Sich mit diesem Anspruch ausgerechnet der Filmmusik zu widmen, ist ein Statement.

Grosse Rockstars sorgen für den richtigen Sound

«Eine Herzensangelegenheit ist es», sagt Stephan Filati. Für den Initianten des Festivals und Betriebsleiter des Kulturhaus Odeon war es das Wunschthema: «Beim Dokumentarfilm wird die Musik manchmal etwas vernachlässigt behandelt, deshalb finde ich es umso wichtiger, diese nun in den Mittelpunkt zu stellen.»

«A-HA – the Movie» feiert in Brugg Europapremiere.

Salzgeber

Und wie könnte man das schöner und nachvollziehbarer als mit den grossen Pop- und Rockstars? Spätestens Wim Wenders holte 1999 das Genre der Musikbiografien mit seinem Film «Buena Vista Social Club» über alternde Musiker auf Kuba aus dem Nischendasein. Das Versprechen ist auch verlockend: Den Ikonen ganz nahekommen, sich zu den Rockstars in den Proberaum setzen, den Genies bei der Arbeit über die Schulter blicken. In den letzten Jahren sorgten einige Produktionen für Aufmerksamkeit. «Amy – The Girl Behind The Name» über Amy Winehouse (2015) oder «Gimme Danger» über Iggy Pop (2017) sind so an den Dokumentarfilmtagen noch einmal zu sehen. Die Europapremiere von «A-HA – the Movie» nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise in die 80er-Jahre.

Die Filmmusik ist ein ­wichtiges Puzzleteil

Das Festival hört aber auch genau hin, wo die Protagonistinnen und Protagonisten weniger musikalisch sind. Horcht, wo die Musik das Geschehen bettet, aber keinesfalls eine eigene Rolle spielt. Christoph Scherbaum ist Gast am geplanten Podium über Filmmusik. Der Aargauer Musiker weiss, wie man den Sound für Games, Theater – und eben Filme trifft: «Man komponiert viel neutraler, nicht so ‹manipulativ› wie in einem Hollywood-Film.»

Zu sehen an den Dokumentarfilmtagen: «Pushing Boundaries» von Lesia Kordonets mit der Musik von Christoph Scherbaum.

Dschoint Ventschr

Und wie ist es fürs Ego, Musik zu machen, die so wenig Ruhm erhält? «Absolut okay», findet Scherbaum:

«Ich spiele keine CD ein, sondern trage ein Teil zum Puzzle bei.»

In Brugg zu hören ist seine Komposition in «Pushing Boundaries» von Lesia Kordonets. Sie begleitet Athletinnen und Athleten der ukrainischen paralympischen Nationalmannschaft, die durch die Annexion der Krim in einen politischen Konflikt geraten. Christoph Scherbaum: «Es war ein langer Prozess, die richtige Linie für den Soundtrack zu finden.» Musiker und Regisseurin arbeiteten eng zusammen. Besonders freut sich Scherbaum an den Dokumentarfilmtagen auf «Burning Memories» von Alice Schmid. Die herausragende Musik des Films wurde kürzlich mit einem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.

Es scheint unverfänglich, sich als Dokumentarfilmfestival der Musik zu widmen, während sich das Genre immer wieder gegen Manipulationsvorwürfe rechtfertigen muss. Selbst in Zeiten von «Fake News» sollte man den Dokumentarfilm aber nicht mit Journalismus verwechseln. Er bleibt eine Kunstform, die Geschichten erzählen will. Der Fokus auf die Musik ist ein ehrliches Statement – ein Statement für die grossen Geschichten, für das Kino und somit für das, was in den letzten stillen Monaten so fehlte.

Brugger Dokumentarfilmtage 16.-19.9., ODEON, Excelsior und Zimmermannhaus, Brugg

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