Filmfestival
Brad Pitt als Auftragskiller, Würdigungen für Costa-Gavras und Kelly Reichardt: Das Locarno Film Festival stellt sein Programm vor

Während der Pandemie hat das Festival gelitten, nun vermittelt das Team um Festivaldirektor Marco Solari Aufbruchstimmung. Das 75. Jubiläum auf der Piazza Grande wird mit einem vielfältigen Angebot begangen – und auch etwas Melancholie.

Tobias Sedlmaier
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Brad Pitt im «Bullet Train», ein Spitzname für die japanischen Hochstgeschwindigkeitszüge.

Brad Pitt im «Bullet Train», ein Spitzname für die japanischen Hochstgeschwindigkeitszüge.

Sony Pictures

Die Feierlaune des Locarno Film Festival wird zum Jubiläum etwas getrübt. Der Grund dafür ist offensichtlich: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine mit allen Unwägbarkeiten und Konsequenzen wirft seinen Schatten auch auf die Piazza Grande, die sich gerade erst von den Folgen der Pandemie erholt hat und dieses Jahr wieder ohne weitere Einschränkungen für das Publikum freigegeben ist.

So ist die Stimmung bei der Präsentation des diesjährigen Programms wenig ausgelassen: «Ein Hauch von Melancholie darf über der Veranstaltung wehen», sagt Präsident Marco Solari angesichts der Weltlage. Dennoch sieht sich das Festival selbst besser aufgestellt als zu den Zeiten vor Corona.

Das liegt unter anderem daran, dass die Sponsorenbeiträge im Vergleich zu 2019 um 40 Prozent gestiegen seien, wie der operative Leiter des Festivals, Raphaël Brunschwig mitteilt. Zudem sei das Team gestärkt worden und das Vertrauen von Politik und Partnern weiterhin stark. Trotz aller Krisen: Der Glaube an die Kraft des (Freilicht)-Kinos, er ist noch spürbar hier.

Schweizer Debütfilm im Wettbewerb

Die Auswahl der Filme, die der künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro vorstellt, mag – gerade für eine Jubiläumsausgabe – auf den ersten Blick nicht wahnsinnig spektakulär erscheinen. Doch sie beinhaltet so manche unerwartete Perle und überzeugt mit einer unaufdringlichen, internationalen und ästhetischen Vielfalt.

17 Filme konkurrieren dieses Jahr im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, darunter «De Noche Los Gatos Son Pardos», der Debütfilm des gebürtigen Zürchers Valentin Merz, und «Baliqlara Xütbə» («Sermon to the Fish») vom aserbaidschanischen Regisseur Hilal Baydarov mit Schweizer Produktionsbeteiligung. Dazu laufen auf der Piazza die Schweizerisch-Belgische Co-Produktion «Last Dance» von Delphine Lehericey und als Abschlussfilm die Dokumentation «Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit» über den Bestsellerautor.

Auch die Fans von spassiger Actionkost kommen auf ihre Kosten: Treffen sich eine Handvoll Auftragskiller in einem Zug - was wie der Anfang eines schlechten Witzes klingt, ist die Kurzbeschreibung der Handlung des Eröffnungsfilms auf der Piazza am 3. August. «Bullet Train» mit Brad Pitt, Aaron Taylor-Johnson und Sandra Bullock könnte ein unterhaltsames, kurzweiliges Vergnügen für einen heissen Sommerabend werden.

Höhepunkte von den Anfängen bis zur Gegenwart

Zur frühen Ära der Kinogeschichte, ins Jahr 1919, bringt uns das Screening von D. W. Griffiths «Broken Blossoms», das mit Livemusik vom Orchestra della Svizzera italiana aus Lugano begleitet wird. Ein Highlight der Gegenwart hingegen ist die Weltpremiere von Alexander Sokurovs neuem Werk «Skazka» («Fairytale»). Der russische Regisseur und Putin-Kritiker wurde erst jüngst nach eigener Aussage an der Ausreise aus seinem Heimatland gehindert.

Eine andere Form von Melancholie wird in Locarno bei der diesjährigen Retrospektive auftreten. Diese ist dem grossen, 1987 im Tessin gestorbenen Melodramatiker Douglas Sirk gewidmet, dem «verkanntesten Regisseur des ganzen amerikanischen Kinos», wie ein französischer Kritiker einst schrieb. Die Vorbildfigur für Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder und dem in Locarno anwesenden Todd Haynes ist mit Filmen wie «Imitation of Life» oder «All That Heaven Allows» unbedingt eine Entdeckung wert.

Welche der grossen Stars von der Leinwand sich leibhaftig unter den Sternen am Lago Maggiore tummeln, steht noch nicht endgültig fest. Ehrenpreise gehen zumindest an eine Bandbreite Filmschaffender, darunter Costas Gavras, der Grand Man des politischen Films, die amerikanische Independent-Regisseurin Kelly Reichardt oder der Schauspieler Matt Dillon.

Das Locarno Film Festival findet vom 3. bis zum 13. August statt.

5 mögliche Geheimtipps für einen Festivalbesuch:

  • «Paradise Highway» von Anna Gutto: Thriller über eine Lastwagenfahrerin in den USA, die zum Menschenschmuggel erpresst wird, hochkarätig besetzt mit Juliette Binoche, Morgan Freeman und Cameron Monaghan.
  • «My Neighbor Adolf» von Leon Prudovsky: Komödie des israelischen Regisseurs über einen Mann (Udo Kier), der von seinem Nachbarn, einem Überlebenden der Shoa, verdächtigt wird, Adolf Hitler zu sein.  
  • «Matter out of Place» von Nikolaus Geyrhalter: Bestandsaufnahme über die Verbreitung von Abfall vom österreichischen Dokumentarfilmer, der in seinen Werken mit eindrücklich nachwirkenden, tableuartigen Einstellungen arbeitet.
  • «Prologos» von Mantas Kvedaravičius: Weltpremiere des letzten Films des litauischen Regisseurs, der Anfang April bei Dreharbeiten über den Ukraine-Krieg in Mariupol getötet wurde.
  • Spezialprojekt: Ein 24-stündiges Gespräch mit Zuschauerbeteiligung über die Zukunft der Aufmerksamkeit, das Rafael Dernbach von der Università della Svizzera Italiana auf dem Live-Streaming-Videoportal Twitch senden wird.