Schwierige entscheidung
Finde ich dank Apps, Experten und Punktsystemen den Wein, der mir gefällt?

Wer den Wein finden will, den er wirklich mag, kann Punktsystemen, Experten oder Apps vertrauen. Oder sich selbst.

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Welchen Wein mag ich? In der Vinothek ist es möglich, die Qual der Wahl durch angeeignetes Wissen oder Apps zu minimieren.

Welchen Wein mag ich? In der Vinothek ist es möglich, die Qual der Wahl durch angeeignetes Wissen oder Apps zu minimieren.

GettyImages

Vor den ewigen Weiten des Supermarkt-Weinregals merkt der Mensch, dass er so weit wie Sokrates vor 2400 Jahren ist: Er weiss, dass er nichts weiss. Nicht mal, welchen Wein er mag. Klar, wir haben eine Idee davon, aber können wir es definieren?

Wir entscheiden uns für ein Land, bestimmen den Preis, und wählen jenen Wein, dessen Etikette uns anspricht. Nicht selten kommt die Flasche dann aus Spanien. «Spanien» heisst: Frucht, Kraft, trocken und unter 15 Franken (der Durschnittpreis der verkauften Weine in der Schweiz liegt bei neun Franken).

Apps und Webseiten für die Weinsuche

Vivino (App)

Wer seinen Wein fotografiert, erhält den Durchschnittspreis, ein einfaches Geschmacksprofil und die Meinungen der Vivino-­Benutzer: Wer hier den Viel­trinkern vertraut, lernt einiges.

visual.wine

Mit digitalen Mitteln und einem Lehrbuch sollen die Benutzer ein Weinprofil über Rebsorten und Weintypen erstellen und die Frage klären: Welchen Wein mag ich?

Cellar Tracker (App)

Unzählige Weinkritiken und Degustationsnotizen sowie schöne Geschichten über Wein.

Decanter (App)

Ähnlich wie Cellar Tracker:
Artikel, Kritiken, Degustationen.

Winestein (App)

Tipps für die Weinbegleitung für jedes ­Gericht – und umgekehrt: Was passt zum Wein.

Ist das Portemonnaie dicker, lässt man gerne auch Wein-Gurus entscheiden, die den Weinen Punkte geben: Robert Parker etwa, laut Homepage «The world’s most trusted authority in wine for over 30 years» (Die weltweit vertrauenswürdigste Autorität für Wein seit über 30 Jahren), James Suckling, Rene Gabriel oder ganze Institutionen wie der «Gambero Rosso» wetteifern, wer die Weine am besten klassifiziert. Schön und interessant: Aber was, wenn mir die vermeintlichen Super-Weine, die Gabriel oder Parker gefallen nicht munden?

Als ich vor einiger Zeit zu einem Abendessen einlud, zehn Leute am Tisch sassen, gab es zwei, etwa vierzig Franken teure Weine: Der eine hatte eine hässliche Etikette. Obwohl am Tisch durchaus auch Weinfreunde sassen, lachte man darüber und niemand wollte diesen tollen Bordeaux trinken.

Die Begebenheit zeigte, dass die Frage «Welchen Wein mag ich?» viele interessiert, aber kaum jemand sich damit ernsthaft beschäftigt. Hätte es die Gäste fernab des Preises und des Jahrgangs wirklich interessiert, hätten sie nachgefragt: Wie viel Merlot und wie viel Cabernet steckt in Flasche A, wie viel in Flasche B? Wie lange darf Wein A, wie lang muss Wein B eigentlich im Keller liegen? Und weitergedacht: Sie hätten die Daten – Trauben, Jahrgang, Herkunft, Reifung und Ähnliches – in eine kluge App, die noch zu erfinden ist, eingegeben und in Sekundenschnelle vor Augen gehabt, welchen der zwei Weine sie tatsächlich besser mögen.
Warum nicht einfach die Nase ins Glas halten?

Alles Makulatur, wenn man doch einfach die Nase ins Glas halten könnte? Eigentlich schon. Aber eben: Was tut man vor dem Weinregal, wo das Degustieren unmöglich ist, wir uns oft mit wenigen Angaben – «trocken», «süss und der Traubensorten – begnügen müssen? Noch ein Umstand macht Probleme – der Preis: Ob ein Wein 25 oder 125 Franken kostet, hat keinerlei Auswirkungen darauf, ob ihn jemand mag oder nicht.

Bei aller Verunsicherung über die Weinauswahl – oder positiv gesagt: Beim grossen Interesse an der Weinauswahl – ist es folgerichtig, konnten sich Spezialisten in Szene setzen und mit ihrem Wissen wahre Wein-Imperien aufbauen. Wir lassen uns durch Dritte die Frage nach dem passenden Wein für einen kleinen Aufpreis gerne abnehmen. Hat der Mensch keine Zeit, Dutzende Weingüter zu besuchen, Hunderte Weine zu degustieren, braucht er autoritäre Vorkoster.

Die einen, bereits Genannten, stehen mit ihren Punkteklassement mehrheitlich für teure Weine. Die anderen für ein buntes Allerlei: etwa die Weinkennerin Chandra Kurt oder der Weinhändler Philipp Schwander. Ihnen geht es ums Auffinden günstiger unbekannter Weine, die sich mit blumigen Worten und toller Marge verkaufen lassen. Vertrauen ist da wie dort alles.

Welche Kiste darf es sein?

Welche Kiste darf es sein?

Patrick Luethy

Wer Schwanders Homepage öffnet, erkennt sofort den Service-Charakter: «Was passt wozu?» fragt er dieser Tage und bohrt nach: «Sie möchten kochen und wissen nicht, welcher Wein zu welchem Essen passt? Wir helfen Ihnen dabei und schlagen Ihnen passende Weine vor. Sie haben nicht gefunden, was Sie suchen? Rufen Sie uns an, wir helfen Ihnen gerne persönlich weiter.» Bei Anruf Wein? Warum nicht.

Auch der Oenologe und Weinanalyst René Wyttenbach aus Liechtenstein will die Frage, welchen Wein jemand mag, beantworten. Der Erfinder und Verfasser des Lehrbuches A-B-C-Wein-Harmonie und Betreiber der Web-App-Plattform www.visual.wine will die Konsumenten zu bestimmten Weintypen lenken, ihnen fern von Expertenmeinungen erklären, welches Weinbild zu ihm passt.

Wyttenbach will eine Alternative zu den traditionellen Weinannäherungen anbieten, und er kritisiert, dass die Weinwirtschaft in den letzten Jahren Beschreibungen, Medaillen, Sterneklassifizierungen und Punktesysteme inflationär gebraucht habe. Wobei nicht vergessen werden darf, dass Punkte und Auszeichnungen eine magische Wirkung haben, offenbar gar Geschmacksnerven reizen können. Wer erfährt, dass just jener Bordeaux, den er mag 94 Parker-Punkte erhalten hat, steigert mit diesem Wissen seinen psychologisch beeinflussbaren Trinkgenuss erheblich.

Keine Psychologisierung, sondern Wissen

A-B-C-Wein-Harmonie will aber keinen psychologischen Hokuspokus, sondern lehren, was man an einem Wein überhaupt mögen kann, und wie man über die Rebsorten seinen Geschmack bildet und findet: eine Lehre der Sensorik. Das ist keine Hexerei, aber es braucht einen Anstoss. Nur auf Knopfdruck oder nach kurzer Lektüre geschieht gar nichts – oder nichts Sinnvolles. Es nützt nichts, wenn ich mich nicht damit beschäftige.
Wyttenbach vereinfacht die Suche, da ihm klar ist, dass die Konsumenten ein System brauchen, um bei der unübersichtlichen Vielfalt an Weinen den Durchblick zu kriegen, und damit sie über Weintypen und Weinsorten ihren eigenen Geschmack aufbauen können. Erst dann erreichen sie eine hohe Trefferquote beim Weinkauf und können die Qual der Wahl minimieren, ist Wyttenbach überzeugt.

Soll man also Autoritäten glauben schenken, die Wein-Lehre beginnen? Oder einfach trinken und auch mal, vorausgesetzt die Qualität stimmt, danebengreifen und ob des Geschmacks eines Vin Jaune leer schlucken?
Warum sich einschränken, warum in der Osteria in der (Emilia)-Romagna Chianti bestellen und nicht lokalen Sangiovese trinken von den Hügeln des Dorfes, wo man gerade weilt? Warum in den Colli Bolognese Barolo statt Pignoletto? Vorausgesetzt, die Weine sind qualitativ gut gemacht, gibt es unendlich viele Geschmäcker zu entdecken, von denen all die Ratgeber und Apps keine Ahnung haben.

Die App Vivino ist einfach, aber besser als man denkt

Wer nicht allzu tief eintauchen kann und will, benutzt die App Vivino. Hier macht man ein Foto des Weines und erhält nach der Angabe des durchschnittlichen Preises Serviervorschläge, Rebsorten und ein hilfreiches, wenn auch simples Geschmacksprofil, das je nachdem auf Tausende Weine zutrifft: «Leicht-üppig», «sanft – tanninhaltig», «trocken-süss», und «weich-säurehaltig».

Hier könnte manch einer erfahren, was er kaufen will. Wenn er denn mal ungefähr weiss, was er mag.