Todesfall

Frankreich trauert um seine «Grande Dame»: Die Chansonnière Juliette Gréco ist tot

Eine Ikone: Die verstorbene Chansonsängerin Juliette Gréco.

Eine Ikone: Die verstorbene Chansonsängerin Juliette Gréco.

Die französischen Existenzialisten entdeckten sie einst in einer Kellerbar. Von da an galt die zierliche Frau mit der sanften Stimme als eine der bedeutendsten Interpretinnen französischer Chansons.

An der Pariser der Rue Dauphine, Hausnummer 33, deutet nichts mehr darauf hin, dass dort einmal ein Stern aufgegangen war. Ein Fünfsternhotel steht gegenüber einer Immobilienagentur; nur in der anliegenden Buchhandlung finden sich ein paar fotografische Spuren jener Kellerbar, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen «le tabou» Geschichte geschrieben hatte. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gingen dort ein und aus, Boris Vian improvisierte auf seiner Trompete. Marlene Dietrich und Orson Welles besuchten den Existenzialistentreff. Und einmal, so geht die Legende, stieg eine junge Frau namens Juliette auf einen Tisch und begann zu singen.

Hingerissen, lud Sartre die unerfahrene Schauspielerin zu sich ein, wo er ihr ein paar Tage später mehrere Texte – einen von ihm selbst – zur Vertonung anbot. Offenbar hatte der grosse Philosoph etwas weniger Talent für Liedstrophen – Gréco wählte auf jeden Fall andere Texte aus, darunter« L’éternel féminin» und «Si tu t’imagines», mit denen sie sich bald einen Namen machen sollte.

Tochter einer Widerstandskämpferin und eines Polizisten

Dabei hatte es Juliette Gréco eigentlich ganz anders geplant. Das zartgliedrige Mädchen war die Tochter eines korsischen Polizisten und einer Widerstandskämpferin, die das KZ Ravensbrück überlebte. Juliette sagte später von ihr, sie sei «keine Mutter, sondern zeitlebens eine Soldatin gewesen». Juliette selbst wurde 1943 im Alter von 16 Jahren selber von der Gestapo verhaftet und geschlagen, kam aber anders als ihre Schwester und ihre Mutter wieder frei.

Nach dem Krieg wollte sie Operntänzerin oder Schauspielerin werden. «Le tabou» änderte aber ihr Leben. Nach ihrer Förderung durch Sartre feierte sie im Literatenviertel Saint-Germain-des-Prés erste Erfolge. Wenn sie mit ihrer sanften Stimme «Déshabillez-moi» («Ziehen Sie mich aus») anstimmte, brachte sie die coolsten Existenzialisten zum Schmelzen. Viele von ihnen, darunter sogar der nachmalige Literaturnobelpreisträger Albert Camus, dazu auch Jacques Brel, Léo Ferré oder Jacques Prévert verfassten Liedtexte für die neue Muse von Saint-Germain. Serge Gainsbourg, damals noch weitgehend unbekannt, schrieb für sie «La Javanaise» mit dem berühmten Refrain: «Nous nous aimions le temps d’une chanson» – «wir liebten uns ein Lied lang.

Mit den Jahren wurde Gréco von der Muse zur regelrechten Ikone des – auch politisch - linken Seine-Ufers, der Rive Gauche. Sie sang rot gefärbte Chansons, zeigte sich mit Orson Welles und ging mit Miles Davis aus. Mit dem amerikanischen Jazzmusiker lebte sie den Slogan «Black Lives Matter» ein halbes Jahrhundert vor dessen Entstehung: Einem Pariser Wirt spuckte sie in die Hand, als dieser ihr und ihrem schwarzen Begleiter einen Tisch verweigern wollte.

Das Gebaren einer Diva war Gréco aber fremd. Auf der Bühne sang sie, schwarz gekleidet und ebenso geschminkt, mit vollkommener Schlichtheit und Eleganz. Und nie ohne aufrichtiges Engagement. 1981 reiste sie in das Chile des Augusto Pinochet, um dessen Gegner zu unterstützen. Als aber vor allem Offiziere an ihr Konzert kamen, stimmte sie antimilitaristische Chansons wie «les cimetières militaires» («die Militärfriedhöfe») an. Applaus erhielt sie kaum; dafür wurde sie am Tag danach festgenommen und des Landes verwiesen. Das sei ihr «schönster Reinfall» gewesen, freute sich Gréco später.

Die intellektuelle Nachfolgerin von Edith Piaf

In Paris rief die intellektuelle Nachfolgerin von Edith Piaf im gleichen Jahr zur Wahl des Sozialisten François Mitterrand auf. In Deutschland trat sie nach dem Krieg – und trotz ihrer Gestapo-Erfahrung – als eine der ersten französischen Sängerinnen auf. Auch nach 2000 war sie noch auf deutschen Bühnen zu sehen, unter anderem auch in der Berliner Philharmonie.

Mit Titeln wie «Jolie Môme» («hübsches Gör») berühmt geworden, kam Gréco immer wieder auf ihre alte Liebe zurück und trat auf Theaterbühnen auf. Dazu machte sie in drei Dutzend Filmen mit. Ende der fünfziger Jahre spielte sie zum Beispiel in Henry Kings «The Sun Also Rises» und in John Hustons «The Roots of Heaven».

Privat lebte sie so ruhig, wie sie sang. Aus einer ersten Verbindung hatte sie eine Tochter, die 2016 verstorben ist, nachdem ihre Mutter ihr mehrere Chansons gewidmet hatte. 1966 heiratete Gréco den Schauspieler Michel Piccoli; die letzten drei Jahrzehnte verbrachte sie mit dem Chanson-Pianisten Gérard Jouannest, der 2018 verstarb.

Wie sehr die Chanson-Legende mit den traurigen Augen auch im Alter von jüngeren Generationen geschätzt wurde, zeigte sich 2003, als ihr aufstrebende Chanson-Stars wie Benjamin Biolay oder Miossec ein ganzes Album schrieben. 2015, im Alter von 88 Jahren, trat Juliette Gréco zum letzten Mal auf. «Ich will aufrecht abtreten», erklärte sie der Zeitung «Le Parisien». «Ich will kein Mitleid erregen, das verabscheue ich.» Sie fügte an, sie habe keine Angst vor dem Tod und wolle «nicht zu spät sterben». Das einzige, was sie weiterhin umtreibe, sei, «nicht geliebt zu werden». Die zahlreichen Hommagen nach ihrem Tod mit 93 Jahren in Ramatuelle (Côte d’Azur) zeigen, dass auch diese Angst unbegründet war.

In Paris beweinten viele Stimmen den Verlust einer «Grande Dame». Der französische Präsident Emmanuel Macron erklärte, sie habe «die Eleganz und die Freiheit» verkörpert. Als letzte Ruhestätte wählte Gréco den Pariser Friedhof Montparnasse.

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