Schweizer Sprachenstreit

Französisch macht dumm!

Für Primarschüler wie diese in einer Schule in Liestal 1941 war Französischunterricht lange unvorstellbar.

Für Primarschüler wie diese in einer Schule in Liestal 1941 war Französischunterricht lange unvorstellbar.

Die Deutschschweiz streitet über den Französisch-Unterricht. Umstritten war der schon immer. Einfach aus anderen Gründen. Ein Blick zurück.

Zweisprachigkeit ist gefährlich. Verursacht Linkshändigkeit. Macht dumm. Und kann sogar zu Silberblick führen. Das bestätigten 1928 sämtliche Studien und Praxisberichte einer Fachkonferenz des Bureau International d’Education in Genf.

Heute, 90 Jahre später, droht wieder Schaden durch Frühfranzösisch. Dieses Mal ist nicht nur die Jugend in Gefahr, sondern gleich das ganze Land. Ostschweizer Kantone sehen den Föderalismus gefährdet. Westschweizer Politiker fürchten eine «deutsche Monokultur». Die Tonlage ist schrill. Grund ist eine Sprachrebellion in der Deutschschweiz. Seit 2004 gibt eine gemeinsame Bildungs-Strategie den Kantonen eigentlich vor, dass ab der 5. Primarklasse eine zweite Fremdsprache gelehrt werden muss.

Doch mehrere Kantone, darunter der Aargau, haben diese nie umgesetzt. Der Thurgau will Frühfranzösisch abschaffen. Die Begründungen der abtrünnigen Kantone sind vielfältig. Aus pädagogischen Gründen, sagen die einen. Um die Kinder nicht zu überfordern. Und weil ihnen Englisch im Leben mehr bringt, die anderen. Vor einem Monat erreichte der Streit einen vorläufigen Höhepunkt: Bildungsminister Alain Berset drohte den kantonalen Sprachrebellen mit der Durchsetzung von Frühfranzösisch durch den Bund. Gestern legte Berset im «Tages-Anzeiger» nach und warnte vor belgischen Verhältnissen in der Schweiz: «Dann wird das Zusammenleben schwierig.» Es geht also scheinbar im Streit um die ganz grossen Werte: das Wohl der Kinder, den Zusammenhalt des Landes. Die Schweiz.

Die wissenschaftlichen Fakten zur Frage, wie Kinder am besten eine neue Sprache lernen, sind eigentlich klar. Und haben wenig mit den umstrittenen Fragen des Sprachenstreits zu tun. Die Linguistin Simone Pfenninger hat an der Universität Zürich mit einer aufsehenerregenden Studie über den Erfolg von Frühenglisch habilitiert. Sie sagt: «Es geht nicht um die Frage wann, sondern wie.» Und so wie es an den Schweizer Schulen jetzt läuft, kommt es eigentlich gar nicht drauf an, wann die Schüler mit einer Sprache beginnen. «Wichtig sind Lehrer, die Intensität und die Grössen der Klassen. Das Alter ist für das Erlernen der Sprache dagegen eher eine schwache Variable.» Doch im Sprachenstreit geht es fast nur um das Wann und fast nie um das Wie. Eine nüchterne Diskussion scheint unmöglich, weil die Mehrsprachigkeit heute ein nationales Heiligtum wie Wilhelm Tell, Käse oder die Alpen ist. Allerdings ein junges. Zwar versuchten schon Napoleon und die Helvetische Republik die Viersprachigkeit 1798 im helvetischen Bildungssystem zu verankern. Der helvetische Minister Philipp Albert Stapfer war der erste glühende Vertreter des Frühfranzösisch. In seinen Plänen für ein nationales Schulsystem war eine zweite Landessprache in der ersten Primarschulklasse vorgesehen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Der helvetische Zentralstaat überlebte ganze fünf Jahre. Französisch in der Primarstufe verschwand für über 100 Jahre in den Schubladen der Bildungspolitiker.

Französisch, das Mandarin
des 19. Jahrhunderts

Französischunterricht war in der Deutschschweiz lange den Kindern der Eliten vorbehalten. Diese schickten ihre Söhne und Töchter schon im 18. und 19. Jahrhundert ins Welschland und nach Frankreich, um die damalige Weltsprache zu erlernen. Aber nicht für den nationalen Zusammenhalt. Sondern für die Karriere. Französisch war, was heute Mandarin ist: Die Sprache, die der künftigen Generation die Türen zum wirtschaftlichen Erfolg öffnen sollte. Eine Prestigesache. Die Bildungshistorikerin Anja Giudici forscht zum Thema Landessprachen an der Universität Zürich. Sie sagt: «Während der Restauration und im modernen Bundesstaat wurde in der Deutschschweiz zunächst fast nur aus wirtschaftlicher Sicht über Französischunterricht diskutiert. Allen Schülerinnen und Schülern zugänglich war er nur in jenen Kantonen, in denen die Sprache im Handel genutzt werden konnte.» So setzte der Kanton Basel-Stadt als an Frankreich grenzende Handelsstadt schon im 19. Jahrhundert auf obligatorischen Französischunterricht. In fast allen anderen Kantonen aber verschwanden mit der Verstaatlichung der Volksschule die Fremdsprachen aus den obligatorisch erklärten Schultypen.

In den Kantonen herrschte damals gar ein gegenteiliger Trend, der in allen jungen Nationalstaaten Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet war: die Überhöhung der eigenen Sprache. «Jede Schule, wo eine fremde lebende Sprache schulplanig gelehrt wird und als wichtiges Bildungsmittel gilt, legt dem Volksthume einen Hinterhalt zum Überfalle für den Feind», schrieb der deutsche Philologe Hugo Weber. Dass das Erlernen mehrerer Sprachen der Identität der Kinder schade, war auch hierzulande eine populäre Haltung, sagt Bildungshistorikerin Giudici: «Sprachnationalismus war auch in der Schweiz verbreitet, einfach auf der Ebene der Kantone bzw. der Sprachregionen.»

Französischunterricht für 90 Prozent unserer Jugend unmöglich

Die Viersprachigkeit war also in der jungen Schweiz eine Randnotiz und kein nationales Symbol. Der Erste Weltkrieg änderte alles. Im grossen Krieg begannen Zentrifugalkräfte auf die Schweiz einzuwirken, die das Land zu zerreissen drohten. Die Romandie wandte sich Frankreich zu, viele in der Deutschschweiz dem Deutschen Reich. Plötzlich entdeckte die Politik auf der verzweifelten Suche nach einender Symbolik im vielfältigen Bundesstaat die Viersprachigkeit als Alleinstellungsmerkmal der Schweiz. «Eine nationalpolitische Bedeutung hat der Fremdsprachenunterricht erst seit dem 1. Weltkrieg», sagt Giudici. Der Sprachunterricht wurde zum Politikum. Es kam die Forderung auf, Kenntnisse in allen drei Landessprachen für die Matur zur Pflicht zu erklären. Dem Pöbel in der Volksschule sollten weiterhin bloss Tell und Winkelried als nationale Identifikationsfiguren gelten. Der Philologe August Rüegg hielt stellvertretend fest, die Beherrschung von zwei Sprachen für «90 Prozent unserer Jugend selbst bei den raffiniertesten Unterrichtsmethoden für unmöglich».

Erst in den 70er-Jahren kam der Franz-Unterricht dann in die tieferen Stufen. Heute eine Selbstverständlichkeit. Gemäss der Volksbefragung «Point de Suisse» gaben 38,9 Prozent an, dass die Landessprachen stark gefördert werden müssen. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre eigentlich klar, wie. Kleine Klassen, Unterricht naturwissenschaftlicher Fächer in einer anderen Landessprache, Intensiv-Unterricht. Nur, das kostet Geld. Mehr jedenfalls, als die Frage ab wann ein Deutschschweizer Kind zwei Wochenstunden Französischunterricht erhalten soll.

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