Ein Leben wie ein Leiterli-Spiel. Eben noch gings im Alltagstrott, Pardon: Alltagsschritt geradeaus und – schwupps, Glückstreffer! – schon landet man vier Etagen höher. Genauso schnell kanns aber wieder zurück an den Start gehen – manchmal sogar noch tiefer. Und auf der Bühne des Opernhauses trägt die Spielfigur für einmal auch einen Namen: Manon. So heisst die Titelheldin in Jules Massenets gleichnamiger Oper.

Noch nicht 16 Jahre alt ist Manon Lescaut und soll ins Kloster. Ein Jammer. Bloss: Allzu sehr scheint der Umstand das Mädchen nicht zu betrüben. Schliesslich gibt es schon im Wartesaal des Provinzbahnhofs in Amiens so viel zu sehen. In ihrem grauen Reisekostüm, mit Köfferchen und Hut, steht sie auf der elegant reduzierten Bühne des Opernhauses – in der ihr eigenen Mischung zwischen adrett und kokett. «Ich bin so verwirrt», sagt sie gar nicht verwirrt zu ihrem Cousin Lescaut (grossartig gesungen von Yuriy Yurchuk).

Und Manon schaut. Wird angeschaut. Schaut noch mehr. Wird angesprochen. Gibt lachend einen Korb, so aufregend ist also dieses Spiel, das man Leben nennt. Doch aus dem Spiel wird mehr. Mit dem Nächsten, der sie anspricht, wird sie mitgehen. Er wird sie lieben. Sie ihn verlassen, zu ihm zurückkehren, von ihm durch Gefängnishaft getrennt werden und todkrank in seinen Armen sterben. Ganz grosses Kino eben.

Oper als ganz grosses Kino

Und genau als solches inszeniert Regisseur Floris Visser denn auch seine Version der Manon. Allerdings weniger im Stil einer Hollywood-Romanze, sondern eher in jenem alter Schwarz-Weiss-Filme von Charlie Chaplin und Co. Vielleicht darum ist auf der Bühne des Opernhauses ebenfalls vieles in Schwarz-Weiss gehalten, von den Anzügen der Herren und den Abendroben der Damen über Wände, Kronleuchter und Hinterbühne (Kostüme und Bühne: Dieuweke van Reij). Selbst die Ausstattung ist auf wenige, symbolträchtige Requisiten reduziert: ein Tisch (als Symbol für das bescheidene Leben), immer wieder Spiegel (für das Gefallen am Gefallen), ein Champagnerglas (für die Sucht nach Vergnügen). Von Natürlichkeit keine Spur. Warum denn auch? Wo man doch zur schönen Kunst greifen kann.

Da werden also Koffer fotogen auf einander gestapelt; da lugen die Dorfbewohner in ausgezirkelter Choreografie um die Ecke; da sind sich die Figuren für eine kleine Showeinlage nicht zu schade. Und sogar wenn Manon und ihr Chevalier des Grieux ein Duett singen, blicken beide Wange an Wange fotogen in den Zuschauersaal. Das ist bildschön anzusehen, ebenso klug ist die Inszenierung durchdacht – allerdings: das «schau mir in die Augen, Kleines»-Gefühl will sich nicht so recht einstellen. Abtauchen geht anders.

Oder täuscht der Eindruck? Und der gemeinsame Blick der Sänger ins Parkett liegt vor allem an den Tücken der Musik? Denn Jules Massenet (1842–1912) hat seine transparent schillernde Manon-Partitur mit barock anmutenden Motiven, Melodien und Formen versetzt, die hohe Präzision erfordern – und dies über eine ebenso barocke Dauer von drei Stunden Länge hinweg. Tatsächlich stösst das Zusammenspiel von Solisten, Chor und Orchester an seine Grenzen – zumal die lasierende Leichtigkeit der Musik kaum Beihilfe zum erfolgreichen Kaschieren leistet.

Alles ein grosses Spiel

Einige versuchen sich dennoch im tenoralen Strahlen, allen voran Piotr Bezcała als Chevalier des Grieux, was seiner Rolle als feinfühliger Chevalier merkwürdig zu widersprechen scheint – ebenso wie die geschluchzten Tonanfänge kaum zur Introvertiertheit des Charakters passen. Schmiegsamer klingen die langgezogenen Melodien, welche Dirigent Marco Armiliato und die Philharmonia Zürich zum Singen und auch zum Glühen bringen – wunderschön! Stichwort wunderschön: Die Stimme von Elsa Dreisig bildet den beinahe dreistündigen Höhepunkt des Abends. Klar und voll, dabei schlank und beweglich, ist sie es im Wesentlichen, die Manons Figur Natürlichkeit verleiht. Umso mehr, als die Stimme einer 28-jährigen Französin gehört.

Elsa Dreisig singt ihre Manon also quasi mit angeborener Selbstverständlichkeit und jugendlicher Frische. Dass sie eher wenig Fragilität, dafür eine gehörige Portion Burschikoses ausstrahlt, lässt sie verspielt und nie berechnend wirken. So, dass sie selbst angesichts des Todes in den Armen des Chevaliers singen kann: «Jetzt ist Manon wieder glücklich.» Denn für sie war alles nur ein grosses Spiel. Und jetzt ist das Spiel eben aus.

Manon – Opernhaus Zürich: Weitere Vorstellungen am 10., 13. und 18. April.

www.opernhaus.ch