Kolumne

Gebucht-Rubrik mit Regisseur Boris Nikitin: «Lesen ist für mich etwas Körperliches»

Boris Nikitin, 40, ist Gründer des Festivals Basler Dokumentartage «It’s the Real Thing».  Bild: Kenneth Nars

Boris Nikitin, 40, ist Gründer des Festivals Basler Dokumentartage «It’s the Real Thing». Bild: Kenneth Nars

Der Schweizer Theaterregisseur und -kurator Boris Nikitin weiss, warum es sich lohnt, Bücher zweimal aufzuklappen.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Boris Nikitin: Ich habe keinen Nachttisch, Bücher liegen bei mir im Zimmer herum. «Nach der Flut das Feuer» von James Baldwin, Simone Lapperts Roman «Der Sprung», «2666» von Roberto Bolaño, die Bibel, das «Rolling Stone»-Interview mit Susan Sontag. Ausserdem «Rückkehr nach Reims» von Didier Eribon und «Überbitten» von Deborah Feldmann. Manche der Bücher habe ich bereits gelesen. Ich lese Bücher oft mehrmals. Die Wiederholung hat etwas Einfassendes, Formales, fast schon Freundschaftliches.

Wie lesen Sie?

Ich lese nur Gedrucktes und unterstreiche Sätze, schreibe Kommentare. Lesen ist für mich etwas Körperliches. Getrennt sein zu können von der alltäglichen, vernetzten Realität, ist für mich wichtig. Dafür brauche ich ein Medium, das technisch nicht in der Lage ist, sich mit irgendetwas zu verbinden ausser mit mir selbst.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert? Und warum?

«Bartleby oder die Kontingenz» von Giorgio Agamben. Dieses kleine Buch war für mich eine innere Revolution. Mit dem Text habe ich gelernt, wozu Theorie in der Lage sein kann. Seit dem ersten Lesen 2007 sind die darin formulierten Gedankengänge für mich ein Werkzeug, das ich in fast jeder Lebenslage konkret anwende. Der Text beschäftigt sich mit Melvilles Romanfigur Bartleby. Es geht um die Fähigkeit, Nein zu sagen. Wenn die Realität droht, mich zu verschlucken, dann hilft mir dieser Text immer wieder.

Welches aktuelle Buch empfehlen Sie unseren Lesern?

«Nach der Flut das Feuer» von James Baldwin. Ein Text von 1963, der vor ein paar Monaten in einer deutschen Neuübersetzung erschienen ist. Baldwin beschreibt darin seine Erfahrung als schwarzer Bürger in den USA und die strukturelle und reale Gewalt, die damit verbunden ist. Zugleich ist es ein Text über innere und äussere Widerstände. Ein starker, wütender, schöner Text, ein Akt der schreibenden Selbstermächtigung.

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Meistens gehe ich mit meinem Partner samstags in die Buchhandlung. Beim Herumstöbern stosse ich auf Bücher, die ich schon lange lesen wollte oder von denen ich gehört habe.

In welche Romanfigur haben Sie sich verliebt?

In Dorian Gray! Es ist vermutlich ein Klischee, aber das ist der Name, der im Gedächtnis aufklappt. Ja, Dorian Gray! Ich hab das Buch gelesen, als ich 15 war. Als nicht geouteter, schwuler Teenager packt dich diese Figur erotisch an der Gurgel. Ein Traum und Albtraum zugleich, der sich komplett in deinem Kopf zusammensetzt. Eigentlich triggert das Buch ein total narzisstisches Begehren nach einem Bild, dass du dir von dieser Figur in deiner Fantasie machst. Es gibt kein Gegenüber, das deine Projektionen bremst, nichts, das den Fall aufhält. Vielleicht ist das das Tödliche an Dorian Gray.

Welcher Romanfigur möchten Sie auf keinen Fall in Ihrem Leben begegnen?

Dorian Gray.

Welches Buch haben Sie nie zu Ende gelesen? Warum?

Das Neue Testament. Ich lese immer wieder darin herum. Die Geschichte des christlichen Glaubens und dessen beispiellosen propagandistischen Erfolgs treibt mich seit Jahren um. Aber das Lesen der deutschen Übersetzung strengt mich jedes Mal aufs Neue an.

Welche drei Autoren möchten Sie zu einem Nachtessen gemeinsam einladen?

Ganz unbescheiden? Ein Dinner und Gespräch mit James Baldwin, Susan Sontag und Paulus über Glauben, das fände ich ziemlich gut.

Haben Sie schon Freunde verloren im Streit über Literatur?

Ich spreche fast nie mit anderen über Bücher. Die Beziehung zwischen mir und einem Buch ist etwas sehr Persönliches. Aber ich empfehle Bücher, die mich beeindruckt und bewegt haben, weiter.

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