Der ehemalige Sänger der prägenden New-Wave-Band «Talking Heads» David Byrne strahlt auf der Bühne eine grosse Autorität aus. Eigentlich erstaunlich, denn als Redner wirkt er äusserst ungelenk. Umso sympathischer sind seine Vorlesungen in London, an denen Byrne Projekte aus aller Welt vorstellt, die uns doch noch mit ein bisschen Optimismus in die Zukunft blicken lassen sollen.

«Reasons to be Cheerful» nennt Byrne die Vorlesungen. Er nimmt damit Bezug auf einen Song von Ian Dury, einen Top-3-Hit in England im politisch chaotischen Jahr 1979. Die Vorlesung findet im Roundhouse statt, dort, wo die Hippies zum Sound der frühen Pink Floyd einst von einer neuen Gesellschaft träumten.

Byrne hebt mit stockender Stimme und schlenkernden Armen an: «Es hat mich zunehmend genervt, dass ich jeden Morgen aufgewacht bin und gleich den Kopf voll gehabt habe mit Dingen, die mir die Freude am Tag vergällten». Da habe er sich auf die Suche nach Beispielen gemacht, mit denen er seine Tage zuversichtlicher und heiterer angehen könne.

Probleme blieben unverändert

Gesellschaftskritisch ist auch sein neues Album mit dem doppelbödigen Titel «American Utopia». In Byrnes Augen war Musik noch nie bloss ein Zweig der Unterhaltungsindustrie. Schon im zweiten Album der Talking Heads «More Songs About Buildings And Food» (1978) ging es um die Dilemmas, die der Überlebenskampf in der Grossstadt mit sich bringt. Und einer der populärsten Talking-Heads-Songs, «Once in a Lifetime», stellt die Frage: «Wie bin ich nur an diesem Ort gelandet?»

Für Byrne hat sich seither weder die Problem- noch die Fragestellung geändert. Das zeigt ein Aufsatz, den Byrne zum Erscheinen von «American Utopia» verfasst hat. Die USA seien als utopisches Experiment gegründet worden, heisst es darin. Ein Experiment allerdings, in dem von Anfang an ein Gift steckte: «Denn es wurde allein von weissen Männern durchgeführt … ausgetragen auf dem Rücken von Sklaven, das halbe Land ohne Stimme.»

Bei aller Verwerflichkeit und Tragik habe indes immer der Traum im Mittelpunkt gestanden, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Fairness einhergehe mit dem Freiraum, Talente zu entfalten und Hoffnungen zu erfüllen. «Nun sieht es aber so aus, als ob uns diese Möglichkeiten weggenommen würden. Als ob das Experiment vor dem kompletten Kollaps stünde.»

Mit «American Utopia» und «Reasons to be Cheerful» versucht Byrne Gegensteuer zu geben. Oft ist heute der Vorwurf zu hören, Pop- und Rockmusiker kümmerten sich nurmehr selten um den Gang der restlichen Welt. Byrne ist ein schlagendes Gegenbeispiel. Eines auch, das mit der technologischen Entwicklung Schritt gehalten hat. Ein Lied allein könne nichts verändern, sagt er im Roundhouse: «Aber Musik kann als Modell dienen. Sie kann uns zeigen, was ist und was sein könnte.»

Für die Aufnahmen von «American Utopia» hat sich David Byrne wieder mit Brian Eno zusammengetan, der als Produzent schon für drei frühe Talking- Heads-Alben mitverantwortlich gewesen war und mit Byrne mit «My Life in the Bush of Ghost» (1981) eines der wichtigsten Alben der Sampling-Geschichte geschaffen hat. Zu den weiteren Gästen zählen Thomas Bartlett alias Doveman, Jack Penate, Sampha und Oneohtrix Point Never.

«Die ambitionierteste Show»

Über viele Jahre und Projekte hinweg ist Byrne inzwischen bei einem Musikstil gelandet, in welchem all die diversen Zutaten – südamerikanische Rhythmen, afrikanische Melodik, Elektronik, Rap, experimenteller Rock, Soul – zu einem Stil verschweisst worden sind, der keine Nahtstellen mehr erkennen lässt und sogleich als das Werk von Byrne erkennbar ist.

Bald geht David Byrne auch wieder einmal auf Tournee. Natürlich kündigte er diese per Twitter an. Versprochen ist eine Multi-Media-Show mit fünf Perkussionisten, einem Choreografen, neuen Songs und alten Hits. «Es ist die ambitionierteste Show seit der, die Kinoregisseur Jonathan Demme vor 34 Jahren in den Talking-Heads-Konzertfilm ‹Stop Making Sense› verwandelte.» Was Byrne damit meint: Der Erfolg von früher habe den Platz geschaffen, Dinge auszuprobieren, die sonst kaum möglich wären.

David Byrne American Utopia (Nonesuch/Warners). Erscheint am 9. März. Parallel zur Albumveröffentlichung hat Byrne einen Blog eingerichtet. Live: 17. Juli im Theater 11 Zürich.