Kolumne

«Glamour, mon amour»: Die einen setzen auf Masken, die andern schminken sich ab

Auch «Tagesschau»-Moderatorin Katja Stauber musste sich bei ihren letzten Auftritten selbst schminken.

Auch «Tagesschau»-Moderatorin Katja Stauber musste sich bei ihren letzten Auftritten selbst schminken.

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über Moderatoren, die in der Krise einen freundschaftlicheren Eindruck machen.

Ich muss ehrlich sagen, ich bin begeistert, dass sich unsere Damen und sicher auch einige Herren vom Fernsehen jetzt selbst schminken müssen. Ich schaue sie nämlich sehr gern an, die immer noch sehr schönen, aber jetzt etwas zugänglicheren Gesichter, die zu den gewohnt professionellen, uns allen vertrauten Stimmen gehören.

Die Trägerinnen und Träger der Nachrichten, an deren Tropf wir in diesen Tagen hängen, als müssten wir sonst verdursten. Sie sehen jünger, müder, natürlicher, älter, verletzlicher aus als sonst. Ja, sie sehen anders aus. Und ich betrachte sie mit mehr Sorge, mehr Anteilnahme, persönlicher, freundschaftlicher, obwohl sie mir abseits des Bildschirms gar nicht näher sind.

Es ist eine der paradoxen Begebenheiten dieses seltsamen Frühlings: Während alle andern Masken wollen, haben sie ihre Masken abgelegt. Während wir uns zwischen den Einkaufsregalen im Coop oder in der Migros, die immer noch im gleichen Abstand zueinander stehen, am liebsten alle verhüllen möchten, zeigen sie uns ihr alltäglicheres Gesicht.

Was ich ebenfalls gut finde: Dass die – immer noch sehr schönen – Moderationskostüme jetzt oft mehr als einmal zum Einsatz kommen. Das zeugt von einer haushälterischen Umsicht. Jetzt bloss keine Ressourcen verschleudern.

Eine Freundin schrieb mir vor ein paar Tagen, sie befände sich in tiefer «Konsumtrauer». Zuerst dachte ich, sie spinnt, wer denkt denn jetzt ans Genuss-Shoppen? Aber je öfter ich meinen kleinen Tagesspaziergang durch das grosse, leere Zürich mache, desto häufiger denke ich, dass sie recht hat. Es geht dabei gar nicht darum, dass wir uns unbedingt etwas anderes kaufen müssten als das Verbrauchsmaterial des täglichen Bedarfs.

Ich glaube, wir kommen nämlich gerade zur Einsicht, dass wir von allem mehr als genug haben: genug Kleider, Schuhe, Geschirr, Bettwäsche und Balkonmöbel. Genug Bratpfannen, gute Küchenmesser, Handtücher, Wäscheklammern und Espressokannen. Es sei denn, etwas geht kaputt. Es sei denn, man hat Kinder, die über Nacht aus allem herauswachsen. Aber grundsätzlich haben wir genug.

Worum also geht es bei der Konsumtrauer? Doch allein um die Möglichkeit, die uns für diesen Frühling genommen wurde. Die Möglichkeit, Dinge zu erstehen, die uns und unser kleines Nest verschönern könnten. Die Möglichkeit, uns etwas leisten zu können.

Uns etwas zuliebe zu tun. Nur theoretisch. Praktisch hat man am Ende ja dann doch oft weder Geld noch Zeit noch Platz. Es sind also nicht die Dinge, die wir brauchen, es ist diese Idee der Möglichkeit, die wir brauchen. Denn Möglichkeit ist ein anderes Wort für Freiheit. Und von ihr haben wir gerade alle etwas zu wenig.

Dies, liebe Leserinnen und Leser, war eine kleine Beobachtung am Rand einer riesengrossen Krise. Die uns vielleicht zu etwas besseren Menschen macht. Etwas bescheidener, zugänglicher und uneitler, weniger «maskiert» im Umgang miteinander. So wie unsere Leute im Fernsehen. Man darf sie sich ruhig ein bisschen zum Vorbild nehmen.

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