Kolumne

«Glamour, mon amour»-Kolumne: Der Zauber der Schweizer Städtchen

Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier Bild: CH Media

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über den Kontrast zwischen internationalen Metropolen und Schweizer Städten.

Der Januar führte dazu, dass ich an einem Wochenende in Bern, Biel und Solothurn arbeiten musste. Die Wege zwischen den Städten waren absurd kurz, 15 Minuten Zugfahrt zwischen Solothurn und Biel, eine halbe Stunde zwischen Biel und Bern, in Berlin kommt man in dieser Zeit mit der U-Bahn knapp von einem Stadtteil zum übernächsten.

Und ich gebe zu: Ich war verliebt. In Solothurn, das sich während der Filmtage so pittoresk in seinem ewigen Nebel zu räkeln weiss, als sässe es gerade lasziv in einem wohlriechenden Dampfbad und nicht in einer kalten Suppe. In Bern, wo die Leute nun mal einfach reden, als hätten vom Kiffen träg gewordene Engel ihre Werkzeugkiste der Poesie an einem Sommerabend an der Aare liegen lassen. Und schliesslich in Biel, wo ich lauter Dinge entdeckte, die aus anderen Städten in einer Zeit vor unserer zu stammen schienen.

Da gab es Strassen, die aussahen wie der Berliner Stadtteil Neukölln vor der Gentrifizierung, ein wenig rough, ein wenig hässlich und sicher nicht unter der Fuchtel der Selbstdarstellung. Ich sah Strassenbahnhaltestellen und Bars, die nachts exakt so beleuchtet waren, wie man sich ein Bild von Edward Hopper vorstellt, dass sich das Herz sofort nackt und bloss vor lauter Einsamkeit fühlt.

Und: Ich fand das Café Odéon. Zuerst ging ich Sonntagnacht daran vorbei, es war dunkel und geschlossen, aber ich sah das auskragende Dach über dem Trottoir, die schwungvolle Leuchtschrift und innen die Séparées und eine Tapete mit roten Rosen und Lilien, und es war klar, dass alles richtig, richtig alt war, dass die Sessel wohl schon seit einigen Jahren durchgesessen und nicht mehr allzu bequem waren, aber dass alles richtig, richtig schön war. Ein Stück geronnene Zeit.

In Wien würde man das Odéon Kaffeehaus nennen, unter eine Glasglocke stellen und Tag und Nacht bestaunen, weil es dort ein derart typisches, in vielerlei Feinheiten erhaltenes Kaffeehaus fast nicht mehr gibt. Ich beschloss, meinen Nachtspaziergang zu einem Tagesaufenthalt zu machen. Ich setzte mich am Montag für zwei Stunden ins Odéon und bestellte Verveine-Tee, ich googelte und las, dass es 1930 die erste eingetragene Bar in der Schweiz gewesen sei, heuer also seinen Neunzigsten feiert.

Ich studierte die Menschen. Alte Damen, die sich vor dem Café-Besuch die Haare besonders schön gemacht hatten. Einsame Männer, die ein Vierer-Séparée besetzten und vielleicht hofften, dass sich die junge Bardame, die alle Roxy riefen, für ein Viertel Bier zu ihnen setzen würde. Paare, die friedlich am Fenster sassen und mit der Paaren eigenen Einigkeit andere Paare und Passanten kommentierten, eine junge Frau, die sich versonnen über ihren Laptop beugte und schrieb.

Es lag ein angeregtes Summen und Sinnen über all den Tapeten, Spiegeln, flach gesessenen Plüsch-Polstern und Marmortischchen. Ich bat Roxy um einen zweiten Tee und horchte in mich hinein und wusste: Hier war ich vollkommen glücklich.

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