Musik
Grossartiger, düsterer Pop aus den USA von der 25-jährigen Julien Baker

Ihr neues Album «Little Oblivions» ist harte Kost. Julien Baker packt Drogen, Ratlosigkeit und Zweifel in ihre Songs, bietet aber letztlich etwas Hoffnung in der Dunkelheit.

Michael Graber
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Julien Baker singt auf «Little Oblivions» über Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Julien Baker singt auf «Little Oblivions» über Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Bild: Alysse Gafkjen

Nein, natürlich ist nicht alles schwarz-weiss im Leben. Manches ist auch nur schwarz. Zumindest für gewisse geplagte Seelen. Und so eine ist Julien Baker. In «Hardline», dem Eröffnungsstück ihres neuen Albums, hadert sie 3 Minuten und 51 Sekunden mit sich. Mit der Sucht. Mit dem Leben. Und am Schluss eben: «Oh, it isn’t black and white. What if it’s all black, baby? All the time.» Da kommt keine Erlösung. Kein Happy End. Es bleibt dunkel. Alles schwarz.

Dazu verzerrte Orgelklänge und im Mittelteil kumuliert alles in einer musikalischen Explosion. Aber sie reinigt nicht, sie explodiert einfach, und weiter geht’s. Julien Baker packt Drogen, Ratlosigkeit, Zweifel in «Little Oblivions». Es ist manchmal zu viel. Es erschlägt einen in den grausamsten Momenten. Die 25-jährige Amerikanerin schont weder sich noch uns. Der Absturz. Das Zerbrechen. Das ständige Scheitern an sich selbst. Baker hat immerhin den Glauben, der ihr dann und wann Kraft gibt, der aber auch mal zu einem ihrer Dämonen wird.

Weg von der Reduktion, hin zur Opulenz

Es ist eine intensive Platte. Und anders als auf ihren zwei bisherigen Soloalben ist Baker musikalisch opulenter geworden. Weg von den spärlichen Arrangements hin zu wuchtigen Nummern. Das geht oft gut. Nicht ganz immer. Mal erschlägt es einen doppelt. Das ist gewollt, funktioniert in einem Kontext, in dem alles ein bisschen too much ist, aber nicht durchgehend. In den stärksten Momenten haut es einen buchstäblich weg, in den schwächeren verpufft die Kraft mitunter. Dem Gesamteindruck schadet dies aber nur beschränkt. Es ist ein gelungenes, dichtes Album, dessen dunkler Energie man sich kaum entziehen kann.

Das hängt natürlich auch mit Bakers Stimme zusammen. Viel Ausdruck, viele Abgründe, viele Feinheiten. Wenn sie singt, dann geht das direkt ins Herz. Das macht ihre sonst schon direkten Botschaften noch direkter. Diese Doppelung funktioniert aber im Gegensatz zu der musikalischen Doppelung stets.

«Beat myself until I’m bloody», singt sie gleich zu Beginn von «Ringside». Hier schlägt der Selbsthass in Selbstzerstörung um. «So you could either watch me drown / Or try to save me while I drag you down», heisst es weiter. Entweder könne man ihr beim Ertrinken zuschauen oder beim Versuch, sie zu retten, selber runtergezogen werden, so Baker. Eine dritte Option gibt es scheinbar nicht. All black eben. Etwas Hoffnung aber dann doch: «Niemand verdient eine zweite Chance, aber ich bekomme immer wieder welche», singt sie ganz zum Schluss des Songs. Ein bisschen Licht ist da schon. Man muss es nur suchen.

Nach der Dunkelheit wird es wieder farbig

Und interessanterweise geben die Songs von Julien Baker genau darum Hoffnung, weil sie nicht die Geschichte von der schnellen Erlösung erzählen. Wir kennen alle das Gefühl von dunklen Stunden und wissen, dass die Floskel «es kommt schon gut» überhaupt nichts bringt. Es kommt ja dann schon gut, aber das will man in diesem Moment nicht hören. Dank Bakers Zeilen fühlt man sich in der Dunkelheit nicht so alleine, oder man erinnert sich daran, dass das Leben nach Momenten voller All-black dann doch wieder recht farbig geworden ist.

Julien Baker: Little Oblivions (Matador/Musikvertrieb)