In einem seiner seltenen Interviews antwortete der grosse, inzwischen 84 Jahre alte US-Schriftsteller Philip Roth auf die Frage, weshalb er 2007 aufhörte zu schreiben: «Weil ich den starken Verdacht hatte, dass ich meine beste Arbeit geleistet habe, alles Folgende wäre schwächer.»

Gleiches gilt inzwischen leider auch für den 1949 in Kyoto geborenen Japaner Haruki Murakami, der als Romanschreiber in der Tat bessere Tage gesehen hat. Denn sein neuer, soeben auf Deutsch erschienene Roman «Die Ermordung des Commendatore – Teil 1» ist nichts weniger als ein literarischer Totalschaden und eine schriftstellerische Bankrotterklärung!

Erschütternde Imitation

Man muss inzwischen relativ weit zurückgehen, um überhaupt noch auf Arbeiten des Japaners zu stossen, die mehr zu bieten haben als verkitschte, von pseudo-philosophischen Kalenderspruchweisheiten durchzogene Poesiealbum-Prosa. Trotzdem kommt sein Name seit geraumer Zeit regelmässig auf die Agenda, wenn es Herbst wird – und das Nobelpreis-Gremium sich daranmacht, den neuen Preisträger auszuloben.

Mit der vorliegenden Arbeit sollte sich das hoffentlich für lange Zeit erledigt haben. Denn sein Buch führt beispielhaft vor, wie ein offenbar allzu erfolgsverwöhnter Autor von allen guten Geistern verlassen wurde. Schrieb Murakami früher halbwegs brauchbare Romane (er ist übrigens ein weitaus besserer Kurzgeschichtenautor), so präsentiert sein neues Buch bloss noch eine erschütternde Imitation eines solchen, vollgestopft mit allerbilligsten Klischees.

«Bei diesem Gedanken überfiel mich ein solches Gefühl der Ohnmacht, als hätte ich mich in völliger Dunkelheit verirrt» heisst es einmal über den namenlosen Ich-Erzähler. Kein Wunder! Denn der Grund für seine und unsere Totalverwirrung liegt auf der Hand!

Alles in diesem Roman, der die Geschichte eines nach Sinn und neuer Bestimmung suchenden Porträtmalers entrollt, indem er auf eine Initiationsreise geht, ist recycelt: die zahlreich aus früheren Romanen des Autors schamlos zusammengeklaubten Motive ebenso wie die schlampige, gedankenunscharf vorgetragene Sprache. Ganz zu schweigen von den Dialogen, die sich anhören, als hätte ein drittklassiger und leicht angetrunkener Hollywood-Drehbuchschreiber versucht, tiefsinnig zu sein.

Beispiel gefällig? Bitte schön! So heisst es einmal in einem Dialog zwischen dem Ich-Erzähler und einer seiner diversen, an sich zweifelnden Geliebten:

«Mir erscheinst du ziemlich taufrisch.»

«Wenn Du das so sagst, komme ich mir irgendwie recycelt vor.»

«Du meinst, ich trage zur Regenerierung deiner vorhandenen Ressourcen bei?»

«So was in der Art.»

«Recycling ist wichtig», sagte ich. «Und von grossem Nutzen für die Gesellschaft.» Und so weiter, und so weiter.

Doch worum genau geht es in Murakamis neuem, mit dem Untertitel «Band 1: Eine Idee erscheint» versehenen Buch, dessen Fortsetzung für April angekündigt ist? Erzählt wird die Geschichte jenes besagten Porträtisten, der sich an einem Scheideweg wähnt: Seine Frau hat ein Verhältnis mit einem anderen begonnen – und drängt auf die Scheidung. Grosse Unglücksgefühle beschleichen ihn deswegen aber nicht.

Seine Malerei betreibt er – wie alles andere auch – mit der Leidenschaftslosigkeit eines Betäubten. Überhaupt hat man beim Betrachten der Figur das Gefühl, als habe sein Schöpfer krampfhaft versucht, eine Art «Meursault»-Figur zu entwerfen, wie Albert Camus sie einst in seinem Meisterwerk «Der Fremde» schuf: ein Wesen, das empathielos durch seine Tage treibt, unfähig zu grösseren Gefühlsausbrüchen.

Doch während Camus’ «Fremder» durch eine ebenso irritierende wie faszinierende Indifferenz bestach, erscheint Murakamis Figur als reines Gedankenkonstrukt, blass und nichtssagend. Lustlos berichtet er uns von seiner Ehe und seinen diversen, ebenso pomadig abgespulten Sexgeschichten. Was ihn umtreibt, bleibt unklar.

Wie hängt das alles zusammen?

Erst als er im leerstehenden Haus eines Freundes Unterschlupf findet, dessen Vater ein berühmter Vertreter der sogenannten Nihonga-Malerei war, kommt so etwas wie Leben in Murakamis Blässling. Und als er per Zufall auf dem Dachboden des Hauses ein Bild mit dem Titel «Die Ermordung des Commendatore» findet, wird zumindest momentlang das detektivische Interesse im Leser geweckt, der sich fragt: Wie hängt das alles zusammen?

Das Bild spielt auf eine Szene aus Mozarts Oper «Don Giovanni» an und darüber hinaus – wie sich wenig später erschliesst – auf einen Attentatsversuch im Wien des Jahres 1938, wo der Vater des Freundes damals studierte. Zuletzt gesellt sich ein undurchsichtiger Nachbar hinzu, der unserem Helden den Wunsch anträgt, von ihm porträtiert werden zu wollen. Als eine Menge Geld ins Spiel kommt, nimmt der Maler das Angebot an – und seine Arbeit auf. Wie all das indes zusammenhängt, das lässt dieser erste Teil offen. Es soll ja schliesslich weitergelesen werden in Teil zwei!

Charakteristisch für die im Buch erwähnte, 1890 von dem amerikanischen Orientalisten Ernest Fenollosa und dem japanischen Kunsthistoriker Kakuzo eingeführte Stilrichtung Nihonga-Malerei ist übrigens der bewusste Verzicht auf Tiefendarstellung und Schattierungen. Darin wenigstens findet Murakamis Werk eine gewisse Entsprechung: auch ihm geht jede Tiefe ab. Von Schattierungen ganz zu schweigen.

Haruki Murakami «Die Ermordung des Commendatore. Band 1: Eine Idee erscheint.» Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont-Verlag, 480 Seiten.